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Philosophische Abrechnung

„Politische Korrektheit“ als Debatten-Killer

Kultur / Lesedauer: 10 min

Nur noch 40 Prozent der Deutschen glauben, dass sie ihre Meinung frei äußern können. Der Autor Dr. Michael Andrick macht dafür auch die „politische Korrektheit“ verantwortlich.
Veröffentlicht:12.02.2024, 18:13

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In seinem neuen Buch „Im Moralgefängnis“ spürt der Philosoph Dr. Michael Andrick den Ursachen für das von ihm diagnostizierte aktuelle Diskurs-Elend in Deutschland nach. Belegt wird es auch durch eine aktuelle Allensbach-Umfrage, wonach noch nie so wenig Deutsche (40 Prozent) der Meinung waren, ihre politische Meinung frei äußern zu können.

Mit Blick auf die von ihm beobachtete aggressive Ausgrenzung unliebsamer Meinungen ist für Andrick klar, dass die derzeitige politische Kultur bereits den Keim des Fundamentalismus in sich trägt. Artikel Andricks erschienen bereits in der „Berliner Zeitung“, „Freitag“, „Welt“, „Weltwoche“ und „Cicero“, bei „Deutschlandfunk Kultur“ und der „Wirtschaftswoche“. Für uns rechnet er in einem exklusiven Essay mit der „politischen Korrektheit“ ab, die für ihn ein gefährliches Werkzeug eines selbsternannten „Rates der Gerechten“ ist, um die freie Meinungsbildung zu unterdrücken. Hier sein Text:


„Der Begriff „politische Korrektheit“ ist ominös und schillernd, aber auch undurchsichtig. Hier einige Fragen, die einem sprachlich erwachsenen Kind zu diesem Gebilde einfallen könnten: „Wer sagt schon Korrektheit – und macht künstlich aus einem Eigenschaftswort ein Hauptwort? Und was soll eine speziell politische Korrektheit überhaupt sein? Ist das ein anderer Ausdruck für korrekte Politik vielleicht? Aber das wäre ja Unsinn, schließlich behauptet jeder Politiker von seiner Politik, sie sei die richtige, die korrekte… Jeder würde von sich selbst sagen ‚Ich bin politisch korrekt‛, und es anderen absprechen…“

Das Kind wäre mit solchen Gedanken schon auf der richtigen Spur. Bringt man das Konzept „politische Korrektheit“ erstmal zum Sprechen, so gibt es viel zu erfahren: Es birgt in sich ein ganzes Politikverständnis und ein dazu passendes Gesellschaftsbild. „Politische Korrektheit“ ist die genau treffende Bezeichnung für das soziale Betriebssystem, nach dem man sich heute im „freien Westen“ allerorten richten soll – damit selbsternannte Gute und Gerechte ungestört ihre Politik machen können.

Was heißt hier „korrekt“?

„Korrekt“ bedeutet „richtig“, aber noch etwas mehr: Wer etwas „korrekt“ nennt, der sagt damit zugleich aus, dass er den Gegenstand der Betrachtung – z.B. einen Text oder eine Rechnung – an einem bestimmten Standard geprüft und dessen Einhaltung festgestellt hat: Ein Deutschlehrer prüft einen Aufsatz gegen die etablierte Rechtschreibung und korrigiert ihn; ein Tontechniker beim Radio schneidet das scharfe Einatmen des Interview-Gastes heraus und korrigiert so die Tonspur.

Korrektur ist also die mit Autorität versehene Richtigstellung irgendeiner Sache, bei der man sich eines Maßstabes bedient, der – tatsächlich oder vorgeblich – von allen Beteiligten akzeptiert wird. Später in unserem Gedankengang wird dieser Umstand sehr wichtig werden: Die Maßstäbe, nach denen „Korrektheit“ hergestellt wird, sind keine Gottesurteile oder Naturgesetze, sondern das Produkt menschlicher Gewohnheit und Konvention.

Im Fall des Deutschlehrers, der grammatikalische Richtigkeit herstellt, werden wir wohl alle diese Korrektur begrüßen und den darin angewandten Maßstab – die deutsche Grammatik und Rechtsschreibung – akzeptieren. Im Fall des Radio-Cutters könnte man schon diskutieren, ob es nicht „schöner“ oder „authentischer“ wäre, wenn man die spontanen Regungen des Interviewgastes nicht ganz so sehr „glattbügelte“. Vielleicht finden wir es gar nicht selbstverständlich, die Maßstäbe einer Hörbuchaufnahme auf Radiointerviews anzuwenden.

Hiermit sind wir der Beantwortung unserer Eingangsfrage „Was ist politische Korrektheit?“ schon näher gekommen. Nun beziehen wir noch den Begriff der Politik in die Betrachtung ein, um unsere Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Was heißt „Politik“ in einer Demokratie?

