Musiklandschaft

Campino: „Wir sind nicht die Geschmackspolizei“

Kultur / Lesedauer: 8 min

Campino (Die Toten Hosen) über das Eigenleben der Lieder
Veröffentlicht:29.04.2017, 02:27
Aktualisiert:23.10.2019, 06:00

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Das Phänomen Die Toten Hosen nimmt seit 1982 eine prägende Rolle in der deutschen Musiklandschaft ein. Immer wieder hat es die Düsseldorfer Band an die Spitze der Charts geschafft, verdammt viele ausverkaufte Konzerte hat sie gespielt und jede Menge Preise eingeheimst. Mit „Laune der Natur“ steht ab Freitag, 5. Mai, das neue Album der Band in den Regalen. Christiane Wohlhaupter hat Sänger Campino getroffen und ihn zu Pop und Politik, Aussagen von früher und der Allianz Arena befragt.

Campino, eure Alben sind Momentaufnahmen eures Lebens. Wie unterscheidet sich die aktuelle Bestandsaufnahme mit der von vor 30 Jahren?

Vieles hat sich verändert, wir und auch die Gesellschaft. Das Land hat sich geändert und die weltweite politische Situation. Wenn du mich fragst, wie es mir 2017 geht: Unsicher bin ich, als Privatmensch und Bürger. Ich hatte die Vision Europa sehr lieb gewonnen – aber heutzutage stellt sich raus, es ist ein sehr fragiles Konstrukt. Die Möglichkeit, dass es in naher Zukunft zerfallen könnte, ist durchaus da. Das beobachte ich mit gewisser Sorge. Die heutige Gesprächskultur ist ziemlich rau – es wird viel herumgeschrien und keiner hört mehr richtig zu. Das ist alles in allem nicht so eine rosige Situation, in der wir uns befinden. Es hilft aber auch nicht zu jammern, man sollte sich trotzdem die gute Laune nicht nehmen lassen.

Du sagst, es fühlt sich unsicherer an als in der Vergangenheit. Wie könnte man für mehr Stabilität, für einen besseren Umgang sorgen?

Das Grundrezept wäre, dass die Menschen aufhören, nur auf ihren Vorteil bedacht zu sein. Um eine Verantwortung für andere zu entwickeln, braucht man Souveränität und Gelassenheit und da ist Deutschland zurzeit einer der Stabilisatoren. Das ist auch ein Unterschied zu vor 30Jahren. Damals hatte ich massive Probleme mit der Regierung. Da war Gut und Böse klarer definiert. Insofern war es auch für uns einfacher, unsere Rolle zu finden. Heute ist die Sache sehr viel differenzierter. Wenn wir bei „Pop & Politik“, auch einem Song auf eurem neuen Album, bleiben:

Wieviel Einfluss hat denn die Musik heute?

Das kann ich nicht genau sagen. Es gibt in meinen Augen immer noch tolle Musik mit tollen Texten. Für mich war Musik immer eine Möglichkeit, mich auszudrücken und einzubringen. Meine Geschwister haben die ganzen Hippie-Bands gehört. „Make Love Not War“ – das war für die Generation vom Zweiten Weltkrieg eine ungeheure Provokation. Dann kamen die Punks und haben dieses politische Bewusstsein noch verschärft. Heute beziehen Künstler oft nicht mehr so eine klare Position, weil sie Angst haben, dass es unbehaglich wird.

Die Broilers und die Donots sind beispielsweise Bands, die sich klar positionieren. Wie wichtig sind diese Stimmen?

Es beruhigt mich, dass solche Bands, zu denen ich zum Beispiel auch Feine Sahne Fischfilet oder Jennifer Rostock zähle, die Flagge hoch halten und ich glaube, dass sie viele Leute erreichen. Diese Gruppen teilen unseren Spirit und ich bin froh, dass es sie gibt.

Wenn wir den Spieß umdrehen: Wie viel Pop darf sich denn die Politik zu eigen machen?

Das ist ein delikates Thema. Wäre ich ein gewissenloser Politiker, würde ich auch jede Musik nehmen, die als Soundtrack zu mir passt. Aber es ist natürlich für eine links-verortete Band, die ein ganz anderes Demokratieverständnis hat als ein Rechtsaußen, nur schwer zu ertragen, wenn dieser dann plötzlich zu deiner Musik aufmarschiert. Bruce Springsteen war zum Beispiel nicht begeistert darüber, als Reagan sein „Born in The USA“ für seinen Wahlkampf instrumentalisierte. Letztendlich müssen wir aber darüber stehen, dass die Union 2013 bei der Bundestagswahl zu „Tage wie diese“ ihren Sieg gefeiert hat: Lieder entwickeln ein Eigenleben und wir sind nicht die Geschmackspolizei.

Ihr veröffentlicht das neue Album auch als Doppelalbum mit „Learning English Lesson 2“- CD, auf der der Zuhörer neben Songs von Punk-Helden auch noch ein paar Phrasen Englisch lernen kann. Wenn ihr jetzt den englischen Hörern ein paar Brocken Deutsch beibringen müsstet, was gehört dazu?

