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Stelldichein von Barock und Pop in Lindau

Lindau / Lesedauer: 2 min

„Time Travel“ nennen die Berliner „lauttencompagney“ und die Saxophonistin Asya Fateyeva ihr neues Programm mit Musik von Purcell und den Beatles. In Lindau war das Publikum begeistert.
Veröffentlicht:27.11.2023, 17:00

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„Time Travel“ nennt das Berliner Ensemble „lauttencompagney“ sein neues Programm. Es kombiniert Arrangements von Songs der Beatles mit Musik des englischen Barockkomponisten Henry Purcell (1659 bis 1695). Anders als der Titel suggeriert, führt da jedoch keine musikalische Zeitreise zurück von der Ära der Pilzköpfe über Zwischenstationen bis ins späte 17. Jahrhundert. Stattdessen reichen sich die Fab Four und der schon kurz nach seinem frühen Tod als „Orpheus Britannicus“ gerühmte Tonsetzer aus Westminster über die Jahrhunderte hinweg die Hände. Im vollbesetzten Lindauer Stadttheater, wo die „lauttencompagney“ jetzt zusammen mit der jungen ukrainisch-deutschen Saxofonistin Asya Fateyeva auftrat, wurde das reizvolle Stelldichein englischer Pop-Sounds aus Liverpool mit Purcells barocker Klangpracht vom Publikum begeistert gefeiert.

Die Programmfolge des Abends basierte auf einem ständigen Hin und Her zwischen den beiden musikalischen Welten - ein Potpourri mit gewitzten, oft unerwarteten Wechseln. Die Beatles-Bearbeitungen für das an „Alter Musik“ orientierte Instrumentarium der Berliner Truppe stammen von Bo Wiget, dem Cellisten des Ensembles. Sie nutzen die Kompatibilität der gefälligen Songs vor allem von Paul McCartney mit „klassischer“ Stilistik. Für Drive, rhythmischen Elan und allerlei spaßige Einlagen sorgt der Perkussionist Peter Bauer, der John Lennons psychedelisch-experimentelle Nummer „Tomorrow never knows“ mit ihren Tonbandcollagen, indischen Exotismen und elektronischen Zutaten adaptiert hat.

Beatles-Titel mit barocker Note

Mit diversen Trommeln, Tamburin, Becken, Glöckchen, Maultrommel und allerlei sonstigen Utensilien zauberte Bauer in Lindau fantastische Klangszenarien und stattete auch den Windgott Aeolus aus Purcells „King Arthur“ mit imposanten Blasgeräuschen aus. Umgekehrt verpasste Tilmann Albrecht (Cembalo und Orgelportativ) so manchem Beatles-Titel wie McCartneys „Black Bird“ eine barocke Note, die dann durch jazzige Einwürfe wieder dezent aufgebrochen wurde. Asya Fateyeva, auf der Halbinsel Krim geboren, hat in Moskau, Köln, Paris und Hamburg klassisches Saxofon studiert. Dass sie nicht in Jazz, Rock und Blues zuhause ist, war ihrem Spiel in Lindau kaum anzumerken, da sie sich als vielseitige Interpretin auch in diesen Sphären zurechtfindet.

Nachdem Purcells improvisatorisch gerockte Tanzstücke immer wieder unversehens in nostalgisch beschworene Ohrwürmer wie „Yesterday“, „Penny Lane“ oder das unvermeidliche „When I’m 64“ übergegangen waren, unterbrachen bei der ausgelassenen Zugabe plötzlich die unbegleitet von allen auf der Bühne gesungenen Lennon-Zeilen „Give peace a chance!“ den Vortrag, um dann zu einer ergreifenden Lamento-Melodie Purcells zurückzukehren. Die musikalische Kontextualisierung sprach packend für sich.