Archäologen stoßen bei Grabungen auf überraschende Funde

Lesedauer: 4 Min
Schwäbische Zeitung

Die Fußgänger in der Ehinger Innenstadt hatten sich bereits an die Anwesenheit der Archäologen in der Nähe des Marktplatzes gewöhnt. Seit November 2017 fand auf dem Areal des zukünftigen Volksbankhöfe-Komplexes eine archäologische Ausgrabung statt. Nun sind die Arbeiten dort seit Anfang Juni beendet, sieben Wochen früher als geplant – das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart gibt den Abschluss der Stadtkerngrabung in Ehingen bekannt und zieht eine erste Bilanz. Die erste groß angelegte Ausgrabung im Stadtkern förderte demnach einige Überraschungen zutage.

Man hatte mit Spuren mittelalterlichen Handwerks in den Hinterhöfen gerechnet. Stattdessen kamen vor allem die „stillen Örtchen” der ehemaligen Bewohner zum Vorschein. Nicht weniger als elf Latrinen konnten die Archäologen der Grabungsfirma Archäograph ganz oder teilweise freilegen.

Hausmüll in der Latrine

Die Toiletten gehörten zu den inzwischen abgerissenen Häusern an der Schul- und der Sonnengasse. Sie waren nicht alle gleichzeitig in Benutzung. War eine Latrine voll, wurde in der Nachbarschaft eine neue ausgehoben. Obwohl das schon damals nicht gerne gesehen wurde, entsorgten die Ehinger auch ihren Hausmüll im Abort – eine wahre Fundgrube für Archäologen.

Die Abfälle geben Auskunft über die Lebensgewohnheiten vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit: Neben zerbrochenen Gefäßen haben sich vor allem die Knochen verschiedener Tiere erhalten. Aber auch Lederreste, Obstkerne und andere vergängliche Materialien konnten geborgen werden.

Nur wenige Funde aber vermitteln einen derart direkten Einblick, wie das Tonfigürchen, das in einer der Latrinen gefunden wurde: Es zeigt eine Frau, nach der Mode des 16. Jahrhunderts gekleidet, wie sie auch in einem der Bürgerhäuser in der Nähe des Marktplatzes gelebt haben könnte.

Zugeschütteter Keller

Sogar ein bislang unbekannter Keller an der Sonnengasse kam bei den Grabungen zum Vorschein. Die Funde, die darin geborgen wurden, lassen darauf schließen, dass er bereits im 18. Jahrhundert zugeschüttet worden war. Kein Wunder also, dass die Anwohner davon nichts wussten.

Die Archäologen sind in den vergangenen Monaten ganz vorsichtig vorgegangen. Der Bagger wurde eher selten eingesetzt, stattdessen waren die Hauptwerkzeuge der Grabungsarbeiter Schaufel, Spaten, Kelle und Besen zum Mauerputzen. Dass die Grabung so spät im Jahr stattfand, war auch für das Grabungsteam ungewöhnlich.

Während nun auf dem Areal die Baumaschinen anrücken, geht für die Archäologen die Arbeit am Schreibtisch weiter. Zahlreiche Funde müssen gereinigt und untersucht, Bodenproben ausgewertet, Pläne erstellt werden. Viele Fragen zum täglichen Leben vergangener Jahrhunderte im Zentrum von Ehingen können dann beantwortet werden. Knochen und Pflanzenreste geben Auskunft über den Speiseplan im späten Mittelalter. Bruchstücke von Geschirr spiegeln den Geldbeutel und den Geschmack der Eigentümer wider.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen