Ehemaliger Bundesminister spricht über Kriegsjahre und Demokratie

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 Leben, denken und wirken: Paul Dieterich (links) bei der Vorstellung der Blaubeurer Georgraphischen Hefte im Gespräch mit Erha
Leben, denken und wirken: Paul Dieterich (links) bei der Vorstellung der Blaubeurer Georgraphischen Hefte im Gespräch mit Erhard Eppler. (Foto: Scholz)

Im Blaubeurer Rathausfoyer wird es auf einen Schlag ruhig. Viele Augenpaare sind auf Erhard Eppler gerichtet. Der ehemalige Bundesminister erzählt aus seinem Leben und fängt mit einer dunklen Zeit an – seiner Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Erhard Eppler ist am Mittwochabend nicht der Einzige, der vor einem großen Publikum spricht. Im Rahmen der Vorstellung weiterer drei Blaubeurer Geographischer Hefte sind auch noch Paul Dieterich, Anita Klauß und Jürgen Moltmann gekommen. Mit von der Partie ist zudem Herausgeber Gotthold Knecht. „Ich freue mich, dass Menschen da sind, die mein Leben geprägt, es erfreut und mit neuen Perspektiven gefüllt haben“, begrüßt Knecht und gibt an die erste Rednerin ab.

Über Gehirn und Herz

Anita Klauß war einst Schülerin von Gotthold Knecht. Sie schrieb ihr erstes Buch und stellte es unter den Titel „Sinnvolle Geschichten für Erwachsene“. Auf 264 Seiten berichtet sie von Skurrilem und Alltäglichem von Mensch und Tieren. Außerdem werden Illustrationen von der Autorin gezeigt. Klauß lernte Krankenschwester in Ulm, arbeitete dann als Sennerin und begann ihr Studium an einer Clown- und Theaterschule. „Heute arbeite ich mit behinderten Menschen“, erzählt sie den Gästen im Foyer des Blaubeurer Rathauses.

Zu ihrem Lebensziel habe keineswegs gehört, ein Buch zu schreiben. Dennoch habe sie sich gefragt, was eigentlich zum Erwachsensein gehört. Streben nach Karriere, Überbewertung von materiellen Dingen, Emotionslosigkeit und die Diskrepanz zwischen dem Sein und dem Schein stresse sie. Herzensangelegenheiten würden zu wenig beachtet, meint Klauß.

„Deswegen gibt es im Buch Geschichten, bei denen das Leben aus der Kontrolle läuft“, erklärt Klauß und bringt auch gleich ein Beispiel. Da geht es um Rudi, ein schlankes Männlein mit mittlerem Einkommen. Aus der Perspektive des Gehirns wird erzählt, dass eben dieses keinen klaren Gedanken fassen kann, wenn Rudi sinnlos durch die Gegend läuft. Das Gehirn beschließt, Urlaub zu machen. Rudi begreift das erst, als die Stimme seines Herzens zu ihm spricht. „Doch kann man ohne Gehirn leben?“, fragt die Autorin in die Runde. Die Antwort dazu lasse sich nun im Heft 66 lesen.

Als Soldat im Zweiten Weltkrieg

Paul Dieterich ist es dann, der im Heft 67 das „Leben, Denken & Wirken“ von Erhard Eppler aufnimmt und in 688 Seiten dokumentiert. Asylbewerber, Gerechtigkeit für Afrika, Ökologie: 37 Mal besuchte Dieterich den gebürtigen Ulmer und hatte zahlreiche Tonbänder im Gepäck. „Es steckt sehr viel Arbeit dahinter, bei der ich wirklich viel gelernt habe“, so Dieterich. Aber auch andere sollen davon lernen. Deswegen entschied er sich für die Publikation. Im Gespräch mit Erhard Eppler stellt Paul Dieterich Fragen, die Eppler überlegt und dennoch sehr genau beantwortet.

Da geht es zuerst um die Kriegsjahre. Erhard Eppler wurde 1926 geboren und diente im Zweiten Weltkrieg. „Ich war sicherlich kein idealer Soldat und auch keiner, der 1944 unbedingt den Krieg gewinnen wollte. Ich wundere mich, dass ich überlebt habe“, berichtet dieser. Eppler fügt an: „Ich habe als Soldat noch nicht gewusst, was ich nach dem Krieg erfahren habe.“ Da gehe es um den Umgang mit Zivilisten im Krieg – vor allem aber auch um die Beziehungen zu Russland. „Wir Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg und das NS-Regime aufgearbeitet, was Krieg und die Judenvernichtung anbelangt“, sagt der gebürtige Ulmer und fügt an: „Was wir nicht aufgearbeitet haben, ist das, was die Deutschen in Russland angerichtet haben. Das plagt mich bis heute.“ Für ihn steht fest: „Wir haben auch heute noch viel zu lernen.“

Das lasse sich auch in der Bevölkerung spüren. Eppler verbrachte die Zeit von 1947 bis 1949 in Bern. „Ich habe Demokratie in der Schweiz und nicht in Amerika gelernt, wo man sie heute wieder verlernen kann“, so der Politiker. In seinem späteren Leben war Eppler sieben Jahre als Entwicklungsminister tätig, habe auf Afrika, den Geburtenzuwachs und mögliche Folgen hingewiesen. Er prophezeite starke Einwanderung im 21. Jahrhundert. „Sie haben es gewusst und ein Gespür dafür gehabt“, stellt Dieterich fest.

Das Heft 67 von Paul Dieterich über „Erhard Eppler – Leben, Denken & Wirken“ ist in zwei Wochen als gebundene Ausgabe im Bücherpunkt Blaubeuren zu erwerben.

Glaube an die Auferstehung

„Christus ist der Vortänzer der Auferstehung“, sagt Gotthold Knecht und stimmt die Zuhörer auf den letzten Beitrag zu Heft 70 ein. „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ ist der Titel des Werks mit Texten zur Auferstehung. Autoren darin sind unter anderem Jörg Zink, Jürgen Moltmann, Paul Dieterich und Eugen Drewermann. Der Theologe Jürgen Moltmann ist es, der den Gästen einen Einblick in die Thematik verschafft.

Sein Standpunkt: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben in der neuen Welt Gottes.“ Die Auferstehung Christi mache ihn mutig – trotz Schicksalsschlägen. Oft habe sich Moltmann bei einer zu Kriegszeiten eingeschlagenen Bombe in Hamburg gefragt, warum es seinen Nachbarn und nicht ihn traf oder warum sein erstes Kind bei der Geburt starb. „Hat das zerstörte oder abgebrochene Leben einen Sinn?“, fragt Moltmann weiter und gibt zugleich die Antwort: „Ja. Unser Leben hat einen Sinn – auch das abgebrochene.“ Bei der Auferstehung gehe es um die Neuschöpfung aller Dinge – um eine neue Erde.

Mit Flöten und Klavier

Diese Worte nimmt Kantor Alexander Lang auf, umrahmt – ebenso wie die Ascher Flötengruppe – die Vorstellung der Blaubeurer Geographischen Hefte stimmungsvoll. „Bunt und vielfältig sind die Hefte, wie Blaubeuren“, stellt Stadtoberhaupt Jörg Seibold heraus und zeigt auf: „Gotthold Knecht ist Initiator, Motor und Finanzier der Hefte. Man ahnt, wie viel Herzblut darin steckt.“ Knecht begann mit den Blaubeurer Geografischen Heften im Jahr 1993 und will weiter machen: „Ich habe noch vor, weiter zu leben.“ So lange werde er sich für die Publikationen einsetzen.

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