Sprachplauderei

Sprachplauderei: Von wegen schäbig!

Kultur / Lesedauer: 3 min

Sprachplauderei: Von wegen schäbig!
Veröffentlicht:23.03.2017, 19:10
Aktualisiert:23.10.2019, 07:00

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Aus zweierlei Gründen ist das Allerweltswort sogenannt bemerkenswert: Zum einen gehört es zu den unseligen Variantenschreibungen, die uns die Rechtschreibreform von 2006 eingebrockt hat. Immer wenn sich die zur Einstimmigkeit verdammten Rechtschreibhüter aus sechs Nationen nicht einigen konnten, ließen sie die Wahl offen. So haben wir jetzt sogenannt, aber auch so genannt. Bis heute wollen die Verantwortlichen übrigens nicht einsehen, dass sie damit der Sprachkultur einen Bärendienst erwiesen haben. Wenn ich hier schon die Wahl habe, nehme ich sie mir bei anderen Wörtern auch – so denkt sich der Normalschreiber und schludert munter drauf los.

Zum anderen taucht dieses sogenannt regelmäßig auf, wenn es um neue Importe aus dem Englischen geht. Dabei bekommt es eine Feigenblatt-Funktion: Man weiß ganz genau, dass ein Begriff vielen noch kein Begriff ist, will aber – meist aus Wichtigtuerei – nicht darauf verzichten und setzt dann ein sogenannt davor. Wobei dieses verschämte sogenannt immer bekundet, dass die erste Schwelle der Einbürgerung bereits überschritten wurde. Bald darauf wird das sogenannt weggelassen.

Passiert ist das etwa beim Modewort Vintage. Zunächst sprach man noch von sogenannten Vintage-Kleidern oder sogenannten Vintage-Möbeln… Aber das war einmal. Seit geraumer Zeit ist Vintage mitten in der Gesellschaft angekommen, wie Stichproben quer durch die Medien beweisen: Vintage-Instrumente, Vintage-Parfums, Vintage-Tankstellen, Vintage-Topfpflanzen, Vintage-Koffer, Vintage-Fußböden etc. Selbst ein Allgäuer Hofladen wirbt jetzt mit Deko-Artikeln im shabby-chic Vintage-Look…

Aber wissen die Leute genau, von was sie reden? Mitnichten. Vintage? Hat irgendetwas mit altmodisch zu tun, mit abgenutzt, abgegriffen, absichtlich abgewetzt… So lauten die vagen Antworten auf Nachfrage. Hauptsache schäbig – und damit schön chic! Aber eigentlich bedeutet Vintage genau das Gegenteil: Die Wurzel des englischen Wortes ist das französische Vendange, das wiederum auf das lateinische vindemia (Weinlese) zurückgeht, von vinum (Wein). Vintage ist also der Weinjahrgang. Bis heute spricht der Engländer oder Amerikaner von Vintage-Bordeaux oder Vintage-Port, wobei dann höchste Anerkennung für einen herausragenden alten Tropfen mitschwingt. Und als das Wort in den 1920ern auf Autos übertragen wurde, ging es um hochwertige Oldtimer.

Im Englischen hat das Wort auch weiterhin einen sehr positiven Klang. Bei uns eher nicht. Wenn ein Teenager stolz von seinen Vintage-Jeans faselt, in die er vorher Löcher gerissen hat, so geht es ihm gerade nicht um Qualität. Und das ist übrigens genauso, wenn die elegante Damenhose vom Designer mit Schlitzen verunziert wird. Nebenbei bemerkt, hat das etwas Zynisches. Denn damit werden im Grunde jene Abermillionen von Menschen verhöhnt, die in Lumpen leben müssen, weil sie ansonsten nichts anzuziehen haben.

Also lobt man sich letztlich Vintage im echten Wortsinn, entkorkt eine Flasche mit einem guten, alten Wein und lässt es sich schmecken. Ohne Design, aber fein.

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