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Eine Ode an den Rock

Seit 50 Jahren unter Strom: AC/DC

Kultur / Lesedauer: 7 min

Silvester 1973: In Deutschland führt Loriots Zeichentrick-Hund Wum mit „Ich wünsch’ mir ’ne kleine Miezekatze“ die Hitparade an - und in Australien beginnt die Karriere von AC/DC.
Veröffentlicht:30.12.2023, 12:00

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Silvester 1973: In der Bundesrepublik Deutschland führt Loriots Zeichentrick-Hund Wum mit „Ich wünsch’ mir ’ne kleine Miezekatze“ die Hitparade an.

Am anderen Ende der Welt geht es ungestümer zu: Im Chequers Club im australischen Sydney geben der 20-jährige Dave Evans (Gesang), der 19-jährige Larry Van Kriedt (Bass), der 27-jährige Colin Burgess (Schlagzeug), der 20-jährige Malcolm Young (Rhythmusgitarre) und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Angus Young (Leadgitarre) ihr erstes Konzert unter dem Namen AC/DC.

Fünf Jahrzehnte später sind AC/DC der Inbegriff für Hardrock. Unverkennbare Melodien, Millionen von verkauften Tonträgern, hohe Chartplatzierungen, zwei Grammys und volle Stadien zeichnen sie aus.

„Mist, ich hätte daheim doch auch blinkende Teufelhörnchen gehabt“, ist das Erste, das mir neidvoll durch den Kopf schießt, als wir das Olympiastadion betreten, „Anfängerfehler“. Es ist ein Sonntag im Mai 2015 und mein erstes AC/DC-Konzert. Warum nicht schon früher?

Wir haben die Rolling Stones, die Beatles gecovert - wir hatten auch etwas eigenes Material, aber hauptsächlich Cover.

Schlagzeuger Colin Burgess

Zugegebenermaßen haben sie es bei mir nie auf Platz eins geschafft - da empfand ich andere Bands als brachialer, emotionaler oder abwechslungsreicher. Aber Hardrock macht keiner besser, und die Klassiker zum ersten Mal von den Rock-Urgesteinen selbst zu hören, ist schon ein spezielles Erlebnis. „Thunderstruck“, „Back in Black“ oder „Hells Bells“ mal nicht von einer Playlist abgespielt oder von einer Coverband in einem Festzelt dargeboten.

Mit Cover-Versionen haben sie begonnen

Von diesen Titeln wie auch von „T.N.T.“, „It’s A Long Way to the Top“ oder „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“ war beim ersten AC/DC-Konzert am Silvesterabend 1973 noch keine Spur. „Wir haben die Rolling Stones, die Beatles gecovert - wir hatten auch etwas eigenes Material, aber hauptsächlich Cover“, erinnerte sich der inzwischen verstorbene Schlagzeuger Colin Burgess in einer TV-Doku. „Wir waren fantastisch, haben das Publikum umgehauen“, schwärmt Dave Evans von dem Abend.

Die Erwartungen an die Truppe im Vorfeld waren groß gewesen: Immerhin hatte Schlagzeuger Colin Burgess zuvor mit seiner Gruppe The Masters Apprentices Erfolge gefeiert und auch im Hause Young gab es bereits einen erfolgreichen Musiker: George Young, den älteren Bruder von Malcolm und Angus. „Zu dieser Zeit war Chequers der beste Nachtclub in Sydney“, erinnert sich Evans.

AC/DC sollten noch viele Male dort spielen. Denn mit dem, was sich die jungen Australier bei Mick Jagger, Keith Richards, Chuck Berry und anderen Vorbildern abgeschaut haben, kamen sie gut an. Außerdem wurden sie Stück für Stück eigenständiger.

Anfang 1974 nahmen AC/DC in der Urbesetzung mit Sänger Dave Evans und Schlagzeuger Colin Burgess dann den Song „Can I Sit Next to You, Girl“ auf. Er wurde Ende Juli 1974 veröffentlicht und erreichte rund einen Monat später Platz 50 der australischen Charts. Doch Dave Evans sollte nicht mehr lange der Mann am Mikrofon bleiben - immer wieder war es zu Unstimmigkeiten gekommen.

Im Herbst 1974 übernahm Bon Scott den Gesangspart, und die Karriere der Band nahm so richtig Fahrt auf. Der 28-jährige frühere Postbote und Bartender hatte zuvor bereits Erfahrungen mit anderen Bands gesammelt. Wie die Familie Young war auch Scotts Familie in seiner Kindheit von Schottland nach Australien ausgewandert. In neuer Besetzung vermengten AC/DC massenweise Energie, Arbeiterklasse-Charme und derben Humor zum Erfolgsrezept.

In den 70er-Jahren unermüdlich auf Tour

Die Band tourte mit Bon Scott unermüdlich, spielte quasi jährlich einen Longplayer ein, erzielte hohe Albumverkäufe und fand Anerkennung bei Fans und Künstlern. Und das auch jenseits der Heimat. Ihre Musik führte sie nach Großbritannien und in die USA.

Größen wie Kiss, Aerosmith und Alice Cooper luden sie ein auf Tour. Aber es gab auch Anfeindungen. Wie andere Musiker dieser Zeit sahen sich AC/DC wiederholt Kritik und Protesten ausgesetzt aufgrund ihrer unterstellten Nähe zum Satanismus. Manch einer zeigte sich schadenfroh über den Tod von Bon Scott, der nach einer durchzechten Februarnacht 1980 in London starb.

