Blues und Fundstücke aus den 50er-Jahren

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Christoph Wagner und Blues Gitarrist und Sänger Jim Kahr.
Christoph Wagner und Blues Gitarrist und Sänger Jim Kahr. (Foto: SZ- hog)

Die Volkshochschule ging am Mittwoch im Franziskanerkloster zurück zu den Wurzeln mit Christoph Wagners Vortrag „Träume aus dem Untergrund – als der Blues nach Schwaben kam“. Jim Kahr, langjähriger Gitarrist in der Band von Blues Legende John Lee Hooker, begleitete den Abend mit sechs Musikstücken. Im Anschluss eröffnete der Leiter der VHS Peter Dunkl in den Gängen des Klosters die dazu passende Ausstellung „Fundstücke aus 50 Jahren Rockmusik in Ehingen“. Diese zeigt anhand von Plakaten, wie Rock und Blues nach Ehingen kamen.

Was steht auf dem Grabstein eines Bluesmusikers? „Didn’t wake up this morning“. Wenngleich jedes zweite Lied im Blues mit der Zeile „woke up this morning“ beginnt, und der Sänger aus tiefstem Herzen seinen Frust kundtut, hat die Übung doch den Sinn, den Protagonisten hinterher fröhlich zu stimmen. Das ist der Blues, zwölftaktige Musik der African American People in den USA. Er lebt in Städten wie Memphis, Tennessee oder New Orleans, Louisiana, also am Mississippi, aber auch weiter nördlich, z.B. in Chicago, Illinois. Das American Folk Blues Festival und John Lee Hooker brachten diesen Rhythmus und dieses Lebensgefühl vom Mississippi an den Neckar. Musikjournalist Christoph Wagner hat seinen Vortrag per Beamer hierzu mit vielen Zeitungsausschnitten, Konzertfotos, Eintrittskarten und Künstlerfotos unterlegt.

1962 erlebte im Zeitalter des großen Folk Music Booms in den USA auch der Blues eine besonders erfolgreiche Epoche. In jenem Jahr ging das erste American Folk Blues Festival auf Europatournee. Im englischen Manchester schafften es drei wild aussehende Jungs um die 20, an Fritz Rau vorbei zu den Künstlern wie Willie Dixon, T-Bone Walker, John Lee Hooker und Memphis Slim zu gelangen. Im selben Jahr gründeten sie ihre Band, The Rolling Stones, nach einem Lied von Blues Legende Muddy Waters. Es handelte sich um Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones. Joachim-Ernst Berendt hatte in Baden-Baden vom Festival für den SWF einen Mitschnitt gefertigt. In Heilbronn war die Harmonie fast ausverkauft, obwohl man die Musik nur im AFN hören konnte. „Der Blues feiert Triumphe in Heilbronn“ las man in der Zeitung. Das Festival entwickelte sich zu einem jährlichen Event. Horst Lippmann von Lippmann und Rau sei sogar in die USA gefahren, um mit Unterstützung von Willie Dixon die Künstler persönlich zu treffen. 1972 füllte das Festival die Liederhalle Stuttgart.

Einige Künstler aus dem Aufgebot wie Memphis Slim oder Champion Jack Dupree ließen sich in Europa nieder. In der Grugahalle Essen wurde erstmals Rock ins Aufgebot gemischt, Fleetwood Mac, Pink Floyd, Champion Jack Dupree, Alexis Korner oder Taste mit dem irischen Supergitarristen Rory Gallagher waren dabei. John Mayall aus England kam nach Stuttgart und Ulm, und auch die Rolling Stones machten deutsche Hallen unsicher, erinnert hat der Referent an das Konzert 1970 am Stuttgarter Killesberg. Der Engländer Alexis Korner wurde zum Botschafter des Blues in Deutschland. In Kirchheim bot die Bastion Blues Konzerte, und legendär ist der von Walter Gassner organisierte Auftritt von John Lee Hooker am 20. Juni 1976 in der Ermstalhalle Bad Urach, oder jener von Alexis Korner in Münsigen, wo im Anschluss in Gomadingen gejammt wurde, bis die Polizei kam.

In Bad Urach war Jim Kahr der Gitarrist, der mit seiner Band in Los Angeles ein Konzert von John Lee Hooker eröffnet hat, und so von diesem entdeckt wurde. „I Like the Way You Play“, mit diesen Worten Hookers begann eine langjährige musikalische Zusammenarbeit, die bereits am zweiten Tag zu Schallplattenaufnahmen im Paramount Studio in LA mit John Lee Hooker, Joe Cocker und Johnny Guitar Watson führte, „Free Beer & Chicken“ heißt das Album. Hooker, der komfortabel in San Francisco gelebt hatte, saß gerne in seinem Cadillac, hörte Autoradio und qualmte. Seine Hosen waren löchrig von der Asche. Zu Jim habe er gesagt, diese Hosen trage er als armer Blues Musiker in Europa. Gestorben sei Hooker als Multimillionär. Sechs Stücke sang Jim Kahr in Ehingen zu eigener Gitarre, u.a. „What a Wonderful World“, wofür er sehr viel Beifall bekam.

Die deutsche Nachkriegsjugend war begeistert vom Blues, und so hielt dieser auch im Ländle Einzug mit Künstlern wie Joy Fleming oder Wolle Kriwanek. In Ehingen gab es vom 23.-25. September 1988 das „1. Ehinger Festival“ mit u.a. Luther Allison, Element Of Crime oder Time Square. Unter anderem hiervon erzählt die im Nachgang zu diesem Vortrag mit musikalischer Begleitung eröffnete Ausstellung im Franziskanerkloster, die bis Ende Juni Montag bis Freitag von 8-16 Uhr besichtigt werden kann.

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