„Das ist ein absolutes Risiko“

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 Wir wollen peu à peu weiter nach vorn kommen“: Jürgen Schweikardt, Trainer des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart.
Wir wollen peu à peu weiter nach vorn kommen“: Jürgen Schweikardt, Trainer des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart. (Foto: Imago)
Schwäbische Zeitung

Der TVB Stuttgart nimmt zum vierten Mal am Sparkassen-Cup teil. Bisher gelang dem Handball-Bundesligisten in der Längenfeldhalle noch kein Sieg und ob sich dies 2019 ändert, erscheint fraglich. Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen im Kader der Bittenfelder geht es für Trainer Jürgen Schweikardt in erster Linie darum, dass die zu einem großen Teil neu formierte Mannschaft Spielpraxis erhält. Über den Abschied von teils über Jahre prägenden und namhaften Spielern, über die Zugänge und Stuttgart als Handball-Standort sprach SZ-Redakteur Andreas Wagner mit dem 39-jährigen Schweikardt.

SZ: Zum vierten Mal ist der TVB Stuttgart beim Sparkassen-Cup dabei. Wie groß sind die Erwartungen des Trainers vor dem Turnier?

Schweikardt: Wir haben keine zu großen Erwartungen. Am vergangenen Wochenende waren wir bei einem Turnier in Altensteig, bei dem wir gegen die maßgeblichen Konkurrenten Wetzlar und Balingen deutlich verloren haben (21:37 gegen Wetzlar, 26:33 gegen Balingen-Weilstetten, Anm. d. Red.). Wir haben eine komplett neue Mannschaft und man hat gemerkt, dass noch keine Feinabstimmung vorhanden ist. Außerdem haben uns sechs Spieler gefehlt; auf vier von ihnen müssen wir auch in Ehingen verzichten. Deshalb werden wir kleinere Brötchen backen. Dennoch ist für uns jedes Spiel wichtig, auch wenn Nantes, Berlin und Ribe-Esbjerg Gegner sind, gegen die wir uns noch nicht viele Mittel erarbeitet haben. Wir brauchen noch Zeit.

Turniere wie in Altensteig oder jetzt in Ehingen dürften angesichts der personellen Veränderungen im Team für Sie in der Saisonvorbereitung einen großen Stellenwert besitzen.

Eines ist für uns sehr wichtig: Spiele. Wir brauchen Spiele, um an der besagten Feinabstimmung zu arbeiten, die uns als Mannschaft derzeit noch fehlt. Und wir wollen vor der Saison gegen gute Gegner antreten, weil wir auch in der Saison auf solche treffen.

Viele neue Gesichter hat die Mannschaft des TVB, dafür sind etliche Spieler gegangen oder haben aufgehört, darunter teils über Jahre prägende Akteure wie Simon Baumgarten, Tobias Schimmelbauer, Bobby Schagen oder ihr Bruder Michael Schweikardt. Ist das der natürliche Lauf der Dinge oder hat man zur Saison 2019/20 bewusst den tiefen Schnitt im Kader vollzogen?

Das ist der Lauf der Dinge. Simon und Micha sind auch älter geworden und irgendwann muss man einen Umbruch einleiten. Wir haben überlegt und diskutiert, ob wir den Umbruch ein Jahr später vornehmen sollen, aber wir haben uns für den jetzigen Zeitpunkt entschieden.

Bereits Mitte der vergangenen Saison verließ Michael Kraus, Weltmeister 2007 und das wohl bekannteste Gesicht des TVB in den vergangenen Jahren, den Verein. Man trennte sich, obwohl Mimi Kraus eine sehr gute Vorrunde gespielt hatte. War das schon der Beginn des Umbruchs oder hatte die Trennung andere Gründe?

Wir hatten zu Mimi gesagt, dass wir ihm keinen neuen Vertrag mehr geben können. Als das bekannt wurde, äußerte Bietigheim Interesse und bot ihm eine Perspektive über die Saison hinaus an. Deshalb haben wir dem Wechsel zugestimmt.

Wäre nicht namhafte und bekannte Spieler wie Mimi Kraus umso wichtiger für einen Verein wie den TVB, der seine Wurzeln im Waiblinger Stadtteil Bittenfeld hat, vor einigen Jahren nach Stuttgart wechselte und seither in einer Großstadt mit großer sportlicher Konkurrenz um Aufmerksamkeit kämpft?

