Musiktheater

Bregenzer Festspiele zeigen Musiktheater mit Puppen

Bregenz / Lesedauer: 3 min

Johannes Kalitzke dirigiert seine Kammeroper „Kapitän Nemos Bibliothek“ in Bregenz
Veröffentlicht:28.07.2022, 18:00
Aktualisiert:28.07.2022, 18:01

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Als Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen des SWR präsentieren die Bregenzer Festspiele die Kammeroper „Kapitän Nemos Bibliothek“ von Johannes Kalitzke. Das knapp zweistündige Auftragswerk wurde Ende April in Schwetzingen unter der Leitung des Komponisten mit großem Erfolg aus der Taufe gehoben. Christoph Werners imposante Inszenierung setzt auf raffinierte Interaktion des Gesangsensembles mit bezaubernd echt wirkenden Puppen von Louise Nowitzki. Für den Hintergrund hat Conny Klar ein kontrastierendes Video in buntem Comic-Stil produziert. Die Premiere der österreichischen Erstaufführung auf der von Angela Baumgart fantastisch ausgestatteten Werkstattbühne wurde vom Publikum stürmisch gefeiert.

Die Aufführung in Bregenz basiert auf einem Roman

Julia Hochstenbachs Libretto für „Kapitän Nemos Bibliothek“ basiert auf dem gleichnamigen Roman des vor zwei Jahren verstorbenen schwedischen Schriftstellers Per Olaf Enquist. Zwei Jungen in einem kleinen Dorf sind kurz nach ihrer Geburt von der Hebamme versehentlich verwechselt worden und bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in den „falschen“ Familien aufgewachsen. Als der Fehler bemerkt wird, ordnet ein Gericht den Rücktausch an. Bei der Bewältigung der psychischen Folgen sind die zutiefst verunsicherten Kinder ebenso wie ihre Eltern auf sich allein gestellt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Rückschau der beiden erwachsen gewordenen Jungen, die den Vorfall unterschiedlich verkraftet haben. Während Johannes zunächst vom Wechsel zu profitieren schien, hat ihn der namenlose „Ich“-Erzähler als Katastrophe erlebt. Dennoch wirken beide wie Doppelgänger, die bei ihrer Spurensuche voneinander abweichenden Erinnerungen schließlich konstruktiv auswerten möchten.

In Christoph Werners Inszenierung wird ihre Konfrontation mit dem jeweils eigenen Kind durch virtuos geführte Puppen beeindruckend anschaulich gemacht (Ines Frank, Franziska Rattay, Lars Frank, Nico Parisius). Zu Beginn kommen zwei Halbwüchsige durch das Publikum nach vorne auf die Bühne. Dort sehen sie ihre streng pietistischen Herkunftsfamilien beim Beten mit dem freudlosen Pastor und sich selbst als Puppen dabei. Was zunächst wie eine kritisch überzeichnende Darstellung wirkt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als subjektive Erinnerung an harte Realitäten. Teils brutale Erziehungsmethoden der Eltern werden nicht als böse denunziert, sondern einfühlend als Folge jener Realitäten geschildert.

Eine Reise in die Tiefen einer verstörenden Kindheit

Als tröstlicher Rückzugsort aus der Welt der Erwachsenen dient den Jungen Jules Vernes Roman „20 000 Meilen unter dem Meer“. In der Fantasie nutzen sie die titelgebende Bibliothek auf der Nautilus, um ihre Erlebnisse zu „kartographieren“ und zu ordnen. Auf Angela Baumgarts Bühne geschieht dies in einer rundum verglasten Taucherkugel, hinter der Conny Klars Video Unterwasserpflanzen emporwachsen lässt. Leider hat Julia Hochstenbach zu viel Textschichten in ihrem Libretto verstaut. Enquists dichtes Netz von Verweisen bleibt in der Oper vage. Das Publikum kann dem Puzzle von Zitaten nur schwer folgen. Nach Rivalität, Neid und Zerwürfnis der beiden Freunde bleibt unklar, warum sie sich überhaupt gemeinsam ihrer Vergangenheit stellen.

Kalitzke hat eine klanglich reich differenzierte Partitur für ein kleines Gesangs- und Instrumentalensemble geschaffen. Iurii Iushkevich („Ich“), Johanna Zimmer (Johannes), Noa Frenkel in der Doppelrolle der Mütter Josefina und Alfild sowie Reuben Willcox als Vater Sven und Pastor bewältigen ihre Aufgaben vokal und darstellerisch großartig. Dies gilt auch für den ergreifenden Auftritt von Rinnat Moriah, die als schwangeres Teenagermädchen Eva-Lisa an der Totgeburt ihres Babys stirbt.

Das zehnköpfig aufspielende Frankfurter Ensemble Modern sorgt unter Kalitzkes souveräner Leitung für einen packenden Soundtrack zu dieser Reise in die Tiefen einer verstörenden Kindheit.