Politik, soviel weiß jeder, ist die Gestaltung und Regelung der öffentlichen Angelegenheiten – all der Fragen also, deren Beantwortung alle auf einem Territorium lebenden Menschen gemeinsam angehen. Die entscheidende Frage ist, wer in einer Staats- und Gesellschaftsordnung Politik machen darf.

In Diktaturen aller Art wird diese Gestaltungsarbeit von einem Obersten und seinen Getreuen erledigt und alle anderen müssen sich bei Strafe seinem Willen fügen. In oligarchischen Verhältnissen treffen einige Wenige ihre Absprachen. Dann steuern sie die beschilderten Aufbauten mit respektheischenden Namen wie „Verfassungsgericht“, „Parlament“ oder „Regierung“ über ihre Seilschaften in der Weise, wie sie es zur Umsetzung dieser Absprachen nötig finden.

Dabei achten Oligarchen darauf, einen gewissen Anschein von Respektabilität aller Vorgänge zu wahren, die medial berichtet werden könnten. Man schreibt z.B. den Gesetzentwurf selbst, jedoch stimmt das Parlament ordentlich darüber ab. Man bugsiert einen Gefolgsmann an die Spitze des obersten Gerichts und speist gelegentlich am Regierungssitz mit ihm, jedoch trägt er seine Robe mit Würde und liefert die gewünschten Entscheide auf Papier ohne Sponsorenabzeichen.

In totalitären Staaten wird alles einer Ideologie (oder besser: irgendeiner Interpretation der Ideologie) gemäß geregelt; dabei kann der Oberste, der meist ebenso wie ein traditioneller Diktator mit absoluten Befugnissen regiert, jederzeit entscheiden, dass die Ideologie nun etwas anderes verlange als bisher.

Auch Kombinationen dieser unfreien Gesellschafts- und Staatsformen sind denkbar und aus der Geschichte bekannt. Ihnen allen ist gemein, dass sie keine Republik im klassischen Sinne sind: eine gemeinsam durch alle Bürger zu gestaltende „öffentliche Sache“.

Politik wird in unfreien Gesellschafts- und Staatsformen eben gerade nicht von allen zusammen gestaltet. Vielmehr machen wenige Bevorrechtigte (Privilegierte) die Politik und alle anderen müssen einfach gehorchen, wollen sie nicht mit ihren Herren in Konflikt geraten und Sanktionen erleiden.

Politik für das Gemeinwohl kann es nur in einem Staat geben, dessen Bürger gleichberechtigt sind. Nur ein Staat von Freien, vor dem Gesetz Gleichen kann mit vollem Recht als Republik bezeichnet werden – nur dort gibt es wirkliche „öffentliche Angelegenheiten“ (res publicae), an denen alle teilnehmen können.

Die Ideen der Republik und der Demokratie sind verbunden und aufeinander angewiesen: Demokratie herrscht da, wo die Bürger – vielleicht vermittelt über Repräsentanten – miteinander ausmachen, was ihr gemeinsames Wohl verlangt, darüber entscheiden und dann entsprechend handeln.

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ (Grundgesetz Artikel 20, Absatz 2) bedeutet, dass es keine per se Privilegierten gibt. Allenfalls kann ein Bürger auf Zeit vom Volk durch ein Mandat mit klar bestimmten Vorrechten ausgestattet und entsprechenden Pflichten unterworfen werden. „Politik“ heißt in einer Demokratie gleichberechtigte Gestaltung der Republik durch ihre Bürger, die direkt oder durch gewählte Repräsentanten erfolgt.

In jeder anderen Herrschaftsform gibt es Privilegierte, die das Öffentliche nach ihren privaten Interessen regeln und alle anderen von der aktiven Politik ausschließen. In allen anderen Systemen wird letztlich nur das Privatwohl der Privilegierten bedient.

Ich habe hier so ausführlich über Republik und Demokratie gesprochen, um diese Einsicht zu gewinnen: Menschen, die sich im Vorhinein jeder politischen Auseinandersetzung selbst als privilegiert betrachten, sind keine Demokraten und keine Anhänger der Republik. Diese Einsicht werden wir am Ende unseres Gedankengangs wieder aufzugreifen haben.

Wenn „Korrektheit“ politisch wird

Nach diesen Vorarbeiten können wir jetzt präzise bestimmen, was „politische Korrektheit“ ist. Korrektur, so stellten wir zuvor fest, ist das Zurechtweisen von Äußerungen oder Handlungen nach einem bestimmten Maßstab. Will man also den Begriff „Korrektheit“ auf Politik anwenden, so muss man dazu zwingend voraussetzen, dass für Politik immer schon ein Maßstab ihrer Bewertung gilt, noch bevor wir die politische Diskussion beginnen.

Ohne einen solchen übergeordneten Richtigkeits-Maßstab der Politik könnte es keine Korrektur von politischen Äußerungen und Handlungen geben – und also auch keine „politische Korrektheit“ als Inbegriff dieser Praxis. „Politische Korrektheit“ ist folglich der Name für eine Gebots- und Verbotsliste, die in einer Gesellschafts- und Staatsordnung einhalten muss, wer unbehelligt an der politischen Diskussion teilnehmen will.

