Mammutrippe gibt Experten Rätsel auf

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So wurde die markierte Mammut-Rippe aus dem Gravettien gefunden: Die Grabungskampagne am Hohle Fels mit Teilnehmern von fünf Kontinenten dauerte vom 19. Juni bis 28. Juli vergangenen Jahres und war die 21. in Folge. Ein Teil der Ausgräber arbeitete in der Höhle oder beim Schlämmen an der Ach, ein anderer Teil bearbeitete die Funde und sortierte dabei auch die Feinrückstände nach dem Schlämmen im Grabungshaus in Blaubeuren. Zudem war das Grabungsteam dabei, als die Ausweisung des Hohle Fels als eine der sechs neuen Unesco-Welterbestätten im Ach- und Lonetal voranschritt.

Die Ausgrabung konzentrierte sich nun auf die westlichen und nördlichen Bereich des Grabungsareals im Eingangsbereich vor der Haupthalle des Hohle Fels. Es wurden Funde aus allen Perioden vom Magdalénien bis zum Mittelpaläolithikum geboren, darunter 929 Einzelfunde. Ein Großteil habe aus unmodifizierten Knochen bestanden – beispielsweise von Höhlenbären. Da es für die Mammut-Rippe keine optimalen Vergleichsfunde gibt, können nur Vermutungen angestellt werden, welche Funktion diese hatte. (msc)

Professor Nicholas Conard öffnet ganz vorsichtig die hölzerne Schatulle. Mit seinen weißen Schutzhandschuhen nimmt er die Mammut-Rippe heraus und präsentiert sie im Blaubeurer Urgeschichtlichen Museum (Urmu) erstmals der Öffentlichkeit. Mit seinen Fingern streicht er entlang des Fundes aus der Welterbe-Höhle „Hohle Fels“. Das Stück ist 44 Zentimeter lang, hat eine Breite von 5,1 Zentimetern und eine Dicke von 2,1 Zentimeter. Außergewöhnlich, so der der Leiter der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Uni Tübingen und gleichzeitig wissenschaftlicher Direktor des Urgeschichtlichen Museums, sind die Spuren der Bearbeitungen, der Nutzung und der entsprechenden Markierungen darauf.

83, 90 und 13 Striche

Auffällig sei die dickere Kante der Rippe: Diese weist nämlich zwei Reihen von Markierungen auf – eine zeigt insgesamt 83 und die andere 90 Striche. An einer weiteren Stelle sind weitere 13 schwächere und dafür längere Einschnitte zu erkennen.

Fund des Jahres - Mammutrippe mit Ritzungen
Archäologen haben den „Fund des Jahres“ in der Welterbe-Höhle „Hohle Fels“ ausgegraben. Nun wurde der 44 Zentimeter lange Knochen im Urgeschichtlichen Museum der Öffentlichkeit präsentiert und: Er gibt Rätsel auf.

Eine weitere Besonderheit: Schon vor mehr als 30 000 Jahren nutzten die Menschen die Rippenknochen größer Tiere nicht nur als Werkzeug – zum Beispiel für das Walken von Leder – sondern auch als Ersatz für Brennholz, das in der Eiszeit knapp war. „Deswegen ist solch ein Fund, noch dazu so gut erhalten, sehr selten. Über 90 Prozent der Knochen wurde gebrannt. Die Höhlenbärenknochen bilden wiederum eine Ausnahme“, meint Nicholas Conard weiter.

Beeindruckender Fund

Die Mammut-Rippe sei auch ein beeindruckender Fund, weil sie viele Rätsel aufgebe. Dieser „Krimi“, wie ihn Conard und der Archäotechniker Alexander Janas bezeichnen, begann bereits bei der Fundsituation. „Es ist ein Stück, das wir sehr früh gefunden haben. Es steckte allerdings schräg in einem Befund“, so Janas. Daraus wurden mehrere Fundschichten, so dass letztlich für den Archäotechniker nicht festgestanden habe, wie alt das Knochenartefakt letztlich ist. Zunächst sei aufgrund der Größe auch nicht klar gewesen, um welch ein kostbares Stück es sich handele. Erst bei der Reinigung sei das volle Ausmaß sichtbar geworden – samt der Markierungen. Letztere tragen zum Rätsel bei. Was sollten sie symbolisieren oder zeigen? „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir es mit einem Informationsträger zu tun haben“, so Conard. Der Rest sei Spekulation. Stehen die Einschnitte für Arbeitsvorgänge, für die Anzahl von getroffenen Menschen, für Jagdbeute oder auch für einen zeitlichen Ablauf? Letzteres sei naheliegend. „Bisher gibt es aber keine schlüssige Interpretation für die Zahlen 90, 83 und 13“, so der Professor.


