Stuttgart 21

Wohin mit der Stuttgarter Oper?

Kultur / Lesedauer: 4 min

Für die aufwändige Spielstättensanierung muss vielleicht sogar ein See weichen
Veröffentlicht:14.07.2015, 17:26
Aktualisiert:24.10.2019, 01:00

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Die Pläne zur Sanierung der mehr als hundert Jahre alten Stuttgarter Oper werden konkreter: Am Montag verständigte sich der Verwaltungsrat von Stadt und Land auf die Prüfung einiger Vorschläge, im November sollen erste Entscheidungen fallen.

Klar ist schon jetzt: Das aus dem Jahr 1912 stammende Gebäude des Architekten Max Littmann muss grundlegend saniert werden und braucht deutlich mehr Platz. Intendant Marc-Oliver Hendriks beziffert den aktuellen Bedarf auf etwa zehntausend Quadratmeter. Die Kosten für Land und Stadt werden grob auf 300 bis 400 Millionen Euro geschätzt. Ohne Sanierung drohe dem international angesehenen Haus das Aus – auch wegen verschärfter Vorgaben zu Arbeits- und Brandschutz. „Wir können nicht auf Dauer unter dem Damoklesschwert der Schließung arbeiten“, betont Hendriks. Das will niemand: Es gehe hier immerhin nicht „um irgendeine Klitsche“, sagt Landeskunstministerin Theresia Bauer (Grüne).

Das Problem: Der zusätzliche Platz ist in der guten Stube der Landeshauptstadt schwer zu bekommen. Das Große Haus im Oberen Schlossgarten selbst steht unter Denkmalschutz. Die Rückseite grenzt an die Bundesstraße B 14, die Vorderseite spiegelt sich im Eckensee des Oberen Schlossgartens. Und nebenan wird gerade der Landtag saniert – eine Bebauung des zwischen beiden Gebäuden liegenden Parkplatzes lehnte der Verwaltungsrat ab.

In Rede steht noch eine Verbreiterung des Littmann-Baus Richtung Landtag, um Bühnenbilder verschieben zu können. Es geht um zwei Meter, die man sich 1912 gespart hatte, damit die Kutsche des württembergischen Königs vorbeirollen konnte. Nun stehen dort Taxen. Wie man denkmalgerecht 120 Zentimeter an das historische Gebäude heranflanschen kann, soll geprüft werden.

Bleibt die andere Seite. Dort schließt sich das Kulissengebäude an. Der Bau aus den 1960er Jahren könnte abgerissen und erweitert werden. Doch auch dort ist nicht unbegrenzt Platz: Hinter dem Kulissengebäude und dem Kleinen Haus liegt mit dem Katherina-Stift ein Gymnasium. Und das „muss erhalten bleiben“, unterstreicht Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne).

Der ganz große Wurf bleibt aus

Damit sind die Möglichkeiten begrenzt, zumal der ganz große städtebauliche Wurf momentan ad acta gelegt worden ist. Seit Jahren wird regelmäßig diskutiert, die B14 unter die Erde zu verlegen und so Stadtraum in bester Lage zu gewinnen. Als Konrad-Adenauer-Straße zerschneidet die B 14 hier mehrspurig die Innenstadt: Staatsgalerie, Haus der Geschichte und Haus der Abgeordneten liegen nur einen Steinwurf von der Oper entfernt, sind für Fußgänger aber dank der B 14 nur per Unterführung zu erreichen. Doch die Sache ist aufwändig, weil dank Fernwärme und U-Bahn auch unter der Erde Enge herrscht. Und angesichts von Stuttgart 21 möchte sich kein Oberbürgermeister noch eine Riesenbaustelle ans Bein binden.

Absage an Ludwigsburg

Kuhn geht das Thema Operumbau denn auch vorsichtig an: „Man darf das nicht mit zu viel Ungeduld machen“, betont er. Vier Jahre Planung seien nötig, dazu drei bis fünf Jahre Bauzeit. Will heißen: Vor 2024 wird es nichts mit dem neuen Opernhaus. Das bedeutet aber auch, es muss für mehrere Jahre eine Zwischenlösung her. Es geht natürlich um den Kulturstandort Stuttgart und das Ensemble, aber auch um viel Geld: 160 Opern- und 80 Ballettaufführungen gibt es pro Jahr in der Oper, oft sind die 1400 Plätze ausverkauft. Und dann ist da noch die FDP, die hier ihr traditionelles Dreikönigstreffen zelebriert. „Da kommen schnell einige Millionen zusammen“, sagt Intendant Hendriks. Ein Umzug der Oper in das Forum am Ludwigsburger Schlosspark schließt Oberbürgermeister Kuhn übrigens aus: „Die Stuttgarter Oper sollte in Stuttgart sein.“

Eckensee könnte weichen

Also sucht man nun ein Platz für eine Interims-Oper. Welche Orte in Frage kommen, will Kuhn nicht sagen. Doch ein möglicher Standort gelangte bereits in die Öffentlichkeit: Der Eckensee direkt vor der Oper. Auf dem Gelände könnte ein mehrgeschossiger Bau errichtet werden. Man werde die Idee nun „vergleichend untersuchen“, kündigt Kuhn an. Das vom Schlossgarten umgebene flache Gewässer zwischen Neuem Schloss, Oper und Hauptbahnhof ist bei den Stuttgartern sehr beliebt: Bei gutem Wetter sind die Bänke und Wiesen rund um den größeren Teich voller Menschen. Umweltschützer warnen vor den Folgen für Wasservögel und das labile Stadtklima, sollte der See verschwinden.

Als die Stuttgarter Oper nach einem Brand Anfang des vorigen Jahrhunderts neu gebaut wurde, gab es übrigens schon einmal ein Interimsquartier. Die Stelle ist allerdings mittlerweile besetzt: Seit 1961 steht dort der Landtag von Baden-Württemberg.