Wer gegen die „politische Korrektheit“ verstößt, der wird gar nicht erst zur Politik zugelassen. Ist jemand zum Zeitpunkt seines „Foulspiels“ bereits an der politischen Diskussion beteiligt, so wird erst eine Verwarnung und bei fortgesetztem Eigenwillen der Platzverweis ausgesprochen: Der Delinquent wird abgesagt („gecancelt“).

Der Rat der Gerechten braucht Untertanen

In einer Gesellschaft, in der „politische Korrektheit“ als Konzept akzeptiert ist und in der Verstöße gegen dieselbe deshalb sozial und vielleicht sogar rechtlich sanktioniert werden, muss folglich eine Gruppe Privilegierter existieren: Diejenigen nämlich, die eine Gebots- und Verbotsliste definieren und sie auf allen Kommunikationswegen der Gesellschaft bekannt und – was für ihre Regelungsmacht noch wichtiger ist – allgemein geahnt und gefühlt machen.

Es spielt keine Rolle, ob man sich diese Gruppe – nennen wir sie den Rat der Gerechten – als offizielles Gremium mit ebenso offiziellen Amtserlassen vorstellt, wie wir es aus Diktaturen, schlecht verhohlenen Oligarchien oder totalitären Staaten kennen, oder ob man sich den Rat der Gerechten gleichsam weicher als Angehörige eines bestimmten Partei- oder Berufsmilieus denkt, die nicht offiziell, aber faktisch diese Definitionsmacht ausüben.

Wesentlich ist nur dieser Punkt: In einer Gesellschaft, die „politische Korrektheit“ praktiziert, gibt es Privilegierte, die Gut und Böse, Recht und Unrecht und auch was als normal zu akzeptieren und was als empörend zu geißeln ist gleichsam vorsortieren – und die dann Leitlinien ausgeben, in deren Rahmen sich alle anderen dann öffentlich äußern dürfen.

Was immer sie von sich selbst denken mögen – die Angehörigen des Rates der Gerechten sind keine Anhänger der Republik. Denn in Republiken gibt es niemand Privilegierten, der im Vorhinein der politischen Auseinandersetzung das Recht innehätte, diese entscheidend vorzuprägen oder einzuschränken. Angehörige des Rates der Gerechten üben aber ein solches Privileg aus und verraten damit die Republik.

Und sie sind auch keine Demokraten, da Demokratie gleichberechtigte Gestaltung der Politik bedeutet und verlangt. Am ehesten werden sie, wo es zu diktatorischen oder totalitären Ambitionen an Intellekt, Niedertracht oder Charisma mangelt, im Geiste Oligarchen sein mit ungefähr dieser Devise: „Wir sind die Guten, und die anderen dürfen das tätig anerkennen, oder sie werden von uns gemaßregelt.“

Und was immer die Einwohner einer von „politischer Korrektheit“ regulierten Gesellschaft von sich selbst denken mögen – sie sind dann keine Anhänger der Republik, wenn sie sich den Ge- und Verboten des Rats der Gerechten beugen: durch ängstliche Diskussions-Abstinenz zum Beispiel, oder durch wohlfeiles Applaudieren und Flunkern an den geforderten Stellen. Denn damit gestehen sie tatsächlich anderen das Recht zu, über ihre Würdigkeit oder Unwürdigkeit zur Teilnahme an der Politik zu befinden.

Wer sich „politischer Korrektheit“ unterwirft ist schließlich auch kein Demokrat, weil er damit die gleichberechtige Gestaltung der Politik freiwillig aufgibt, mag auch Angst und Einschüchterung dabei mitspielen. Wer hat behauptet, dass freies Bürgertum ohne Mut möglich wäre? Mit „politischer Korrektheit“ konform gehen heißt, sich als Untertan bekennen und die Würde des Bürgers ablegen.

Das Gegenteil von Republik und Demokratie

Was ist also „politische Korrektheit“ am Ende, insgesamt betrachtet? Es handelt sich um eine gefährlich harmlos klingende Bezeichnung für die zunächst kulturelle Abschaffung von Republik und Demokratie, der irgendwann auch ihre institutionelle, ganz offizielle Abschaffung folgen muss.

Begreifen sich einflussreiche Kreise einer Gesellschaft einmal faktisch als Volkserzieher, und verhält sich die Mehrheit der Bürger aus Angst, als wären sie die Untertanen dieser selbsternannten Pädagogen, so haben Republik und Demokratie ihrer Verteidiger verloren.

Über diese Bedrohung der offenen Gesellschaft, die zu allen Zeiten besteht, haben freiheitliche Intellektuelle aufzuklären. Den Rat der Gerechten haben sie in das Zwielicht zu rücken, in das er gehört, und seine Anmaßungen haben sie offenzulegen – nicht zuletzt, damit der mündige Bürger sie erleichtert auslachen kann, um dann beherzt seine eigene Politik zu machen.“