Der Unterschied in den Fällen Hess und Boateng

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Schwäbische Zeitung

Die berühmten Fußballclubs aus Barcelona und von Bayern München sowie der SSV Ehingen-Süd hatten am vergangenen Wochenende eines gemein. In ihren jeweiligen Punktspielen hatten die Kirchbierlinger und die Katalanen sowie der SSV und der FCB Vergleichbares erlebt. Barcelona kassierte in der Primera División bei der 1:3-Niederlage bei UD Levante seine drei Gegentreffer innerhalb von sieben Minuten (61., 63., 68.) – in der Verbandsliga Württemberg besiegelte die TSG Hofherrnweiler-Unterrombach ebenfalls in nur sieben Minuten (73., 77., 80.) die 0:3-Niederlage von Ehingen-Süd. Und mit den in der Bundesliga gar 1:5 bei Eintracht Frankfurt unterlegenen Bayern verband den SSV das Los eines frühen Platzverweises: Bayern war nach der Roten Karte für Jérôme Boateng nach knapp zehn Minuten in Unterzahl, Süd nach dem Verlust von Stefan Hess etwas mehr als 20 Minuten.

Die Vergehen von Boateng und Hess waren ähnlich, doch legte Vincent Schöller (Altensteig), Schiedsrichter beim Verbandsliga-Spiel in Hofherrnweiler, strengere Maßstäbe an als sein Bundesliga-Kollege Markus Schmidt (Stuttgart). Schmidt hatte Boatengs Foul zunächst im Strafraum verortet und dem Bayern-Verteidiger nur die Gelbe Karte gezeigt und auf den Elfmeterpunkt gezeigt, ehe er sich korrigierte, den Frankfurtern einen Freistoß knapp außerhalb des Strafraums zusprach und Boateng des Feldes verwies. Das Vergehen von Hess gegen den nach einem weiten Einwurf aufs Tor zulaufenden TSG-Stürmer Daniel Serejo war klar im Strafraum, dennoch gab es für den Süd-Abwehrmann nicht Gelb, sondern Rot. Zwar wurde die „Doppelbestrafung“ zur Saison 2017/18 abgemildert und bei Foul im Strafraum folgt außer einem Elfmeterpfiff nicht zwingend auch ein Platzverweis, doch laut DFB-Regeln muss, um nur Gelb zu erhalten, bei einer Notbremse und Vereitelung einer klaren Chance der Versuch vorhanden sein, den Ball zu spielen. Schöller sprach das im Falle Hess ab – und der Verteidiger akzeptierte die Entscheidung ebenso klaglos wie seine Mitspieler und die Verantwortlichen auf der Bank. Proteste gab es keine.

„Wir haben uns selbst dezimiert“, sagte Trainer Michael Bochtler, der die Aktion seines Innenverteidigers als nicht sehr geschickt bezeichnete. Auch wenn Hofherrnweiler-Unterrombach den Elfmeter in der 24. Minute verschoss und es beim 0:0 blieb, waren die Aussichten, das Unentschieden über fast 70 Minuten zu verteidigen oder das Spiel sogar für sich zu entscheiden, deutlich eingeschränkt. Zumal der Gegner an diesem Tag eine starke Leistung bot und in keiner Phase wie ein abstiegsgefährdetes Team, das es nach Tabellenlage ist, wirkte. Bochtler ließ seine Mannschaft nach dem Aus für Innenverteidiger Hess zunächst unverändert, korrigierte das zehn Minuten später aber: Kapitän Fabian Sameisla, der in der Woche zuvor angeschlagen zwei Trainingseinheiten auslassen musste und daher zunächst auf der Bank saß, kam nach etwas mehr als einer halben Stunde für Offensivspieler Semir Telalovic.

In der ersten Halbzeit fielen keine Tore, auch nach der Pause stand es lange 0:0 – sodass TSG-Coach Benjamin Bilger angesichts der bis dahin von seiner Elf vergebenen Chancen schon Böses schwante. Er habe arge Bedenken gehabt und befürchtet, das Spiel sogar noch zu verlieren. „Ehingen-Süd hat Qualität und wenn man da mal hinten liegt, wird es sehr schwer“, so Bilger. Dann aber fiel doch das 1:0 für Hofherrnweiler und anschließend, weil Ehingen-Süd im Bemühen um den raschen Ausgleich den Defensiverbund lockerte, auch das 2:0 und 3:0.

Für den SSV Ehingen-Süd war es erst die zweite Saisonniederlage und wieder gegen einen Aufsteiger (Ende August gab es ein 1:2 in Pfullingen). Die Kirchbierlinger büßten am 14. Spieltag auch Rang zwei ein, was Trainer Bochtler aber derzeit wenig interessiert. Für ihn zählt, dass seine seit dem neunten Spieltag sieglose Mannschaft bald mal wieder drei Punkte verbucht, weil die Ergebnisse der vergangenen Wochen dafür sorgten, dass das Feld in der Verbandsliga mit Ausnahme von Spitzenreiter Backnang näher zusammengerückt ist. Zuletzt verlor nicht nur Süd gegen eine Mannschaft aus dem unteren Tabellendrittel, sondern auch Hollenbach (2:3 beim nächsten SSV-Gegner Tübingen) und Essingen (1:2 gegen Schlusslicht Heimerdingen). Für Süd ist der Abstand zum Relegationsplatz zwar mit sechs Punkten noch nicht bedrohlich, doch mahnte Trainer Bochtler nach drei Unentschieden und einer Niederlage an, das Punktekonto wieder aufzustocken. Vier Spieltage stehen bis zur Winterpause noch an, die Gegner Tübingen, Wangen, Neckarrems und Essingen stehen alle in der Tabelle mehr oder weniger deutlich hinter Ehingen-Süd. Aber das hat in einer so ausgeglichenen Liga wenig zu sagen. (aw)

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