Auflösen oder Weitermachen? Würde die Band mit einem anderen Sänger dem Erbe Scotts gerecht werden? Die Musiker der Band entschieden sich nach einer kurzen Zeit des Haderns für die Zugabe: Mit Brian Johnson, von dem sich Scott zu Lebzeiten beeindruckt gezeigt hatte, war die Nachfolgefrage gelöst.

Bald ging es für die neue Konstellation ins Studio auf die Bahamas. „Hells Bells“, „What Do You Do For Money Honey“, „You Shook Me All Night Long“ und weitere Songs landeten auf dem Album „Back in Black“, zum Gedenken an Scott vollständig in Schwarz gehalten. Es sollte der größte kommerzielle Erfolg der Band werden und eines der meistverkauften Alben der Welt.

Noch immer sorgt die Band regelmäßig für Nachschub - zuletzt 2020 mit „Power Up“. Manch ein Kritiker findet zwar, dass AC/DC das gleiche Lied immer und immer wieder aufnehmen. Aber ihrer Popularität - vor allem live - tut das keinen Abbruch.

Erdig und ursprünglich auf der Bühne

Auch ich lasse mich im Olympiastadion in den Bann ziehen von einer Performance, die schnörkellos und aus der Zeit gefallen ist - im positiven Sinne. Trotz Pyro, trotz Videoübertragung, trotz Bühnendeko macht alles einen erdigen, ursprünglichen Eindruck.

Das Durchschnittsalter der Musiker auf der Bühne beträgt 2015 exakt 63,6 Jahre - so hat es ein Kollege damals für seinen Artikel ausgerechnet. Die Frage, die dabei mitschwingt: „Wie lang werden sie das wohl noch machen?“ Tatsächlich: Im Jahr darauf verhängt Johnsons Arzt ein Auftrittsverbot, um einen Hörverlust zu verhindern. Ans Mikro tritt für den Rest der Tour Axl Rose, Sänger von Guns’n’Roses.

Mit dieser Schuluniform hat Angus die Bühne zerlegt.

Dave Evans

Inzwischen ist Johnson wieder mit von der Partie und im Oktober spielten AC/DC ihr erstes Konzert seit sieben Jahren. Mit 24 Titeln stellten sie den Fans im kalifornischen Indio ihr Durchhaltevermögen unter Beweis. Dafür, dass im kommenden Jahr weitere Konzerte folgen könnten, gibt es etliche Anzeichen - so hatte der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter versichert, dass die Australier für den 12. Juni 2024 das Olympiastadion gebucht haben.

Wenn das stimmt, dann wird eine Masse an Musikfans auf den Auftritt der Band, die man zu Recht als Naturgewalt bezeichnen kann, hinfiebern. Wenn das stimmt, dann werden Menschen mit ausgewaschenen Tour-T-Shirts vergangener Dekaden fachsimpeln, welcher Auftritt der legendärste war. Wenn das stimmt, dann werden ältere Generationen ihre Begeisterung für die Band an Töchter oder Neffen im Schlepptau weitergeben. Wenn das stimmt, dann wird sich im Dunkeln ein Lichtermeer aus rot-blinkenden Teufelshörnern ausbreiten.

„Mit dieser Schuluniform hat Angus die Bühne zerlegt“

Von der Urbesetzung steht heute nur noch Angus Young auf der Bühne - wie zuletzt im Oktober in Kalifornien. Die Haare sind weniger und heller geworden, die Bewegungen langsamer und steifer - nichtsdestotrotz ist das Gitarrenspiel kraftvoll und in seiner Schuluniform versprüht der 68-Jährige noch immer den spitzbübischen Charme, der sein Markenzeichen ist. „Mit dieser Schuluniform hat Angus die Bühne zerlegt“, erinnert sich Dave Evans, „so hatte ich ihn noch nicht erlebt“.

Angus und sein Bruder Malcolm stellten rund 40 Jahre einen zentralen Teil der Band dar, ob es ums Songwriting ging oder personelle Entscheidungen. 2014 hatte Malcolm aus gesundheitlichen Gründen die Band verlassen - bereits 2008 zeigten sich erste Anzeichen einer Demenz, die 2017 zu seinem Tod führen sollte. In seine Fußstapfen getreten ist sein Neffe Stevie Young.

Silvester 2023: Ob AC/DC besondere Pläne für den Abend haben, ist nicht bekannt. Aber: Ob Party in Augsburg oder Zinnowitz - eine Menge DJs werden AC/DC spielen. Da wird zu „Highway to Hell“ die Luftgitarre ausgepackt, zu „Hells Bells“ das Haar geschüttelt oder „You Shook Me All Night Long“ mitgesungen. Es gibt wohl wenige Menschen, die sich nicht von der Energie und der Simplizität von AC/DC anstecken lassen - ob Fan oder nicht.

Generationen von Musikern haben die Titel von AC/DC nachgespielt - im Kinderzimmer, im Probekeller, auf der Festbühne. Manch einer macht sich die Musik gar zum Lebensinhalt, wie beispielsweise die Tributebands We salute You und Barock. Die Musiker verschreiben sich mit Leib und Seele den Vorbildern - die Songs sollen so authentisch wie möglich rüberkommen. Kein Wunder, dass da auch „Hells Bells“ und Kanonen nicht auf der Bühne fehlen dürfen. Wie schrieb schon Oscar Wilde? „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.“