Judenverfolgung

Schreiben gegen die Angst vor dem Vergessen

Kultur / Lesedauer: 4 min

Zum Tod des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész
Veröffentlicht:31.03.2016, 19:37
Aktualisiert:23.10.2019, 17:00

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Ungarischer Schriftsteller Imre Kertész mit 86 Jahren gestorben.

Budapest - Der ungarische Autor Imre Kertész war eine literarisch-moralische Autorität: In bewegenden Büchern über die Judenverfolgung und das KZ-System hat er seine schrecklichen Erfahrungen verarbeitet. Als Jugendlicher überlebte er 1944/45 Auschwitz und Buchenwald. Am Donnerstag ist der Autor nach schwerer Krankheit mit 86 Jahren in Budapest gestorben.

„Ich möchte noch ein bisschen leben in diesem schönen Konzentrationslager.“ So schreibt der ungarische Schriftsteller Imre Kertész, dessen „Roman eines Schicksallosen“ als eines der bedeutendsten literarischen Zeugnisse über die Erfahrung mit totalitären Systemen im vorigen Jahrhundert gilt. Kertész erzählte hier die Leidensgeschichte eines 14-jährigen Budapester Juden, der nach Deutschland verschleppt wird und der Hölle der Lager nur mit knapper Not entrinnt.

Es sind eigene Erlebnisse, die der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002 hier verarbeitet. Man hatte ihn als Halbwüchsigen aus Budapest nach Auschwitz und Buchenwald verschleppt, wo er im April 1945 von den Amerikanern befreit wurde. „Mich hat der Holocaust zum Juden gemacht …,“ schrieb er. „Später habe ich mir eine Lebensaufgabe gestellt, die es erfordert, die Qualität meines Judentums für mich zu erklären.“ Er sei, sagt er in seiner literarischen Selbstermittlung, in dem Buch „Dossier K“, „ein Jude, der mit keiner der vor Auschwitz bekannten Lebensformen noch irgendetwas zu tun hatte“.

Von schockierender Direktheit

Die Bücher von Kertész setzen den Leser einem Schock aus, der das negative Mysterium der Lagererfahrung als ein „universales Gleichnis“ aus der Geschichte des 20.Jahrhunderts vermittelt. Die Ankunft im Lager, die Registrierung der Häftlinge, Desinfektion, die Schwerstarbeit unter der Knute der Wachmannschaft – im Lager ist die Grenze zwischen Gut und Böse eindeutig. Der Junge ist dem Ganzen nicht gewachsen. Man quält ihn. Irgendwann macht sein Körper nicht mehr mit. Selten ist der große Mord aus einer solchen Perspektive, dem Blickwinkel eines Kindes, so detailliert und sensibel dargestellt worden. Seinem Alter Ego legte Kertész Worte in den Mund, die das quälende Bemühen kennzeichnen, irgendeinen Sinn in dem Geschehen zu entdecken.

Kertész stand für eine spezifisch mitteleuropäische Literatur der Erinnerung, der es auch darum geht, die banale Mythisierung des Geschehens in den Vernichtungslagern abzuwehren. Aber die Erinnerung garantiert keine Erlösung. Kertész war besessen von der Angst des Opfers vor dem Vergessen, eine Obsession, die ihn immer verfolgte.

Erst Mitte der achtziger Jahre konnte sein Auschwitz-Roman in Ungarn erscheinen. 1990 folgte die deutsche Übersetzung, zunächst in Ostberlin unter dem Titel „Mensch ohne Schicksal“, sechs Jahre später als autorisierte Neuübersetzung dann im Westen. „Fiasko“ und „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ runden die Trilogie der „Schicksal-losigkeit“ ab. In all diesen Büchern geht es auch um die Spätfolgen der Shoa, um Verständnislosigkeit und Desinteresse, mit dem die Welt nach 1945 auf das Schicksal der KZler reagiert hat.

Ein geistiger Asylant

In seinen späteren Büchern – im „Galeerentagebuch“ oder in dem Roman „Liquidation“ – versuchte Kertész, nachdem er sich seinem eigenen Land entfremdet hatte, Klarheit über seine Identität zu gewinnen. „Ich bin ein Besucher, der das Los derer nicht teilt, zu denen er eigentlich gehört.“ Und an anderer Stelle hat er auch gesagt, der Schriftsteller des Holocaust sei überall und in allen Sprachen ein „geistiger Asylant“.

Kaum einer hat die traumatische Erfahrung des Holocaust so dicht gestaltet und tief reflektiert wie er. Als ihm 2002 der Nobelpreis zuerkannt wurde, war er Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin, jener Stadt, die für ihn nach dem Verlassen Ungarns zur zweiten Heimat wurde.

Seit 2003 war Kertész Mitglied der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz, deren Archiv er den Großteil seiner Manuskripte und Dokumente als Depositum übergeben hat. Inzwischen hat die Akademie weitere 35000 Blatt erworben, darunter auch die Tagebücher und Briefwechsel mit Verlegern und Freunden.

Kertész wurde in seiner Heimat böse mitgespielt. Man beschimpfte ihn in antisemitischen und nationalistischen Tönen. Darüber wurde ihm Ungarn fremd, die Muttersprache zur „fremdesten Fremdsprache“. Er wolle „sich endgültig von Ungarn losreißen, eine Frage der Seelenhygiene“, notierte er sich damals. Zwölf Jahre lang hatte der an Parkinson erkrankte Autor mit seiner Frau Magda in Berlin gelebt, bevor er nach Budapest zurückgekehrt ist.

In seinen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 2001 bis 2009 – „Letzte Einkehr“ – zog Kertész eine ebenso klarsichtige wie bittere Bilanz seines Lebens als Auschwitz-Überlebender und Schriftsteller. Dort, im Lager, so bekannte er in einem seiner letzten Interviews, „wurde ich zu dem, was ich bin. Was hätte ich durchleben können ohne Ausch-witz?“ Der deutschen Sprache und Kultur fühlte sich Kertész eng verbunden, auch wenn er sich, wie man seinem Tagebuch entnehmen kann, als gefeierter Auschwitz-Überlebender die ganzen Jahre wie ein „Holocaust-Clown“ gefühlt habe.