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Glaskugel

Premiere in Stuttgart: Der Fritz in uns allen

Kultur / Lesedauer: 3 min

Das Stuttgarter Staatsschauspiel widmet sich mit „Hirnbonbon“ dem Allroundkünstler und Wahlschwaben Diether Roth
Veröffentlicht:13.07.2014, 17:41

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Das Stuttgarter Staatsschauspiel wagt ein Experiment und widmet sich dem Allroundkünstler und Wahl-Stuttgarter Dieter Roth.

Murmeln sind jene schön gesprenkelten Glaskugeln, mit denen man schon als Kind die Grundbegriffe des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs erlernte. Es galt, geschickt zu sein und ein Loch treffen, der Geschickteste kassierte alle Glaskugeln. Murmeln ist aber auch eine Kommunikationsform des Ungefähren, die 1974 in Dieter Roths „Murmel Murmel“ ihren definitiven künstlerischen Ausdruck fand. Das Bühnenstück bietet mehr als hundert Seiten nur dieses eine Wort: Murmel. Werner Fritsch , der verrückteste aller Theaterregisseure, hat vor Kurzem eine Raumsymphonie mit artistisch tänzelnden Schauspielerkörpern daraus gemacht.

Das hat man im Kopf, wenn das Stuttgarter Staatsschauspiel sich jetzt auf einen künstlerisch-marktwirtschaftlichen Wettbewerb einlässt. Im Projektabend „Hirnbonbon“ geht es um den Allroundkünstler und gelegentlichen Stuttgarter Dieter Roth, der so rastlos reiste, wie er als Autor und Künstler vielseitig war. Er ließ sich auch gerne interviewen und vereinte all diese Gespräche später in einem Band seiner gesammelten Werke.

Wundersamen Satzkonstruktionen

Texte aus Roths Gesamtwerk gibt es an diesem Abend. Los geht es aber mit einem Interview. Eine Schauspielerin führt es mit einem Schauspieler. Sie sitzen in einem Glaskasten, daneben ein dampfender Heuhaufen und ein Zelt. Irgendwo rattert ein Nadeldrucker und sondert Text ab, ganz vorne können die Schauspieler eine Draisine auf Schienen in Richtung einer Hundehütte bewegen.

Die Bühne (Maria-Alice Bahra) in der Spielstätte Nord ist wie das Werk des Künstlers, um den es geht: disparat und auf keinen Fall sinnstiftend. In Roths Texten trifft man aber auf sprachmelodische Kleinkunstwerke und wundersam sich schlängelnde Satzkonstruktionen. Das ist auch so, wenn es in „Hirnbonbon“ um einen Friederich, Frieder oder Fritz geht, der zurück in sein Büro kommt und siehe da, es ist verwüstet. Eine Erzählung könnte beginnen, Roth verfängt sich aber dadaistisch gewollt in Minimalvariationen des Satzes „Er nahm an, der Augenschein sage ihm, eine Dynamit-Explosion habe stattgefunden“. Der Monolog des deregulierten Fritz ist ziemlich lang und syntaktisch anspruchsvoll. Anne Greta Weber meistert ihn, als kreise eine suizidgefährdete Borderlinerin in einer hermetischen Welt.

Die angehende Schauspielerin schwimmt derart hingegeben im Sprechfluss, dass man auch nach mehr als einer Viertelstunde gebannt hinhört. Sie kommt wie Franziska Benz, Philip Dechamps und Johannes May von der Ludwigsburger Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Leo van Kann, Manja Kuhl und Christian Schneeweiß sind dagegen Ensemblemitglieder des Staatsschauspiels und Teil eines Projekts, das sich Dieter Roth mehr dienend widmet, als dass es einen eigenen Standpunkt hätte.

Diese Hingabe der Regisseurin Christiane Pohle an die innere Unlogik eines Werks, das sich kaum fassen lässt, macht sich vor allem gegen Ende des Kunstprojekts ungemütlich bemerkbar. Eine Schauspielerin tritt nach vorne und macht darauf aufmerksam, eigentlich sei ja schon alles vorbei, irgendwie mache man aber weiter. Sekunden werden zu Stunden. Der Abend dokumentiert ein Problem, das schon Schiller kannte: Rechtzeitig „Tschüss“ sagen kann nicht jeder.