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Klimawandel

Kabarettist Vince Ebert über Klimawandel: „Die Horror-Szenarien sind absurd“

Kultur / Lesedauer: 5 min

Physiker und Kabarettist Vince Ebert über Klima-Horrorgeschichten, den Ärger über die deutsche Energiepolitik und Zukunftsoptimismus
Veröffentlicht:11.11.2022, 19:00

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Das Klima ist in aller Munde: Aktuell tagt die Welt in Sharm el Sheikh zum Klimagipfel. Und in Deutschland machen Aktivisten mit Kartoffelbreiwürfen auf Gemälde und Straßenblockaden auf sich aufmerksam. Der Kabarettist und Physiker Vince Ebert spricht mit Jonas Voss über die seiner Meinung nach verheerende deutsche Energiepolitik, warum er mehr Optimismus statt Angstmacherei einfordert und wieso Gegner des Wirtschaftswachstums Zyniker sind.

Herr Ebert, Aktivisten wie die „Letzte Generation“ sprechen von der „Klimahölle“ und vom baldigen Untergang der Welt, wie wir sie kennen. Liest man ihr Buch „Lichtblick statt Blackout“ könnte man sagen, Sie sind sehr weit entfernt von den Standpunkten dieser Aktivisten. Sind Sie ein alter weißer Mann?

Wie auch in meinem Buch herauskommt, finde ich es okay, wenn junge Menschen protestieren. Dass junge Menschen die Vorgängergenerationen anprangern ist ja jetzt auch nichts Neues. Absurd sind bei den oben angesprochenen Protesten natürlich die heraufbeschworenen Horrorszenarien. Es ist wissenschaftlich schlichtweg nicht haltbar, von einer „letzten“ Generation zu sprechen. Auch die Weltklimaberichte haben keinen so pessimistisch-alarmistischen Tonfall.

Vince Ebert ist Kabarettist, Moderator und Physiker. Sein Buch „Lichtblick statt Blackout“ ist ein Plädoyer für Pragmatismus, Klima- und Energiefragen.
Vince Ebert ist Kabarettist, Moderator und Physiker. Sein Buch „Lichtblick statt Blackout“ ist ein Plädoyer für Pragmatismus, Klima- und Energiefragen. (Foto: dtv/Schwäbische.de)

In diesen Berichten wird aber sehr deutlich herausgearbeitet, welche teils katastrophalen Folgen ein „haben wir immer schon so gemacht“ klimapolitisch hätte.

Sicher – es wird bestimmte Regionen der Welt treffen, wenn nichts unternommen wird. Aber von einer Apokalypse nimmt die überwältigende Mehrheit der Klimawissenschaftler Abstand. Selbst die so oft heraufbeschworenen Kipppunkte sind spekulativ. Und wenn es diese geben sollte, vollzieht sich dieses „kippen“ in Zeiträumen von 20 bis 100 Jahren.

Aber wenn man öffentlich sachlich über den Klimawandel beschreibt, gilt man schnell als Verharmloser. Das ist eine perfide Strategie. Der Klimawandel ist ein Problem. Mit dem Weltuntergang hat er nach aktuellem Stand aber nichts zu tun. Mir scheint, radikale Klimaschützer und Klimawandelleugner setzen im Grunde genommen auf die gleiche Mechanik: Sie picken sich gezielt Thesen oder Experten heraus, propagieren dann nur diese und ignorieren den breiten Diskurs.

Aufgrund dessen habe ich auch mein Buch geschrieben: Der großen Masse an vernünftigen, aber verunsicherten Menschen möchte ich etwas an die Hand geben, mit dem sie in die Lage kommen, Zusammenhänge in der Klimawissenschaft und -politik zu verstehen.

Fehlt das denn Ihrer Meinung nach bisher – eine unaufgeregte Diskussion der Sachverhalte?

Im Grunde genommen, ja. In den Medien macht sich, teilweise vielleicht unbewusst, eine Katastrophenrhetorik breit. Das ist aber gefährlich: Überhöht man bestimmte Entwicklungen oder reißt sie aus dem Zusammenhang, auch noch mit extremen politischen Forderungen oder moralischen Zurechtweisungen verknüpft, führt das doch letztlich dazu, dass man nur diejenigen für eine bestimmte Politik gewinnt, die ohnehin auf der eigenen Linie sind.

Die anderen jedoch verliert man komplett. Ich möchte vor allem auch die positiven Dinge hervorheben. In den vergangenen 100 Jahren ist sowohl die Säuglingssterblichkeit als auch die Armut dramatisch zurückgegangen, die Waldbestände haben zugenommen, die Menschen haben mehr und gesündere Lebensmittel zur Auswahl. Diese Bilder muss man den Leuten vermitteln, nicht den Satz von Greta Thunberg: „Ich will, dass ihr in Panik geratet“.

Dass die Klimakrise immer akuter wird, lässt sich nicht leugnen.

Aber was hilft uns dann Panik? Was ist das für ein Zukunftsplan? Mit Panik lassen sich keine Probleme lösen, dann ist man nur orientierungslos und ohne klare Gedanken.

Beim Lesen Ihres Buches wurde ich zwar nicht panisch, aber ein wenig mulmig wurde mir schon, als ich von der Anfälligkeit unseres Stromnetzes erfahren musste ...

Unsere Welt ist sehr, sehr komplex. Es gibt sehr, sehr viele Einflussgrößen und es gibt sehr, sehr viele Risikofaktoren. Man muss das alles in Balance halten. Das ist schwer und wird schnell unübersichtlich. Das gilt auch für unser Stromnetz, gerade weil wir eine so starke Industrie haben. Leider verstehen die Verantwortlichen anscheinend nicht, wie ein landesweites Stromnetz physikalisch funktioniert und das es sich eben nicht beliebig an-, aus- oder zwischenschalten lässt.

Mit der aktuellen Klima- und Energiepolitik wird unser Stromnetz immer instabiler. Von der Abwanderung der Industrie gar nicht zu sprechen. Von ausländischen Wissenschaftlern und Ingenieuren höre ich schon Sprüche wie „ihr seid schon bald eine zweitklassige Wirtschaftsnation“. Das bedeutet dann weniger Wohlstand, also mehr Armut.

Manche würden jetzt sagen, dass weniger Wachstum, also Wohlstand, genau der richtige gesellschaftliche Weg ist.

Wenn weniger Geld da ist heißt das, es wird weniger Sozialstaat geben, weniger Gesundheitsfürsorge, weniger Bildungsinitiativen. Und mehr soziale Verwerfungen. Wer „Degrowth“ propagiert, meint Verarmung. Absurd, dass das insbesondere linke Vordenker feiern. Wir reden hier ja nicht davon, dass man einmal weniger im Jahr in den Urlaub fährt.

Sondern, dass untere Einkommensschichten dann nicht mehr wissen, wovon die alltäglichen Rechnungen bezahlt werden. Und dass es Millionen von Arbeitslosen gibt. Das ist doch zynisch. Armut hilft überhaupt nicht in der Klimapolitik.

Sondern?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bangladesch hatte vor 50 Jahren noch Zehntausende Tote pro Jahr durch Naturkatastrophen. Es war eines der ärmsten Länder der Welt. Heute ist das Land deutlich wohlhabender und hat genug Geld für infrastrukturelle Schutzmaßnahmen, für eine Anpassung an die sich verändernde Umwelt.

Die Zahl der Toten hat sich dramatisch reduziert: auf zwölf pro Jahr. Das meine ich mit einem optimistischen Blick auf die Zukunft. Denn keine andere Spezies auf diesem Planeten ist so anpassungsfähig wie der Mensch.