Darum wollen Schüler die Türkei nicht in der EU

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Unternehmer und IHK-Präsident Stefan Roell diskutiert mit Schülern über Europa.
Unternehmer und IHK-Präsident Stefan Roell diskutiert mit Schülern über Europa. (Foto: SZ- KÖrner)

Ein Europa ohne Europäische Union, kurz EU, ist für die Zehntklässler und Oberstufenschüler des Johann-Vanotti-Gymnasiums heute nicht mehr vorstellbar. Jetzt kurz vor der Europawahl hat der Unternehmer und IHK-Präsident Jan Stefan Roell mit ihnen über die Bedeutung der EU aus dem Blickwinkel der Wirtschaft diskutiert.

„Frieden ist für uns und die Generation unserer Eltern selbstverständlich. Was heißt innere Sicherheit?“, fragte Roell die Schüler. Ein Mädchen sagte, keine Angst auf der Straße zu haben sei nicht überall selbstverständlich. „Wir nehmen Sicherheit, Rechtssicherheit, Meinungsfreiheit für garantiert. Milliarden Menschen haben das nicht, wo ist es anders?“, fragte Roell. Zögerlich kamen die Antworten: Türkei, China, Nordkorea.

Schüler gegen Beitritt der Türkei in die EU

Was ihnen durch den Kopf gehe, wenn über die Türkei als Beitrittskandidat für die EU gesprochen wird, wollte Roell wissen und ließ die Schüler abstimmen. Drei waren dafür, alle anderen dagegen. Keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit, Inhaftierung von Journalisten, Unsicherheit über die Verschiebung der Außengrenzen der EU waren ihre Argumente für das Abstimmungsergebnis. Für Beitrittsverhandlungen plädierte aber die Mehrzahl der Schüler, „so können wir vielleicht Veränderungen herbeiführen, ihnen unsere Werte vermitteln, man muss miteinander sprechen“, sagten sie.

Wenn wir uns in Europa nicht zusammentun, nimmt uns in der Welt niemand mehr ernst.

IHK-Präsident Jan Stefan Roell

In einem Vergleich hatte Roell ausgearbeitet, dass ganz Europa wirtschaftlich genauso stark sei wie die USA oder China. „Konnte man vor 20 Jahren erwarten, dass die chinesische Power so groß ist. Ja, wieder Weltmacht zu sein, liegt in der chinesischen Kultur drin“, erklärte Roell, der auch ein Unternehmen in China hat. „Wenn wir uns in Europa nicht zusammentun, nimmt uns in der Welt niemand mehr ernst. Wir wollen verstanden werden und unsere Interessen durchsetzen, die Regeln beeinflussen. Sind die Regeln einheitlich, übernehmen andere Nationen sie“, erklärte der Unternehmer.

Zu Fragen ermuntert wollte ein Schüler wissen, warum Roell mit der Türkei Geschäfte mache. „Wenn die Geschäfte fair sind, mache ich sie. Wir machen gute Produkte, die helfen dort, bessere Produkte herzustellen. Aber ich darf nicht jedes Produkt an jeden Kunden verkaufen, da halten wir uns an die Entscheidungen der Bundesregierung“, sagte Roell. „Setzen Sie sich für Europa ein, weil Sie ihre Produkte verkaufen wollen?“ fragte ein Schüler. Wenn Menschen Beziehungen in andere Länder haben - Handel, Schüleraustausch, Auslandspraktika oder -studium - sei das ein Friedensprogramm per se, so Roell.

Ich möchte ein schlankes Europa, das sich um wichtige Dinge kümmert, nicht um Sachen, die in die Länder gehören.

IHK-Präsident Jan Stefan Roell

Er sagte auch, dass der Euro den Deutschen mehr genutzt habe als anderen Euro-Ländern. Nach kritischen Punkten in der EU befragt, antwortete Roell: „Wenn sich Europa um Kinderkram kümmert wie Kreisstraßen oder Olivenöl in Flaschen oder Karaffen in Gastwirtschaften! Ich möchte ein schlankes Europa, das sich um wichtige Dinge kümmert, nicht um Sachen, die in die Länder gehören.“ Deutschland zahlt zehn Milliarden Euro mehr in die EU-Kasse als andere Länder, ob das fair sei, fragten die Schüler. „Ja, weil wir eines der reichsten Länder sind. Wenn irgendjemand das als Argument gegen Europa nennt, halten Sie dagegen, tun Sie sich den Gefallen“, forderte Roell die Schüler auf.

Kein Brexit

Nach dem Brexit befragt, sagte er, dass die Briten wohl nicht ausscheiden werden. „Der Theaterdonner in Westminster hat möglicherweise den Boden bereitet, dass sie in Europa bleiben.“ Grundsätzlich für falsch hielt der Unternehmer, das so etwas durch Volksentscheid entschieden wird. „Wir leben in einer repräsentativen Demokratie. Menschen haben oft keine Ahnung von den Folgen einer Volksabstimmung. Komplexe Entscheidungen darf man nicht auf der Straße treffen“, machte Roell deutlich.

Nach einem Konzept für eine einheitliche Stimme Europas befragt, sagte er, er sei richtig stolz, wie die Verhandlungen mit England gelaufen sind. Verteidigung, Einwanderung, Energie und IT müssen europäische Themen sein. „Wir müssen 40 Jahre im Voraus denken“, forderte Roell die Jugend auf.

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