Die besondere Kraft der Farbe Rot

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Friedrich Hog

Ganz viele Menschen sind am Sonntag in die Städtische Galerie gekommen, um mit Anne Linder die Offene Frühjahrsausstellung der Kunstfreunde Ehingen zu erleben. Das Thema „Rot“ polarisiert und fasziniert. Die Besucher zeigten sich von Anfang an begeistert, und hatten viel lobende Worte für die ausgestellten Werke.

In ihrer Begrüßungsansprache ging Anne Linder direkt auf die Farbe Rot ein. Diese sei die beliebteste Farbe und symbolisiere gegensätzliche Dinge wie Freude, Vitalität, Liebe, Erotik, rote Herzen, rote Rosen, Rotlichtbezirk auf der einen Seite, aber auch Aggression, Zorn, die rote Karte, Gewaltbereitschaft auf der andern Seite. „Das Adrenalin steigt, der Atem wird schneller“, sagte Linder, die ihrer Hoffnung Ausdruck verlieh, dass niemand hyperventilieren möge, und sie ergänzte: „Für ein Bewerbungsgespräch ist die Farbe Rot nicht zu empfehlen.“ Im Mittelalter sei rote Kleidung den Würdenträgern vorbehalten gewesen, auch heute falle man in roter Kleidung noch auf: „Rote Kleidung ist attraktiv, weckt unter Frauen sogar Neid und Eifersucht.“

Und rote Kleidung hat Elke Joos in großer Vielzahl an der Wand eines Raumes im zweiten Obergeschoss angebracht. Sogar ein Kleiderhaufen am Boden war zu sehen, ein Preisschild stach hervor. Damit macht die Künstlerin auf die Wegwerfgesellschaft aufmerksam, in der viele Kleidungsstücke kaum häufiger als einmal getragen werden. „Politisch steht die Farbe Rot für die Arbeiterbewegung, die Sozialdemokratie, den Sozialismus und den Kommunismus“, ergänzte Linder, und gab die Ausstellung für die Besucher frei, in der Hoffnung, dass die Farbe Rot die Besucher positiv stimmen möge. Zu sehen sind in der Ausstellung, verteilt auf die beiden Obergeschosse, 160 Objekte und Bilder. Dabei lassen die Räume die Aufteilung der Werke in Themenbereiche zu. Der „Tsunami an Ideen“, wie Linder es erfreut formulierte, konnte so einzelnen Kabinetten zugeordnet werden. Vertreten sind professionelle Künstler, aber auch Freizeitkünstler vom Kindergarten- bis zum Rentenalter. „Am Anfang der Kunst steht nicht das Können, sondern Kreativität, Inspiration, Leidenschaft. So entwickelt sich das Können“, so Linder.

„Das ist echt gut“ sagte jemand spontan beim Betrachten von Heidi Wohllebs „Lady in red“. Das große Bild hatte eine besondere Strahlkraft, „die kann echt schön malen“ sagte jemand anderes zu einem anderen Zeitpunkt beim gleichen Werk. Anne Linder selbst ist vertreten mit der Bilderserie „Always look on the bright side of life...“, in der auf Schwarzweißfotos berühmte Clowns zu sehen sind, mit aufgesetzter roter Nase, einschließlich Donald Trump. Herzallerliebst kommt ein unbetiteltes Werk von Bianca Lerch daher, viele Schmetterlinge in unterschiedlichem Rot lassen Raum für ein Herz. Sehr schön bemalt hat Marion Diesch eine weibliche Büste, und kraftvoll, ja wild und dunkel wirkt Volker Sonntags großes Bild „Der Retter“.

Die Vernissage hinterließ keine Aggressionen bei den Besuchern, sondern liebevolles Staunen, und große Freude. Die Ausstellung in der Städtischen Galerie Ehingen ist bis 9. Juni bei freiem Eintritt zu sehen. Geöffnet ist jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr, zusätzlich an der Museumsnacht am Samstag, den 18. Mai, von 19 bis 22 Uhr. Am Sonntag, 9. Juni um 16 Uhr ist die Preisverleihung, wobei die Besucher jederzeit per Stimmzettel über die Preisträger abstimmen können.

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