Bahnstrecke bringt auch die Zementindustrie in Fahrt

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 Heimatforscher Walter Kneer findet 70 Zuhörer zu seinem Vortrag über die Eisenbahn- und Zementgeschichte in Allmendingen.
Heimatforscher Walter Kneer findet 70 Zuhörer zu seinem Vortrag über die Eisenbahn- und Zementgeschichte in Allmendingen. (Foto: sz- Sommer)
Elisabeth Sommer
Freie Mitarbeiterin

Vor 150 Jahren streikten Schulkinder nicht anstatt in den Unterricht zu gehen, sie mussten Steine klopfen für den Eisenbahnbau. 1869 wurde Allmendingen ans Bahnnetz angeschlossen. Mit der Fertigstellung der Strecke Blaubeuren – Ehingen erlebte die seit 1838 ansässige Zementindustrie eine enorme Konjunktur. Ein Dutzend Zementhersteller wurden einst in Allmendingen gezählt, schilderte Walter Kneer vom Arbeitskreis Heimatgeschichte beim gut besuchten Vortrag im Rahmen der dreitägigen Eisenbahnausstellung im Allmendinger Bürgerhaus. 1901 produzierte die Stuttgarter Zementfabrik 25 000 Tonnen Zement und die Firma Schwenk 40 000 Tonnen, was zu einer Güterabfertigung am Bahnhof von bis zu 6500 Wagons im Jahr führte.

Auf großes Interesse war bereits der Eröffnungsabend gestoßen und mancher kam am Samstag abermals in die Ausstellungsräume, um dem Vortrag von Heimatforscher und Buchautor Walter Kneer zu lauschen. Der Aktive des Arbeitskreises Heimatgeschichte hat mit weiteren tatkräftigen Allmendingern das interessante Kapitel „Eisenbahn und Zementindustrie“ aufgearbeitet und die gut strukturierte Ausstellung auf die Beine gestellt. Leider seien Unterlagen zu Bahnhofsmitarbeitern früherer Tage nicht mehr vorhanden. Der seit 1985 als Fahrdienstleiter tätige Dieter Hammer konnte manche Information noch aus der Erinnerung liefern, lobte Kneer in Anwesenheit des Bahnmitarbeiters.

Idee einer Strecke durch das Siegental

Arbeiter aus Italien, Böhmen und Mähren bauten die Bahnstrecke. Auseinandersetzungen der Männer im Rausch und um Frauen seien beim Amtsgericht Ehingen aktenkundig geworden, wusste Walter Kneer. Zeitweise habe die Idee einer Zugstrecke durch das Siegental bestanden, die aber mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 ad acta gelegt worden sei. Es gab ab 1883 und 1893 Drahtseilbahnen zum Transport von Zement zur Bahnstrecke. Auf dem Rückweg zu den Werken wurde Kohle zur Feuerung transportiert.

Walter Kneer sprach vor rund 70 Zuhörern, darunter Archivarin Ursula Erdt und die Aktiven des Arbeitskreises, seinen Vortrag frei und kombinierte Daten mit Kuriositäten und immer wieder auch rhetorischen Fragen, zum Beispiel, was das für eine Ruine am Heilesberg sei. Es handelt sich nicht um die Überreste eines Schlosses, sondern einer Zementmühle. Die Zuhörer sollten auch schätzen, wie viele Fahrgäste unterwegs waren. 1904 wurden 44 900 Personen gezählt. Kneer erinnerte,, warum es zu keiner Unterführung anstatt eines der Bahnübergänge kam. Die Bewohner aus dem Kleindorf hätten dies nicht gewollt. 1918 stellte die Stuttgarter Zementfabrik ihren Betrieb ein und 20 Mitarbeiter verloren ihre Arbeit. Die Firma Schwenk Zement besteht heuer seit 130 Jahren in Allmendingen. Vor 110 Jahren gab es für die Allgemeinheit Elektrizität durch ein Allmendinger E-Werk.

Die Zementindustrie verschaffte Allmendingen teilweise höhere Steuereinnahmen als sie Ehingen hatte. Dass in seinem Heimatort aber erst 1930 eine Wasserleitung gebaut wurde, verwundert dann auch den Heimatforscher. Walter Kneer warb für die Vermittlung solcher Informationen an die Kinder in der Schule im Fach Heimatgeschichte.

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