Für Düsseldorf kann ich es dir sagen: „Wo bitte geht es hier zur Altstadt? Ich möchte zur Uerige Brauerei.“ Das Image von Deutschland hat sich in den letzten Jahren enorm gewandelt. Lange Zeit hatten wir mit Vorurteilen zu kämpfen. Nach der Wiedervereinigung gab es in anderen Ländern zum Beispiel große Ängste vor Deutschland. Wenn wir dann im Ausland unterwegs waren, waren wir auch immer Anwälte unseres Landes – ob wir wollten oder nicht. Da musste man schon mal die Frage beantworten, ob hier denn alle Nazis seien. Heute ist das anders. „What, you’re from Germany? Mrs. Merkel does a great job.“ Es ist schön für mich zu sehen, dass dieses Land inzwischen einen so guten Ruf hat.

Das heißt, euch fällt inzwischen ein Grund ein von den „tausend guten Gründen auf dieses Land stolz zu sein“?

„Stolz“ ist immer noch ein Wort, das mir in diesem Zusammenhang schwer über die Lippen geht. So viel habe ich nicht beigetragen, dass ich mich stolz nennen könnte, aber im Moment bin ich ziemlich zufrieden. Es könnte viel schlechter laufen. Hin und wieder tut es auch ganz gut zurückzuschauen, was man für einen Weg zurückgelegt hat. Im direkten Vergleich mit anderen Ländern kann man konstatieren: Was die Pressefreiheit angeht, unser Recht, ein individuelles Leben zu führen, den Respekt untereinander – sind wir auf einem guten Weg.

Zurück von der Politik zur Musik: In „Alles mit nach Hause“ geht es darum, neben dem Glücklichsein auch die Angst und Traurigkeit mit nach Hause zu nehmen. Warum ist das wichtig?

Um das Glück würdigen zu können, musst du auch die schlechten Seiten erlebt haben. Das prägt einen im Endeffekt oft mehr als das Gute. Die harten Erlebnisse, die Niederlagen bringen einen dazu, umzudenken. Letztlich besteht die Bilanz im Leben aus Erlebnissen und Begegnungen. Da geht es nicht um Erfolg, Ruhm oder Geld.

In „Alles passiert“ ist die Erkenntnis da, dass es kein Happy End geben wird.

Wir haben aber alle das Recht auf ein Happy End. Das sollten wir uns nicht nehmen lassen. Das grundsätzlich auszuschließen, ist falsch. Es gibt solche Happy Ends. Nehmen wir Udo Jürgens: Er war 80 Jahre alt, befand sich gerade auf Tournee, machte eines Tages einen Spaziergang und brach tot im Wald zusammen – fantastisch. So was wünscht man sich natürlich. Dieser alte Schlawiner hat bis zum Ende alles richtig gemacht.

Haben sich die Kategorien, nach denen du Dinge bewertest, im Lauf der Jahre verändert?

Ja, definitiv. Es wäre doch tragisch, wenn man sich nicht weiterentwickelt hätte. Schließlich geht es darum, ein Leben lang zu lernen. Als junger Mensch steckst du deinen Horizont automatisch anders als jemand, der mehr Lebenserfahrung hat. Wenn du mit der Schule fertig bist, willst du von zu Hause raus und die Welt kennenlernen. Neue Eindrücke sammeln. Und irgendwann gibt es Erlebnisse, die dich in eine andere Richtung lenken. Vielleicht bekommt man Kinder, die Eltern sterben. Am Ende geht es darum, dass man sich eben nicht mehr nur von außen ernährt, sondern von innen Kraft schöpft und sich darauf besinnt, wo man herkommt und alte Freundschaften pflegt.

Eure langjährige Freundschaft innerhalb der Band nehmt ihr in „Wie viele Jahre (Hasta la Muerte)“ auch etwas selbstironisch unter die Lupe. Ihr könnt also auch über euch selbst lachen?

Ich hoffe es. Wenn man das nicht mehr kann, sieht es ganz düster aus. Das ist auch, was ich am englischen Humor so liebe. So eine Einstellung wächst auch aus einer Lebenshaltung heraus.

Das Album beginnt mit „Urknall“, in dem ihr kundtut auf den Bolzplatz zurückzuwollen. Was macht diesen sympathischer als irgendwelche marmorgefließten Hallen, in denen der Champagner-Empfang stattfindet?

Es ist ja nichts gegen Champagner zu sagen oder gegen Empfänge im Allgemeinen. Aber wenn man sich nur noch mit Glamour umgibt, kriegt man vom wahren Leben nur die Hälfte mit. Das wäre doch schade. Ich bin froh, dass wir uns die Freiheit erarbeitet haben, überall hingehen zu können – Champagner- oder Bier-Empfang, auf die Kirmes, ins Theater. Aber genauso glücklich bin ich darüber, es nicht zu müssen, wenn mir mal nicht danach ist. Und es ist mir egal, was andere dazu sagen.

Überall, also auch in die Allianz Arena ? Oder bleibt es dabei, dass ihr „nie zum FC Bayern München gehen“ würdet?

Ich weiß nicht, ob es so etwas wie eine schwarze Liste gab, aber sie hätten uns da sicherlich nicht gern gesehen. Auf der anderen Seite habe ich gehört, dass es dort ein Museum gibt, wo unsere „Bayern“-Single in einer Vitrine ausgestellt ist – Humor scheinen sie also zu haben. Ein bisschen sportliche Rivalität hat ja auch noch nie geschadet.

Live: Am ersten Juniwochenende sind die Toten Hosen bei Rock im Park (Nürnberg) und Rock am Ring (Nürburgring) mit von der Partie. Ebenfalls angekündigt haben sich Rammstein, System of a Down und Die Broilers. Infos und Tickets unter www.rock-im-park.com und www.rock-am-ring.com .