Weiter Durchbruch nach Norden

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Etwa 450 Menschen hat der Vortrag über das Höhlensystem unterhalb Berghülens angelockt.
Etwa 450 Menschen hat der Vortrag über das Höhlensystem unterhalb Berghülens angelockt. (Foto: su)
Schwäbische Zeitung
Christian Scharbert

2011 sind die Forscher der Arge Blaukarst erstmals in der Hessenhauhöhle bei Berghülen auf die unterirdisch verlaufende Nordblau gestoßen. Inzwischen haben sie mehr als fünf Kilometer Neuland unter der Erde entdeckt, erfuhren rund 450 Besucher bei einem Vortrag der Arche am Samstagabend in der Auhalle. Ein Ende der Forschung ist derzeit nicht in Sicht. Das Höhlensystem reicht wahrscheinlich bis nach Laichingen.

Referent Jürgen Bohnert von der Arge Blaukarst fiel der Luftzug vor mehr als zehn Jahren auf, der aus einer Kluft im Waldgebiet Buch bei Berghülen aufstieg. Damals konnte er nur erahnen, was sich rund 130 Meter darunter verbirgt. Tropfsteinhöhlen, Kristalle oder wunderschöne Säulen schienen in dieser Form auf der Alb „surreal“, wie er sagte. Nach fünf Jahren Grabungen im Waldgebiet stießen die Forscher aber auf genau solche Erscheinungen und betraten eine der „weißen Flecken“ der Erde. Inzwischen hat das System den Status einer Riesenhöhle mit mindestens fünf Kilometern Länge.

Und Tour für Tour drangen Jürgen Bohnert und weitere Forscher immer weiter in das Höhlensystem vor. Im Süden des Einstieges konnte der bislang längste Siphon durchtaucht werden. Doch derzeit verhindert ein Versturz, voranzukommen. Ähnlich ist dies momentan in der Blaubeurer Blauhöhle der Fall. Immerhin ist ein Nebengang bekannt, der etwa 40 Meter in den Versturz hineinreicht.

Künftig nicht nur tauchen, sondern auch klettern

Eine Höhlenkarte konnte die Arge Blaukarst vor allem in Richtung Norden erweitern. Über eine Tauchstrecke von rund 60 Metern durch den „Klärbeckensiphon“ führte das Abenteuer in eine große Halle mit einem großen Luftraum über Wasser. „Einige Meter weiter entdeckten wir den vierten Siphon“, schilderte der zweite Referent, Markus Bölzle. Doch auch im „Trockenen“ ging es weiter – durch einen Seitengang, der von der großen Halle aus wegführt. Hier war besonders die Kletterfähigkeit der Entdecker gefragt, denn immer wieder mussten sie große Anhöhen und Gefälle bewältigen. Momentan endet das bekannte Terrain an einer rund 15 Meter hohen Wand. Um diese zu überwinden, brauchen die Forscher künftig speziellere Kletterausrüstung.

Die Forscher vermuten, dieser Gang könnte sogar bis nach Laichingen führen. Daher nannten sie ihn „Laichinger Direttissima“. Eindeutige Hinweise dafür sind noch nicht bekannt. „Es ist möglich, dass dort einst der Hauptgang verlaufen ist“, ergänzt Markus Bölzle. Der zehn Meter lange „Siphon 4“ ist schon durchtaucht. „Von dort aus macht die Höhle einen Schlenker in Richtung Bühlenhausen“, schilderte Jürgen Bohnert.

Deutlich hoher Fäkalwert im Höhlenwasser

Dass das Wasser im Untergrund mit der Zivilisation in Berührung kommt, ist aus den Messwerten des Fäkalwertes abzuleiten. Der zeigt, dass die Belastung des Wassern unnatürlich hoch ist. Jüngste Messungen zeigen aber eine erhebliche Besserung des Wertes. Erklärungen könnten Zusammenhänge zur Laichinger Kläranlage herstellen, denn die Messwerte sind nahezu identisch. Ein weiteres Indiz, dass der unterirdische Fluss und die Höhle in Richtung Laichingen gehen muss.

Die Ansätze, mit denen die Forscher weitere Entdeckungen machen könnten, gehen nicht aus. So machten Rauchversuche im „Karrendom“ in Richtung des nördlichsten Siphon Luftzüge deutlich, die die Luft aus dem Dom hinaus zieht. Auch im südlichen „Traumtunnel“ gibt es solche Anzeichen.

Die Besucher erhielten durch Fotos, Videos und auch Audioaufnahmen zahlreiche hochinteressante Einblicke in die Höhlenforschung. Die Auhalle war komplett gefüllt. Die Besucher schienen fasziniert von den Vorgängen tief unter der Erde und den neuen Entdeckungen. „Schließlich sei“, so Jürgen Bohnert, „die Erdoberfläche vollständig entdeckt.“ Richtiges Neuland für den Menschen gibt es also nur im Untergrund oder in der Tiefsee, um die weißen Flecken der Erde Stück für Stück aufzudecken.

Die Arge Blaukarst will in Kürze alle vermessenen Zahlen rund um die bekannten Gänge und Kammern und Becken hochladen. Eine Broschüre mit imposanten Bildern und Infos rund um die Hessenhauhöhle ist im Internet erhältlich:

www.blauhoehle.de

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