Der erste Flug ihres Lebens: Anna Rapp hat das Erlebnis von ihrem Nachbarn Thomas Stangl (r.) zum 95. Geburtstag geschenkt bekom
Der erste Flug ihres Lebens: Anna Rapp hat das Erlebnis von ihrem Nachbarn Thomas Stangl (r.) zum 95. Geburtstag geschenkt bekommen. (Foto: SZ- hog)
Friedrich Hog

Es war ein ganz besonderer Tag für die 95-jährige Anna Rapp aus Grötzingen. Erstmals in ihrem Leben ist sie am vergangenen Samstag geflogen – und das in einem Ultraleichtflugzeug, gesteuert von ihrem Nachbarn, dem Hobbypiloten Thomas Stangl. Die rüstige Seniorin war vor dem Start auf dem Fluggelände in Hayingen keineswegs nervös, stieg nach dem 45-minütigen Flug mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus der Maschine und meinte: „Das war schön.“

Alles begann am 21. April, dem 95. Geburtstag von Anna Rapp, geboren und wohnhaft in Grötzingen. Ihr Nachbar, der Hobbypilot Thomas Stangl, schenkte ihr zum Ehrentag einen Gutschein, wahlweise für eine Fahrt mit der Öchsle-Schmalspurbahn, die zwischen Ochsenhausen und Warthausen verkehrt, oder einen Flug über ihre Heimatgemeinde Grötzingen. Die Geburtstagsfeier muss offenbar länger gedauert haben, denn zu später Stunde stand für Anna Rapp bereits der Entschluss fest: „Ich werde fliegen.“

Bisher war Anna Rapp schon viel in Deutschland unterwegs, nicht zuletzt wegen ihres Interesses für deutsche Geschichte. Auch nach Österreich und in die Schweiz hatte sie es bereits geschafft, zum Teil auch aus beruflichen Gründen, aber geflogen war sie noch nie. „Nur auf den Boden“, wie sie verschmitzt sagt. Sie lebt im 1862 erbauten Elternhaus, das jetzt ihrem Sohn Friedrich Rapp gehört, der aus der 1989 aufgegebenen Landwirtschaft eine Schreinerei gemacht hat.

Keine Spur von Nervosität bei Co-Pilotin Anna Rapp.
Keine Spur von Nervosität bei Co-Pilotin Anna Rapp. (Foto: SZ- hog)

Seit 2006 ist Anna Rapp verwitwet, vier ihrer fünf Kinder leben noch. Ihren Haushalt führt sie noch komplett selbst, mit etwas Unterstützung durch die Kinder. Ab und an treffe sie sich mit ihren Cousinen, eine ist ein halbes Jahr älter als sie, eine zwei Jahre jünger. Busreisen habe sie im Alter viele unternommen, mit der Familie und mit den Landfrauen das Ländle angesehen. Auch Puzzles mache sie gerne, sie stricke leidenschaftlich und lese Romane und Dokumentationen über fremde Länder. Ihre Ahnenforschungen haben, teilweise anhand des Kirchenbuchs von Weilersteußlingen, einen Stammbaum mit 1500 Eintragungen ergeben, der bis ins Jahr 1636 zurückreicht.

Keine Angst vor dem Flug

Und nun stand Anna Rapp am Samstag auf dem Fluggelände in Hayingen, begleitet von zwei ihrer Kinder und deren Ehegatten. Das Fluggelände gehört dem Luftsportverein Hayingen, bei dem ihr Nachbar Thomas Stangl eines von 35 aktiven Mitgliedern ist, und seine Freizeit als Hobbypilot verbringt. Segelflieger, Motorflieger und andere Fluggeräte tummeln sich dort um eine Landebahn, die mit einem Kilometer Länge und 50 Meter Breite sehr komfortabel ausgelegt ist. Und mittendrin Anna Rapp, die in keinster Weise aufgeregt wirkt. „Ich fühle mich wie immer, und lasse es auf mich zukommen“, meint die schlagfertige Seniorin. Sie ergänzt: „Warum sollte ich Angst haben, da hätte ich schon oft umsonst Angst haben müssen.“

Warum sollte ich Angst haben, da hätte ich schon oft umsonst Angst haben müssen.“

Gegen 18.15 Uhr stieg Anna Rapp in den bereitstehenden zweisitzigen Vereinsflieger, eine 300 Kilogramm leichte weiße C42/B von Comco aus Mengen. Neben ihr nahm Thomas Stangl Platz und wies seine Co-Pilotin in deren Pflichten ein. Zur besseren Verständigung setzten beide Piloten Headsets auf, mit Kopfhörer und Mikrofon, denn es werde ein wenig scheppern da oben, erklärte Thomas Stangl, der mit rund 1000 Flugstunden in fast 30 Jahren sehr erfahren ist.

Als er den Propeller anließ, waren 115 PS bereit, die 95-jährige Anna Rapp erstmals in ihrem Leben in die Lüfte zu tragen. Und das geschah auch, das Flugzeug hob ab und erreichte rasch eine Flughöhe von 300 bis 600 Metern bei einer Reisegeschwindigkeit von rund 150 Stundenkilometern. Über Hayingen flog die Maschine nach Bremelau und Frankenhofen, um dann Grötzingen zu erreichen. Auch Allmendingen, Schelklingen, Ehingen, Mehrstetten bei Münsingen und das Lautertal überflog die Maschine und drehte dabei etliche Runden.

Die Welt sieht ganz anders aus

Gegen 19.05 Uhr setzte das Flugzeug nach 45 Flugminuten wieder auf dem Rasen in Hayingen auf. Anna Rapp hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, und stieg sicheren Schrittes wieder aus. Sie habe vieles gesehen auf dem Flug, und die Welt sehe ganz anders aus von oben, anders als man sie von unten her „beim Laufen“ gewohnt sei. Dass das Flugzeug etwas gewackelt hatte im Wind, habe dabei nicht gestört, waren sich Pilot und Fluggast einig.

Die Frage, ob sie nochmals fliegen wolle, beantwortete Anna Rapp diplomatisch: „Jetzt habe ich ja das Erlebnis, jetzt dürfen andere fliegen.“ Der Druck beim Start habe ihr nicht zugesetzt und auch das Holpern nach der Landung auf dem Rasen sei unproblematisch gewesen. „Das Fliegen ist noch frei“, erläuterte nach der Landung Thomas Stangl, der mit einem Steuerknüppel das Fluggerät kontrollierte.

Jetzt habe ich ja das Erlebnis, jetzt dürfen andere fliegen.“

„Erst wenn man in den Raum Stuttgart einfliegt, muss man sich per Funkgerät beim Tower des dortigen Flughafens melden“, so der passionierte Hobbypilot, dem als Schenkenden der Trip offensichtlich ebenso große Freude bereitet hat wie der beschenkten 95-jährigen Anna Rapp.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen