Musikindustrie

Die Musikindustrie zwischen Hoffen und Bangen

Ravensburg / Lesedauer: 6 min

Musikbranche durch Audiostreaming im Plus – Klassikmarkt schwächelt
Veröffentlicht:08.03.2021, 06:00
Aktualisiert:12.03.2021, 23:29

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Die Kurve steigt an und wird immer steiler. Kurz vor dem Höhepunkt flacht die Linie ab und verharrt auf diesem hohen Niveau, dann fällt sie plötzlich ab. Es folgt eine leichte Wellenbewegung, ehe die Kurve am Ende der Grafik wieder nach oben geht. Bei diesem bunten, mit zusätzlichen Linien versehenen Schaubild geht es allerdings nicht um Infektionszahlen oder Impfquoten. Das Diagramm zeigt die Umsatzentwicklung der deutschen Musikindustrie zwischen 1984 und 2019. Man erkennt aus der Grafik des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), wie der CD-Verkauf ab 1984 in die Höhe schießt und gleichzeitig Schallplatten und Musikkassetten rapide an Marktanteil verlieren. Umgerechnet rund 2,7 Milliarden Euro Umsatz machte die Musikindustrie im Rekordjahr 1997, bevor sie zuerst langsam, dann kräftig abstürzte.

Auch die Gründe sind in der Tabelle aufgeführt: CD-Brenner, die Internet-Tauschbörse Napster , illegale Downloads. Lange Zeit fanden die Plattenlabels kein Mittel, um die ins Internet abgewanderte Musik zu Geld zu machen. Jetzt gibt es wieder enorme Wachstumsraten. Die Tonträgerindustrie verbuchte 2020 eine satte Umsatzsteigerung von 9,0 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr stieg der Anteil des Audiostreamings am Gesamtumsatz um 24,6 Prozent und generiert nun 63,4 Prozent der Brancheneinnahmen. Zusammen mit den Downloads wurden 2020 rund drei Viertel der Gesamteinnahmen von 1,79 Milliarden Euro digital erwirtschaftet – die in den Verkaufszahlen weiter fallende CD (21,6 Prozent Anteil ) und steigende Vinyl (5,5 Prozent Anteil) bilden das andere Viertel.

„Die gute Digitalaufstellung unserer Mitgliedsfirmen führt dazu, dass unsere Branche am Gesamtumsatz gemessen aktuell gut durch die Krise kommt – mehr noch, durch die pandemiebeschränkten Einschränkungen des öffentlichen Lebens haben sich die Fans nolens volens zunehmend im digitalen Raum mit Musik versorgt“, sagt Florian Drücke , Vorstandsvorsitzender des BVMI.

Aber wie gehen nun Künstlerinnen und Künstler mit diesem sich rasend schnell verändernden Musikmarkt um? Wie kommt die Musik zum Hörer? Wie kann man mit Musikaufnahmen genügend Geld verdienen? Und wie kann man vor allem die EU-Richtlinie zur Reform des Urheberrechts in Deutschland bis zum 7. Juni 2021 so umsetzen, dass die Kreativen mit ihrer Musik nennenswerte Erlöse erzielen?

Von seinem Album „Kitchen Music“ aus dem Jahr 2006 verkaufte Thomas Siffling noch rund 30 000 Exemplare – von seiner letzten, vor rund drei Jahren erschienenen CD „Flow“ nur noch ein Zehntel. „Ein Album hat trotzdem noch einen hohen Stellenwert für den Künstler, um seine Arbeit zu dokumentieren“, sagt der Mannheimer Jazztrompeter, Produzent und Clubbetreiber. Seine CDs gehen vor allem nach Konzerten weg: „Die Leute möchten etwas mit nach Hause nehmen. Damit wird die Gage ein bisschen aufgebessert.“

Aber das Hörerverhalten hat sich verändert. Man hört keine Alben mehr, sondern Tracks. Manche seiner groovigen oder chilligen Nummern landen auf Playlists, die in Restaurants und Cafés gespielt werden – da hat es im Corona-Jahr 2020 für ihn Einbußen gegeben. Bei Streamingplattformen wie Spotify wird jeder einzelne Track gezählt. Aber bei rund 0,3 Cent pro Stream braucht man sehr viele Clicks, um nennenswerte Einnahmen zu erzielen.

