Fahrzeug

Essay: Wie ungerecht ist das denn?

Kultur / Lesedauer: 4 min

Das Gefühl leiden zu müssen, weil andere bevorzugt werden, nimmt zu. Und schuld sind immer die anderen.
Veröffentlicht:30.10.2020, 19:30
Aktualisiert:01.11.2020, 04:09

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Es kommt, wie es kommen musste. Nun ist die Geduld am Ende, und die Bürger haben der Regierung lange genug einen Gefallen getan. Der Gefallen, um den es sich handelt, war die „widerspruchslose Hinnahme von Einschränkungen“ zur Eindämmung einer Pandemie. Nun aber haben „die uns lange genug das Feiern vermiest“. Jetzt ist Schluss mit der Großzügigkeit! Und Einschränkungen sind ja bekanntlich sowieso etwas, was die Deutschen nicht mögen.

Außer natürlich, es geht um das Verbot von Heizpilzen, Dieselautos, Schottergärten oder all den anderen Aufregern, die wöchentlich hochkochen. Erst letztes Jahr wurde allen Ernstes über ein Verbot von SUVs in Deutschland gestritten. Im vergangenen Dezember setzte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag , Matthias Miersch, noch einen drauf, und sprach sich genauso sinnfrei für ein Neuzulassungsverbot von Pick-up-Trucks aus – als Vertreter einer Partei, die doch so gerne auch kleine Handwerksbetriebe und Gewerbetreibende als ihr Klientel betrachten würde; eben jene, die so ein Fahrzeug durchaus brauchen können. Macht nichts, mit der nächsten Verbotsforderung ist so ein Lapsus schnell vergessen. Denn eigentlich soll ja alles verboten und reglementiert werden, und nichts macht den Deutschen mehr Freude als Vorschriften.

Aber eben nur nicht, wenn man selbst höchstpersönlich und ganz individuell davon betroffen ist. Dann nämlich ist es ungerecht!

Jetzt also auch noch Reisebeschränkungen. Vergessen ist, dass „Flugscham“ eines der Schlagworte in 2019 war. „Andere packen die Koffer für Italien, ich selber lebe in Berlin und darf noch nicht mal nach Mecklenburg-Vorpommern“, liest man in der Zeitung. Wer die anderen sind, ist erstmal egal. Alles für alle, das skandieren ja schon die Hausbesetzer oder die Chaoten am ersten Mai. Und so soll es sein. Selbst ein Mitarbeiter der kreuzbraven FAZ klagte ausführlich darüber, welche Mühe es ihm gemacht hat, endlich ein Urlaubsziel zu finden, wo er dank einer medizinischen Unbedenklichkeitsbescheinigung willkommen war. Auf die Idee, dass er einmal in seinem Leben in den Herbstferien hätte zuhause bleiben können, ist er dabei nicht gekommen. Vielleicht hat er auch nur ein Luxusproblem. Laut Eurostat, der Europäischen Statistikbehörde, haben 16,7 Millionen Deutsche ohnehin nicht genügend Geld, um überhaupt mal in den Ferien zu verreisen. Was natürlich erst recht ungerecht ist.

Der Kurzurlaub in Rom musste also abgesagt werden, und selbst die Skiferien sind in Gefahr. Das geht wirklich zu weit! Dabei hat man sich doch bereits genug eingeschränkt und ist im Sommer nun gar nicht in Thailand gewesen. Und die Rückholaktion des Bundes im April hat doch auch nicht so gut funktioniert, da hätten die im Auswärtigen Amt dann doch gleich noch mal üben können. Schließlich ist die Urlaubsreise doch ein Menschenrecht, daran ändert auch Angela Merkels Appell, im Hause zu bleiben, nichts! Außerdem muss der Kinderbonus irgendwie ausgegeben werden.

Auch sonst ist eigentlich alles ungerecht. In Schwerin wird kostenloser Nahverkehr angeboten, und prompt heißt es, dies sei „ungerecht für Autofahrer“. Kita-Gebühren sind grundsätzlich ungerecht, ein verkaufsoffener Sonntag ist ungerecht den Beschäftigten gegenüber (aber gerecht für die Geschäftsinhaber, die sich vorher durch die Beschränkung von Ladenbesuchern ungerecht behandelt fühlen durften). Was ist überhaupt mit der Generationengerechtigkeit? Und die Gegner der Hundesteuer in der bayerischen Gemeinde Mammendorf führen an, diese sei ungerecht; schließlich gebe es auch keine Steuer für Pferde.

Wer sich ungerecht behandelt fühlt, kann es sich in der Opferrolle bequem machen. Man muss leiden, weil andere bevorzugt werden, oder weil einem ein gottgegebenes Recht versagt wurde – wie beispielsweise der uneingeschränkte Urlaubsgenuss.

Und es passt ja auch zu der allgemeinen Sichtweise, dass man lediglich ein passives Subjekt ist. Grundsätzlich gibt es für alles einen Schuldigen. Man überschuldet sich nicht selbst, nein: Man tappt in die Schuldenfalle – die jemand anders arglistiger Weise aufgestellt hat. Wenn man mehr ausgibt, als man sollte, dann liegt das nicht an mangelnden Rechenkünsten oder fehlender Selbstkontrolle, nein: Man ist ein „Konsumopfer“.

Kann es sein, dass wir tatsächlich zum Opfer geworden sind – aber zum Opfer unserer eigenen Anspruchshaltung? Stampfen wir bei jeder Gelegenheit wie ein trotziges Kind mit dem Fuß auf, weil unsere Erwartung enttäuscht wurde? Nämlich die Annahme, dass das Leben an sich eine immerzu gerechte Vollkaskoveranstaltung zu sein hat, in der tatsächlich alle immer alles haben können?

Seien wir vernünftig. Wenn unser größte Problem in unserem Leben ist, dass diejenigen, die es sich leisten können, dieses Jahr in den Herbstferien nicht verreisen konnten, sondern zuhause in ihrer Wohnung bleiben mussten – dann geht es uns vermutlich nicht gar so schlecht.