HBC Nantes: Jahrelange Reife zum europäischen Spitzenklub

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Zwei Starts, zwei Turniersiege: Der HBC Nantes hat beim internationalen Handballturnier in Ehingen eine eindrucksvolle Serie zu verteidigen. Der französische Erstligist, der 2016 erstmals am Sparkassen-Cup teilnahm, hat noch kein Spiel in der Längenfeldhalle verloren, nicht einmal ein Unentschieden gab es mit Beteiligung von Nantes. Die Fortsetzung der Erfolge ist nicht ausgeschlossen, die Mannschaft von Trainer Thierry Anti gilt 2018 als Top-Favorit – obwohl ein Leistungsträger und großer Sympathieträger seine Karriere vor Kurzem beendete.

Dominik Klein war 2016 nach zehn Jahren in Kiel und vielen Erfolgen mit dem THW und der deutschen Nationalmannschaft (unter anderem Weltmeister 2007) nach Nantes gewechselt. Den Schritt hat er nie bereut. „Ich freue mich riesig, dass wir diese Auslandserfahrung zum krönenden Abschluss noch machen konnten“, schrieb er zum Abschied auf seiner Facebookseite. Doch aus privaten und familiären Gründen zog der 34-Jährige, der mit seiner Ehefrau Isabell, ebenfalls eine langjährige Profi-Handballerin, im September das zweite Kind erwartet, den Schlussstrich unter den Leistungssport.

Drei spanische Europameister

Kleins Nachfolger als Linksaußen von Nantes ist nicht weniger bekannt und erfolgreich: Der Spanier Valero Rivera kehrte vom FC Barcelona zu dem Verein zurück, für den er schon 2010 bis 2016 aktiv war. Der 33-Jährige war mit Spanien 2013 Welt- und 2018 Europameister – den EM-Titel holte er zusammen mit zwei Teamkollegen, die seit Jahren zu den Stützen des HBC Nantes zählen: Rückraumspieler Eduardo Gurbindo und David Balaguer, der beste Rechtsaußen der vergangenen Champions-League-Saison. Ein weiterer Spanier steht bei den Franzosen unter Vertrag, wenn auch nicht mehr auf dem Feld: Alberto Entrerríos, zweimal Weltmeister und einer der besten spanischen Handballer aller Zeiten, beendete 2016 im Alter von 39 Jahren seine Karriere in Nantes und arbeitet seither als Co-Trainer von Anti.

Thierry Anti ist in Frankreich eine Trainerlegende. Nach Erfolgen mit mehreren französischen Vereinen, darunter Paris St. Germain, übernahm er 2009 den damals mittelmäßigen Erstligisten Nantes und formte ihn über Jahre zu einem Spitzenklub nicht nur in Frankreich, sondern auch in Europa. Der erstmalige Einzug ins Final Four der Champions League 2018 zeugt davon, auch wenn es dann nicht zum Titel reichte. Nach dem Halbfinalsieg gegen Paris ging das Endspiel gegen Montpellier verloren.

In der französischen Liga belegte der HBC Nantes in der vergangenen Saison Rang drei hinter Meister und Champions-League-Sieger Montpellier und Paris. Dies garantiert dem Verein die erneute Teilnahme an der Champions League. „Nantes will sich dauerhaft in der absoluten Spitze etablieren“, sagt Andreas Wax, Sportlicher Leiter des Ehinger Vereins zur Förderung des Handballsports (EVFH), der den Sparkassen-Cup ausrichtet. Nantes’ Erfolge der jüngsten Vergangenheit – 2018 Einzug ins Final Four der Champions League, 2017 Gewinn des französischen Pokals – sollen keine Eintagsfliegen sein.

Andreas Wax weilt beruflich immer wieder in Frankreich und hat das Wiedererstarken des Vereinshandballs verfolgt. Früher verließen französische Spitzenspieler das Land und verdienten ihr Geld in Deutschland oder Spanien, doch in den vergangenen Jahren sind die meisten von ihnen in die Heimat zurückgekehrt. „Die französische Liga hat enorm aufgeholt. Vieles ist professioneller geworden“, sagt Wax. Dies betrifft auch die mediale Vermarktung des Handballsports und der höchsten Spielklasse, die „Lidl Starligue“ heißt.

Das deutsche Discount-Unternehmen, Marktführer in diesem Segment in Frankreich, stieg als Sponsor ein und weist in seinen Filialen auf die Spiele der französischen Liga hin. „Sobald man einen Supermarkt betritt, hängt da ein Plakat vom Handball“, so Wax. Und nicht nur das: Viele Spieler der französischen Liga, deren Topklubs auch zu Europas besten Mannschaften zählen – neben dem Trio im Final Four der Champions League erreichte Saint-Raphaël das Finale des EHF-Cups – werden im Fernsehen übertragen, was die finanziellen Möglichkeiten der Vereine verbessert hat.

Somit waren die Klubs in Frankreich nicht nur in der Lage, ihre mit WM-, EM- und olympischen Medaillen dekorierten Nationalspieler zurückzuholen, sondern sie lockten auch andere Stars an. Beispielsweise aus Spanien. „Die Spanier gehen nicht mehr nach Deutschland, sondern nach Frankreich“, sagt Wax. Siehe Gurbindo, Balaguer und Valero Rivera, der allerdings noch ein persönliches Motiv für die Rückkehr nach Nantes hat: Er ist der Schwiegersohn des Trainers.

Bestmarke bei WM und EM

Kein Spanier ist Kiril Lazarov, aber er hat vor seinem Wechsel 2017 lange in der spanischen Liga gespielt (Ciudad Real, Atlético Madrid, zuletzt FC Barcelona). Der in seiner Heimat Mazedonien populäre Lazarov („Es kommt häufiger vor, dass ich im Restaurant keine Rechnung bekomme“) ist der erfolgreichste Werfer der Champions League und hält auch als Nationalspieler Rekorde – so erzielte er die meisten Treffer bei einer WM (92) und einer EM (61). 2016 wurde er zum besten rechten Rückraumspieler im All-Star-Team der Champions League gewählt. 38 Jahre alt ist Lazarov, aber noch immer ein entscheidender Spieler – ob fürs Nationalteam oder für Nantes.

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