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Stofftäschchen

Im Haus der Geschichte in Stuttgart zündet die Liebe leider nicht

Kultur / Lesedauer: 4 min

Das Haus der Geschichte in Stuttgart hat sich das schönste aller Gefühle vorgenommen
Veröffentlicht:27.10.2022, 19:09

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Manchmal können in kleinen Dingen große Tragödien stecken. Das bunte Stofftäschchen für Taschentücher ist so ein Ding. Heute würde es niemand mehr benutzen, als die kleine Margot aber auf Reisen ging, gab die Mama ihr das Etui mit, damit sie einen ordentlichen Eindruck macht. Margot Weil war eines der vielen Mädchen und Jungen, die 1938 mit einem Kindertransport ins Ausland geschickt wurden in der Hoffnung auf ein besseres Leben als in Nazideutschland. Margot landete in Basel in einer Familie, die es nicht gut mit ihr meinte. Ihre Eltern wurden ermordet. Ihr blieb von der Familie nur dieses Stoff-Etui.

„Liebe. Was uns bewegt“ in Stuttgart ist der Abschluss einer Trilogie

Das geblümte Täschchen ist nun im Haus der Geschichte Baden-Württemberg zu sehen und lässt auf traurige Weise nachspüren, was dem Mädchen in der Fremde vorenthalten wurde: Liebe. Denn um „Liebe. Was uns bewegt“ geht es in der Sonderausstellung, mit der das Museum seine Trilogie über die großen menschlichen Gefühle abschließt.

Nach Gier und Hass könnte man meinen, dass mit der Liebe nun all die schönen Momente aus der Geschichte Baden-Württembergs aufblitzten. Doch dem Publikum ergeht es wie der kleinen Margot: Es wartet beim Rundgang vergeblich auf Glücksgefühle.

Denn wo Liebe draufsteht, ist nicht immer Liebe drin – wie in den vielen Liebesbriefen, die König Wilhelm I. von Württemberg seiner Katharina schickte, darin aber vor allem von militärischen Ereignissen berichtete. „Die Liebe höret nimmer auf“ ließ er später auf die Grabkappelle in Stuttgart-Rotenberg schreiben, in der Katharina bestattet wurde. Dass sie aus Verzweiflung über ihren untreuen Gatten im leichten Hemd durch die Kälte rannte und sich scheußlich verkühlte, das unterschlug Wilhelm in seinem Witwerschmerz.

Im Haus der Geschichte geht es nicht nur um Liebe unter Paaren

In der Ausstellung im Haus der Geschichte steht das Gerippe eines Araberhengstes. Stattlich und schön soll das Tier gewesen sein – und gehörte zu den Pferden, die Katharina aus Damaskus nach Württemberg bringen ließ. So geht es in der Ausstellung nicht nur um Liebe zwischen mehr oder weniger bedeutenden Paaren.

Es geht auch um die Liebe zum Tier und zur Natur, zum Vaterland oder zu Adolf Hitler, dem junge Frauen einst zujubelten. Vermutlich hatten auch sie zuhause eine Büste des „Führers“ stehen, die der Stuttgarter Bildhauer Hans Retzbach als Massenware auf den Markt brachte. Man sollte sich also vor allzu leidenschaftlicher Gefühlsduselei hüten, so die Botschaft dieser Ausstellung, die allerdings eher kühl verhandelt wird, als wolle man sogar vermeiden, das Publikum auch emotional zu packen.

Das Kuratorenteam hat in der Sammlung nach Objekten gesucht, die irgendwie mit Liebe oder dem Fehlen von Liebe in Zusammenhang gebracht werden können. Dabei hat man durchaus interessante Funde gehoben. Denn wer weiß heute schon noch, dass der Süddeutsche Rundfunk 1985 einen Wettbewerb ausschrieb für ein Baden-Württemberg-Lied? Liebe zu dem Bindestrich-Land sucht man in den Vorschlägen allerdings vergeblich.

Die Ausstellung zur Liebe wirkt stellenweise wie eine Mogelpackung

Irgendwie mögen Solidarität, Zivilcourage oder Unterstützung von Asylbewerbern mit Liebe zu tun haben. Wenn man dann aber über den Völkermord an den Herero und Nama stolpert oder über „Brandschuttproben“ aus einer zerstörten Geflüchtetenunterkunft in Weissach, bekommt man doch den Eindruck, dass diese Ausstellung zur Liebe eigentlich eine Mogelpackung ist. Daran ändern auch die roten Vorhänge, die roten Podeste und roten Texttafeln wenig.

Auch die Angebote, Freundschaftsbändchen zu knüpfen oder zu kommentieren, wie sich Liebe und Solidarität anfühlen, wirken eher hilflos.

Denn das Problem dieser Ausstellung ist nicht nur, dass sie das Thema unpräzise fasst, sondern dass der Rundgang überfrachtet wurde mit Textmassen. Offenbar sieht sich das Kuratorenteam verpflichtet, dem Publikum möglichst viele Informationen, Daten und Fakten mit auf den Weg zu geben.

„Liebe. Was uns bewegt“ in Stuttgart ist anstrengend statt anregend

Dabei sollten die Gemälde und Fotografien, die Kleider oder Blumenstillleben aus den Haaren eines verstorbenen Kindes doch eigentlich so inszeniert werden, dass sie Lust darauf machen, sich mit den historischen Hintergründen zu befassen – statt nur alibihaft Kuratorentexte zu illustrieren.

So vermittelt sich leider der Eindruck, dass Geschichte wohl doch eine anstrengende Angelegenheit ist. Dabei können die Blicke ins Gestern das Heute klarer machen. Als sich König Karl I. leidenschaftlich verliebte, erging es ihm kaum anders als manch heutigem Machthaber. Denn Charles Woodcock, ein Metzgersohn aus den USA, ließ sich zwar willig auf die Avancen des Königs ein und beteuerte seine Liebe in flammenden Briefen.

In Wahrheit war er aber mehr an Einblicken in die Regierungsgeschäfte und an einem Adelstitel interessiert.