Natürlich tun uns bekannte Namen gut, aber die Zeit ist nicht aufzuhalten. Dennoch: Die Aufmerksamkeit in Stuttgart steigt und der Verein kommt immer besser an. Wir spielen bereits seit 2012 in Stuttgart, noch bevor der Name in TVB Stuttgart geändert wurde. Und seit 2006 hatten wir schon einzelne Highlight-Spiele nach Stuttgart verlegt. Wir versuchen, immer mehr Fans zu erreichen.

Wie viel Potenzial für Handball sehen Sie in einer Stadt wie Stuttgart, die sportlich geprägt ist vom Fußball und dem VfB?

Natürlich ist es so, dass der Fußball mehr Menschen erreicht. Das ist aber nicht nur in Stuttgart der Fall. Ich denke trotzdem, dass gerade die Zuschauerzahlen der letzten Jahre aufgezeigt haben, dass man hier Erstliga-Handball spielen kann und es viele begeisterte Fans gibt.

Durch einen größeren sportlichen Erfolg ließen sich wahrscheinlich mehr Zuschauer anlocken. Seit dem Bundesliga-Aufstieg 2015 hat der TVB einen Platz im unteren Tabellendrittel belegt und in jedem Jahr gegen den Abstieg gekämpft. Kürzlich äußerten Sie gegenüber der „Handballwoche“, dass auch für die kommende Saison das Ziel Nichtabstieg heißt.

Dieses Ziel gilt mehr denn je. Wir hatten viele Strukturen über Jahre aufgebaut, auf die wir jetzt, durch den Umbruch im Kader, nicht mehr zurückgreifen können. Deshalb geht es für uns weiterhin nur um den Klassenerhalt.

Stellt sich der Verein mittel- und langfristig nicht höhere Ziele?

Wir wollen peu à peu weiter nach vorn ins Tabellenmittelfeld kommen. Aber wir geben jetzt keine Devise aus, dass wir in fünf Jahren da und da sein müssen. Wir wissen, dass wir in der stärksten Liga der Welt sind und mit Vereinen konkurrieren, die über Jahre und Jahrzehnte in der Bundesliga spielen. An denen werden wir nicht einfach so vorbeiziehen.

Unter den Zugängen für die neue Saison sind viele Spieler, die noch keine Bundesliga-Erfahrung haben. Geht der Verein da nicht ein großes Risiko ein?

Das ist ein absolutes Risiko, aber wir glauben an die Spieler und wissen um deren Potenzial.

Der TVB Stuttgart hat in der Vorbereitung bisher ein Trainingslager in Österreich und erste Testspiele in Altensteig absolviert. Welchen Eindruck haben Sie von den neuen Spielern?

Wir haben in der Vorbereitung erst etwas mehr als zwei Wochen hinter uns. Vor allem während unseres Trainingslagers im Zillertal haben wir einen positiven Eindruck von den Neuzugängen gewonnen – zumindest menschlich: Handballerisch lässt sich noch nicht allzu viel sagen.

Sind unter den vier Spielern, die vermutlich wegen Verletzung nicht beim Turnier in Ehingen zu sehen sein werden, auch einige der Zugänge?

Einer, Rudolf Faluvégi. Er hat sich in seinem letzten Spiel in Frankreich (Faluvégi spielt zuletzt bei Cesson-Rennes; Anm. d. Red.) einen Bänderriss zugezogen; aber er war schon mal mit Nantes in Ehingen. Außerdem fehlen uns in Ehingen Samuel Röthlisberger, ein Schweizer Nationalspieler, und gleich beide Spieler für die Rückraum-rechts-Position, David Schmidt und Robert Markotic.

Denkt man über weitere Verpflichtungen nach, sofern die vier verletzten Spieler länger ausfallen?

Da bei allen die Prognose ist, dass sie Mitte oder Ende August zurück sein werden, sind keine weiteren Verpflichtungen geplant.

Bevor der Aufstieg des TVB in den Profi-Handball begann, kam der Verein zu Oberliga-Zeiten zu Punktspielen an die Donau oder nach Oberschwaben. Sie erinnern sich sicher noch an diese Zeit, die noch nicht so lange zurückliegt.

Natürlich, da habe ich selbst noch mitgespielt. Bei allen kurzfristigen Problemen darf man sich schon daran erinnern, wo wir herkamen und wie sich der Verein in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat.

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