Wie klingt, was heilig ist?

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Für mehr Menschlichkeit, Freude und Brüderlichkeit tritt das Musikprojekt Adiemus auf – und füllte die evangelische Stadtkirche.
Für mehr Menschlichkeit, Freude und Brüderlichkeit tritt das Musikprojekt Adiemus auf – und füllte die evangelische Stadtkirche. (Foto: baz)
Schwäbische Zeitung
Daniel Baz

Ein großer Zusammenschluss von Musikern der Kantorei Blaubeuren, der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben dem Gospelchor und der Kurrende Blaubeuren hat ein imposantes Musikprojekt in Blaubeurens evangelischer Stadtkirche vorgeführt. Allein schon das Motto des Musikprojekts Adiemus „Songs oft Sanctus“, was man mit Lieder des Heiligtums übersetzen kann, ließ den sakralen Charakter des Werkes erahnen. Und so war es dann auch.

Johannes Baiker, Kantor aus Weingarten, setzte das fantasiereich getextete Werk von Karl Einsenken um. So entstand ein Werk von eigener Qualität und Aussage. Die Solistin Siyou Isabelle Ngnoubamdjum aus Ulm (bekannt unter dem Künstlernamen Siyou Isabell) beflügelte ebenfalls das Ensemble mit ihrer warmen Soulstimme und ihrer begeisternden Ausstrahlung. Das Neuarrangement für gemischten Chor wurde geleitet von Bezirkskantorin Bettina Gilbert.

Vielfältige Stilelemente

Etwas von der geistlichen Weltoffenheit und sinnlichen Lebensfreude Blaubeurens zog sich durch die Handschrift des Konzertes. Zunächst einmal das Faktum. Dann aber auch die Vielfalt der Stilelemente: von Pop- über Gospel-,Volksmusik und Klassik. Sie erinnern an die eigenen Erfahrungen mit dem Heiligen. Das Lied Adiemus fängt mit den Zeilen „Adeamus Dei templum“ – „Lasst uns zum Tempel Gottes gehen“ – an und entfaltet die Anbetungswürdigkeit des Herrn in mehreren Sprachen, darunter Aramäisch, Latein und ein afrikanischer Dialekt. Eines kann man als äußerst kreativ modulierten Tenor des Gesamtwerkes ansehen: Die Sehnsucht nach grenzenloser Mitmenschlichkeit.

In dem zweiten Stück Tintinnabulum (Glöckchen), spürten die Besucher, wie sich der etwas „weltrunderes“ verheißende Bruch von afrikanischer Glaubens- und Lebenskraft und westlicher hellleuchtender sakraler Serenität kunstvoll auflöste. Der Kontrast bildeten die hellen Schellen, die etwas an Glöckchen im Vorfeld des katholischen Abendmahls erinnerten und der folgende chorale Gesang, durch tiefgründende und wässrig schallende Ethnotrommeln unterstützt, sowie das dritte Element: der Gospelgesang von Siyou Isabell.

Einen berührenden Einbruch der Realität in den Klangkörper der Kirche bildete danach eine Information von Bettina Gilbert: Der Dichter Hyacienth Nghuh Tebie, der den Text des Stücks in dem Dialekt seines Heimatdorfes Angie-Batibo in Kamerun verfasste, starb kürzlich an Aids.

Demut vor der Schöpfung und Engagement

Im dritten Stück des Opus mit neun Liedern dem Cantus Inaequalis, in Englisch und Deutsch im Wechsel, war die Berührung des Heiligen in weiblicher Form zu spüren. Dessen Ausdehnung sich in den wässrigen Klängen der Ethnotrommeln und Xylophone plätschernd in einen einfachen, hellen und lichten Fluss der singenden Anbetung, ja der naiven Hingabe an die erfrischende Qualität des lebensspendenden Nasses eingab. „Spüre den heiligen Geist fließen, spüre den Geist fließen, spüre“ hieß es da, zärtlich-hell bekräftigt durch die Schwingungen geschlagener Triangeln. Dieses Lied war ein eindrückliches musikalisches Brennglas für das, was uns in der Natur begegnen könnte, würden wir sie wieder in voller Präsenz wahrnehmen und nicht bloß für unsere Zwecke nutzen.

„Das Projekt soll ein Licht anzünden für mehr Menschlichkeit, Freude und Brüderlichkeit“, sagte Solistin Siyou Isabelle Ngnoubamdjum anschließend. Deshalb wird mit dem Konert auch der Blaubeurer Arbeitskreis Asyl und Integration unterstützt.

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