Siffling nutzt das Medium vor allem zur Marktanalyse, weil er Auskünfte über die Altersgruppe, das Geschlecht und den Wohnort seiner Fans bekommt. „Wenn ich in einer bestimmten Stadt viele Streams habe, dann kann das bei Anfragen für einen Auftritt im Jazzclub vor Ort schon ein Argument sein.“ Anhand der Streamings kann er genau sehen, welche Stücke besonders gut ankommen – und reagiert neuerdings mit seinen Kompositionen auch darauf.

Udo Dahmen, Leiter der Popakademie Mannheim, beobachtet ganz unterschiedliche Wege, die die Studentinnen und Studenten für die Veröffentlichung ihrer Musik wählen: mit oder ohne Label, über Online-Konzerte und ihre eigenen Social-Media-Kanäle. „Digitale Modelle, bei denen Künstlerinnen und Künstler direkt bezahlt werden, gewinnen an Bedeutung.“ Das Fehlen des Live-Geschäfts in der Corona-Pandemie habe diese digitale Entwicklung verstärkt. Es wurden mehr Songs geschrieben. „Auch die Produktion von Filmmusik hat zugenommen.“

Im Gegensatz zum Pop ist die Klassik weiter auf dem absteigenden Ast. Der Anteil am gesamten Musikmarkt beträgt aktuell nur noch 2,1 Prozent. Gerade deshalb ist der Klassikmarkt, der von den drei Labels Warner Classics (Erato), Sony Classical und Universal (Deutsche Grammophon, Decca) dominiert wird, besonders umkämpft. Weil die Albumverkäufe die Produktionskosten nicht mehr einspielen, müssen wohl selbst bekannte Interpreten oft für ihre Aufnahmen viel bezahlen. Häufig seien Anteile aus Konzerteinnahmen Teil des Vertrags. „So läuft in der Regel das Geschäft“, sagt Szenekenner John Anderson und spricht von Summen zwischen 20 000 und 60 000 Euro. Mit seinem eigenen Label Odradek Records, das die Künstler anonym auswählt, versucht er, einen Gegenentwurf zum auf wenige Stars fokussierten Klassikbetrieb zu etablieren und auch Nischenprodukte aus Jazz und World Music anzubieten. „CDs sind ein Marketinginstrument, kein Verkaufsprodukt“, sagt Anderson.

Auch das Freiburger Barockorchester kann mit seinen CDs in der Regel kein Geld verdienen. Häufig werden die Proben auf eigene Kosten finanziert, und das Plattenlabel harmonia mundi übernimmt die Produktionstage. Bei den meisten Verträgen gibt das Freiburger Orchester die Rechte komplett ab. Und wenn mal eine Erlösbeteiligung ausgehandelt ist, dann betrage die wenige Hundert Euro im Jahr, sagt Intendant Hans-Georg Kaiser. Dennoch: „Für unsere internationalen Tourneen sind unsere Aufnahmen eine wichtige PR-Maßnahme, weil sie für große Bekanntheit unseres Ensembles sorgen.“

Zentrales Thema für die Musikbranche ist die möglichst unverwässerte Umsetzung der EU-Richtlinie zur Urheberrechtsreform, die besonders den großen Upload-Plattformen wie YouTube, Facebook oder TicToc die Verantwortung für die Inhalte – und damit auch eine angemessene Vergütung der Rechtebesitzer – übertragen möchte. Der Gesetzentwurf des Bundeskabinetts versteht sich als „fairer Interessenausgleich“ zwischen Kreativen, Rechteverwertern und Nutzern. Ein eigenständiges neues Gesetz soll die Verantwortlichkeit von Upload-Plattformen regeln. Musikindustrie und Verwertungsgesellschaften begrüßen die Reform, fordern aber Nachbesserungen. Besonders die sogenannte Bagatellschranke, die Usern die Verwendung von Video- und Audioschnipseln bis zu einer Länge von 15 Sekunden gegen eine geringe Vergütung ermöglichen soll, stößt auf Unverständnis.

Die YouTuber und Influencer dagegen möchten sich ohne Reglementierungen im Internet bewegen und lehnen vor allem Uploadfilter ab, die zum Schutz der Urheberrechte eingesetzt werden könnten. Da ist für Zündstoff gesorgt beim nun anstehenden Lobbyisten-Streit ums neue Urhebergesetz.