Rauch quillt aus der Blautopfschule, 100 Bürger schauen zu

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Thomas Heckmann

Ihren Samstag hatte sich die 18-jährige Annika auch ganz anders vorgestellt. Vollkommen ungeplant musste sie sich von der Blaubeurer Feuerwehr über eine Leiter aus dem ersten Stock der ehemaligen Hauptschule retten lassen. Dabei wollte sie eigentlich nur zwei Freundinnen helfen und fand sich dann mitten in der Hauptübung der Blaubeurer Feuerwehr wieder.

Für den Samstagnachmittag hatte die Blaubeurer Feuerwehr zu ihrer jährlichen Hauptübung eingeladen, und Kommandant Uwe Ziegler war schlicht begeistert: Weit über 100 Blaubeurer waren der Einladung gefolgt, um zu sehen, wie die ehrenamtlichen Helfer arbeiten. Unter den Zuschauern waren auch Bürgermeister Jörg Seibold und mehrere Gemeinderäte. Sie alle bekamen über den Außenlautsprecher des Vorausrüstwagens fachkundige Erklärungen zum Einsatzablauf.

Schon im Vorfeld wurden zwei Stockwerke der Schule mit Nebelmaschinen massiv verraucht, um einen Brand zu simulieren, durch leicht geöffnete Fenster drangen die Rauchschwaden nach außen und erzeugten ein dramatisches Bild.

Im zweiten Stock warteten Jugendfeuerwehrmitglieder auf Rettung, ein Stockwerk tiefer standen drei junge Frauen im dichten Rauch hinter dem Fenster. Lea und Marie, beide noch nicht ganz volljährig, hatten sich gemeldet, um als Übungsopfer zu unterstützen. Ihre Freundin Annika, als einzige mit Führerschein und Auto, wollte die beiden nur zum Übungsort fahren, wurde dann aber zum Mitspielen eingeladen. Zusammen mit ein paar Übungspuppen waren es so 13 zu Rettende, was aber die übenden Feuerwehrleute nicht wussten.

Nach der Alarmierung fuhren die vier großen Fahrzeuge der Blaubeurer Feuerwehr an, oft geübt und routiniert mit dem ersten Löschfahrzeug, der Drehleiter, einem zweiten Löschfahrzeug und dem Rüstwagen, einer rollenden Werkzeugkiste für nahezu jedes technische Problem.

Dann hatten die drei Frauen hinter der Scheibe ihren großen Auftritt. Als Opfer in der verrauchten Schule schrien sie mit Leibeskräften um Hilfe, manchmal überschlug sich fast ihre Stimme und mit den flachen Händen schlugen sie gegen Scheiben, auch wenn sie sich zwischendrin mal fragten, wie fest sie überhaupt schlagen dürfen, ohne die Scheibe zu zertrümmern.

Sprung aus dem Fenster

Draußen wird zügig gearbeitet, die Drehleiter fährt rückwärts auf den Schulhof, um mit der 30-Meter-Leiter jedes Fenster der beiden Stockwerke erreichen zu können. Ein Sprungretter wird aufgeblasen und unter ein geöffnetes Fenster des zweiten Stocks gestellt.

Schon springt jemand zur Überraschung der Zuschauer aus dem Fenster und landet mittendrin in dem zwei Meter dicken Luftkissen.

Später sieht man, dass es aus Sicherheitsgründen nur eine Puppe war, die von oben aus dem Fenster geworfen wurde. Die anderen im Rauch Eingeschlossenen im zweiten Stock werden nacheinander mit der Drehleiter aus dem Gebäude geholt.

Lea, Marie und Annika hämmern weiter gegen die Scheiben. Zwei Feuerwehrleute richten eine Leiter auf und halten sie sicher fest, zwei weitere Feuerwehrleute steigen mit Atemschutzgeräten hoch und klettern durch das Fenster in den Rauch.

Die drei jungen Frauen bekommen nun erklärt, wie sie gerettet werden, um sie zu beruhigen und ihnen Sicherheit zu geben. Eine Leine wird unterhalb der Arme um den Oberkörper geschlungen und verknotet. Mit dieser werden sie von oben gegen Absturz gesichert, bevor sie in die Leiter steigen.

Ein Feuerwehrmann geht zur Absturzsicherung voran und dann geht es Stufe für Stufe nach unten in Sicherheit. Jeder schritt muss von den Feuerwehrleuten angesagt werden, teilweise die Füße mit der Hand geführt werden, damit jeder Schritt sicher ist. Auf dem Boden angekommen ist den Dreien die Erleichterung anzusehen.

Auf den Knien nach vorne

Währenddessen sind weitere Feuerwehrleute über das Treppenhaus in den ersten Stock gekommen. Auf den Knien bewegen sie sich fort, denn dort ist der Rauch nicht ganz so dicht als weiter oben. Im Stehen ist der Rauch so dicht, das man bei ausgestrecktem Arm die eigenen Finger nicht mehr sehen kann. Zusätzlich hat der Angriffstrupp eine Wärmebildkamera, die wenigstens warme und kalte Stellen anzeigt. Damit man Menschen im Rauch genauso sehen kann wie auch den Brandherd der Übung.

Nur tastend können die Feuerwehrleute dabei ein weiteres Hindernis umrunden, das für die Übung aufgestellt wurde. Durch mehrere Stellwände wurde der normalerweise breite Gang und Fluchtweg auf Türbreite verengt und war so eine zusätzliche Herausforderung bei fehlender Sicht. Die Atemschutzflaschen auf dem Rücken und der Wasserschlauch, der zum Löschen mitgezogen werden musste, machten die Übung zum schweißtreibenden Erlebnis.

Hydrant nicht zugänglich

Von außen wurden zusätzliche Schläuche zur Löschwasserversorgung aufgebaut. Hierbei erlebten die übenden Feuerwehrleute eine ganz reale Überraschung, denn durch die Bauarbeiten an der Schule war der nächstgelegene Hydrant nicht zugänglich und mit Schlauchhaspeln mussten Leitungen verlegt werden, um den rund 100 Meter entfernten Hydranten an der Alberstraße nutzen zu können.

Nach nicht einmal einer Stunde waren alle Schüler gerettet und der fiktive Brand gelöscht. Die gut 30 Feuerwehrleute wurden mit herzlichem Applaus bedacht, als der Bürgermeister darf hinwies, dass alle Helfer ehrenamtlich tätig sind. An seine Feuerwehrleute gerichtet, lobte er sie mit den Worten: „Wenn es ernst wird, seid ihr da. Tags. Nachts. Immer!“

Höhepunkt für die zuschauenden Kinder war dann die Erlaubnis, unter dem Absperrband hindurchzugehen und alle Feuerwehrautos zu besichtigen und Probezusitzen.

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