Gerätschaft

Sinnenfrohes Spiel eines Spaßvogels

Rot an der Rot / Lesedauer: 3 min

Ralph Künzler hat mit seinen Objekten und Collagen die Villa Rot erobert
Veröffentlicht:31.03.2014, 17:45
Aktualisiert:24.10.2019, 15:00

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Ralph Künzler sammelt ausrangierte und ausgediente Gerätschaften auf den Flohmärkten dieser Welt. Dabei hat er eine besondere Vorliebe für die Formensprache der 1950er- bis 1970er-Jahre. In aufwendiger Handarbeit nimmt er die Apparate auseinander, bringt sie auf Hochglanz und setzt sie anschließend zu neuen, zweckfreien Objekten zusammen. Küchenwaage, Föhnhaube, Dreirad, Handstaubsauger, Spaten, Lenkrad, Bonanza-Fahrrad, Bügelbrett, Zapfhahn, Mixer, Heizkörper, Gartenschere oder Feuerlöscher verschmilzt der gebürtige Mannheimer zu skurrilen, sinnenfrohen Fantasiestücken im Retro-Look. Auch in seinen Bildcollagen kombiniert er Wegwerfartikel jener Zeit nicht ohne Augenzwinkern miteinander und verpasst ihnen einen neuen Kultstatus.

Jetzt hat Ralph Künzler bis 22. Juni die Villa Rot in der Nähe von Laup-heim bespielt. Seine Objekte und Bilder haben den Eingangsbereich, die Zimmer, Treppenhaus, Bad – und sogar die Cafeteria erobert. Sie wirken fremd, fast schon paradox in diesem hochherrschaftlichen Haus aus der Jahrhundertwende, was aber gerade den Reiz dieser Ausstellung ausmacht. Zudem ist die Präsentation eigenwillig – mal hängt eine Collage auf Fußbodenhöhe, dann wieder deutlich zu hoch. Die Objekte dagegen stehen nicht immer mitten im Raum, sondern auch mal scheinbar achtlos in einer Ecke oder Nische. Tatsächlich beweist Ralph Künzler damit ein Gespür für den Ausstellungsort, zumal er die rund 60 Exponate locker gruppiert hat.

Kritischer Blick auf Konsumwelt

Im einstigen Wohnzimmer zum Beispiel dominiert nun eine rosarote Kuschellandschaft namens „Altdeutsche Weihnacht“ den Raum. Für Wärme sorgen allerdings keine Kerzen, sondern ein in die Mitte eingelassener Heizkörper – eine Art Sofa-Grill sozusagen. Erotisch aufgeladen wird die Atmosphäre durch das Wand füllende Plakat einer barbusigen Schönheit mit Häkel-Bikinihose.

Einen Saal weiter dreht sich alles ums Ei. Dazu hat Künzler jeweils zwei ehemalige Trockenhauben zum Ei zusammengesetzt und mit anderen Teilen kombiniert. In Verbindung mit einem Spaten wird so ein Haubenei zum „Vorgarten versöhnlich“, mit Kindersitz und Propeller wiederum zum „Kleinen Planetarium“. Ähnlich bizarr sind auch die Objekte, die der 53-jährige Künstler im ehemaligen Kinderzimmer der Villa zeigt. Aus einem roten Dreirad und Feuerlöscher in Eistütenform wird die „Kleine Eva“, ein Lauflern-Wagen modelt er mit Eisbär, Kinderski und Elchgeweih zu „Mr. Slow-go“ um.

Beim Rundgang durchs Haus wird schnell klar, dass Ralph Künzler ein Spaßvogel ist, der mit der Konsumwelt sein Spiel treibt. Das zeigt sich einerseits an den Gebrauchsgegenständen, die er ähnlich wie schon vor 100 Jahren Marcel Duchamp dekonstruiert und sie dann zum Kunstwerk erklärt. Andererseits knüpft er an die frühe Pop-Art aus der Mitte des 20. Jahrhunderts an, die den schönen Schein der Wegwerfgesellschaft thematisiert. Zugleich erinnern die Titel seiner Werke an die Blödeleien der Dada-Bewegung aus der Zeit um 1920 herum. Ralph Künzler beweist dabei stets einen guten Riecher für den schmalen Grat zwischen Normalem und Nonsens. Er beleuchtet, hinterfragt, ironisiert die Dinge, führt sie ad absurdum und schlägt so eine Brücke zwischen Kunst und Alltag.

Ein gelungenes Beispiel für seinen hintersinnigen Humor ist das „Graswanger Modell“, das im Konzertsaal der Villa Rot zu sehen ist. Dabei handelt es sich um eine Futterkrippe, in deren Mitte ein Video von Rehen und Hirschen am Futterplatz im verschneiten Winterwald läuft. Aus der sicheren Distanz eines Hochsitzes, genauer gesagt einer Bank, kann der Besucher so in waidmännische Idyllen eintauchen und das Wild mittels Fernglas beim Fressen beobachten. Fragt sich nur, wer in dieser verkehrten Welt der Platzhirsch ist.

„Ralph Künzler – Betrachtungen sind Ansichtssache“ in der Villa Rot in Burgrieden-Rot bei Laupheim dauert bis 22. Juni.

Öffnungszeiten: Mi.-Sa. 14-17 Uhr, So. und Feiertag 11-17 Uhr. Katalog: 20 Euro. Infos zum Veranstaltungsprogramm mit Führungen und Workshops finden sich im Internet: www.villa-rot.de