Professor Nicholas Conard von der Universität Tübingen präsentierte im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren das seltene Knochena
Professor Nicholas Conard von der Universität Tübingen präsentierte im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren das seltene Knochenartefakt aus der Altsteinzeit. (Foto: Scholz)

Fest stehe für Nicholas Conard allerdings, dass ein zeitlicher Ablauf gegeben sei. Deutlich werde zudem, dass die Markierungen, die keiner Regelmäßigkeit in Sachen Abstand unterliegen, mit unterschiedlichen Werkzeugen gefertigt wurden. Ein weiterer Fakt für den Leiter der Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie: Die damaligen Menschen hätten durchaus mit komplexen Dingen, so vielleicht auch mit Zahlenreihen, umgehen können.

Die Schwierigkeit beim Artefakt: „Die Überprüfbarkeit ist nicht einfach. Beobachtungen müssen in beweisbare Hypothesen umgewandelt werden“, meint Conard und fügt an: „Vielleicht haben wir Glück, noch einen solchen Fund zu machen.“ Bisher gebe es nämlich keine vergleichbaren Funde, was die Einordnung wiederum schwieriger mache. „Doch nichts ist wirklich zufällig“, ist der Professor überzeugt und sagt: „Wir präsentieren ein Rätsel.“ Um die Lösung zufinden, heiße es: „Weiter graben“, so Nicholas Conard. Derzeit ist ein 20-köpfiges Grabungsteam im Einsatz.

Über Geschichte sprechen

Einen solch rätselhaften Fund zu zeigen, erfordere aber auch Mut, meint Dr. Stefanie Kölbl, die geschäftsführende Direktorin des Urgeschichtlichen Museums in Blaubeuren. Bis zum 6. Januar 2019 wird die Rippe nun im Urmu als „Fund des Jahres“ ausgestellt. „Der Fund des Jahres ist schon eine Tradition. Ein Besonderer Fund der Grabung aus dem vergangenen Jahr wird vorgestellt“, erklärt Kölbl. Außerdem möchte sie sich auch der Unterstützung neuer Medien und Plattformen bedienen. Nicht nur in der Kabinett-Ausstellung soll die Mammut-Rippe zu sehen sein, sondern auch per Facebook dargestellt werden. „Vielleicht können so weitere Ideen zu den Ritzungen auf der Rippe zusammengetragen werden“, zeigt die Museumsdirektorin auf. Es sei ein Fund zum Nachdenken. Diesem Prozess möchte das Urmu Raum geben. Nicholas Conard nickt und stimmt ihr zu: „Ich hoffe, dass wir es entziffern können.“

So wurde die markierte Mammut-Rippe aus dem Gravettien gefunden: Die Grabungskampagne am Hohle Fels mit Teilnehmern von fünf Kontinenten dauerte vom 19. Juni bis 28. Juli vergangenen Jahres und war die 21. in Folge. Ein Teil der Ausgräber arbeitete in der Höhle oder beim Schlämmen an der Ach, ein anderer Teil bearbeitete die Funde und sortierte dabei auch die Feinrückstände nach dem Schlämmen im Grabungshaus in Blaubeuren. Zudem war das Grabungsteam dabei, als die Ausweisung des Hohle Fels als eine der sechs neuen Unesco-Welterbestätten im Ach- und Lonetal voranschritt.

Die Ausgrabung konzentrierte sich nun auf die westlichen und nördlichen Bereich des Grabungsareals im Eingangsbereich vor der Haupthalle des Hohle Fels. Es wurden Funde aus allen Perioden vom Magdalénien bis zum Mittelpaläolithikum geboren, darunter 929 Einzelfunde. Ein Großteil habe aus unmodifizierten Knochen bestanden – beispielsweise von Höhlenbären. Da es für die Mammut-Rippe keine optimalen Vergleichsfunde gibt, können nur Vermutungen angestellt werden, welche Funktion diese hatte. (msc)

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