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Nichts wie weg aus Baden und Württemberg

Stuttgart / Lesedauer: 4 min

Viele Deutsche träumten davon, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. Tatsächlich machten einige Auswanderer aus dem Südwesten in Amerika das große Geld.
Veröffentlicht:29.11.2023, 05:00

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Man hätte erwartet, dass er Wein anbaut. Schließlich kam August Schell aus einem badischen Weinort. Geht man heute in Amerika ins Geschäft, steht allerdings kein Schell-Wein im Regal - sondern Schell’s Lagers und Craft Beers, gebraut in New Ulm. August Schell, der 1849 Durlach verließ, gehörte zu den wenigen, deren „American Dream“ sich erfüllte. Der Maschinenschlosser aus Baden baute die größte Brauerei im Mittleren Westen auf. Sein stattliches Herrenhaus von 1885 ist bis heute im Besitz der Familie.

Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart widmet sich in seiner neuen Ausstellung den „American Dreams“, die im Lauf der vergangenen drei Jahrhunderte sehr viele Menschen vom Südwesten auswandern ließ - in der Hoffnung, in Nordamerika ein besseres Leben zu finden. „Entweder will i so arm sei, dass i koi Kapp me auf em Kopf trag, oder i werd reich“, meinte denn auch Andreas Huonker, der mit 17 Jahren Leidringen verließ. Er musste lange auf sein Glück warten, eines Tages aber machte der Goldgräber Beute. Die Nuggets, auf die er stieß, investierte Huonker in Immobilien in San Francisco.

Große Auswanderungswelle im Jahr 1817

Es sind tolle Geschichten, die in der Stuttgarter Ausstellung nachgezeichnet werden - und die wie nebenbei deutlich machen, dass Deutschland nicht immer das gelobte Land war, sondern in den vergangenen drei Jahrhunderten allein aus Süddeutschland zwei Millionen Menschen wegwollten. Einige gingen aus politischen, andere aus religiösen Gründen oder weil sie genug davon hatten, dass „in jedem Winkel ein Polizeispion“ lauert. Der größte Anteil der Auswanderer aber waren Wirtschaftsflüchtlinge, die auf ein besseres Auskommen hofften.

So kam es auch um 1817 zu einer richtigen Auswanderungswelle, die die württembergische Regierung zunehmend beunruhigte. Die Not war nach dem Jahr ohne Sommer groß, aber durchaus auch politisch verschuldet, weil Steuern und Preise hoch waren, es kein Saatgut gab und verboten wurde, Holz zu sammeln. Deshalb packten immer mehr Württemberger ihre Kisten und stiegen in Heilbronn aufs Schiff. In Rotterdam bekam, wer Glück und Geld hatte, eine Schiffspassage.

Selbst Ordensleute zog es in die USA

In der sehenswerten Ausstellung werden 34 ganz unterschiedliche Persönlichkeiten vorgestellt. Elisabeth Fink-Henle war die einzige Frau, die 1854 in einer Gruppe „mutiger Bürger aus dem Schwabenländle“ nach Amerika ging, wo man sich zwar aus der Not heraus, aber auch sehr dreist die Hütten der Dakota unter den Nagel riss. Wie an so vielen Orten kam es auch hier zu blutigen Gefechten. Zahllose Indigene wurden ermordet oder starben an den Krankheiten, die die Europäer einschleppten. Dass man so friedlich mit den Einheimischen zusammenlebten wie es der als Kind ausgewanderte Maler Emanuel G. Leutze romantisierend darstellte, stimmt definitiv nicht. Im Jahr 1500 lebten noch sieben Millionen Indigene in Nordamerika, um 1900 waren es nicht mal mehr 250.000.

Das Thema Auswanderung hat viele Facetten, wie die Ausstellung zeigt. Als Ordensleute im Badischen 1872 nicht mehr lehren durften, machte sich auch Schwester Alexia mit weiteren Franziskanerinnen auf den Weg - und gründete in Wisconsin Schulen, Klöster, Krankenhäuser. Mittellose Bauern und neugierige Forscher gingen nach Amerika, Kommunisten, selbsternannte Propheten oder auch Kriminelle, die man loshaben wollte.

Manche waren beruflich erfolgreich, manche nicht

Rund 20 Prozent kehrte bald wieder in die Heimat zurück und von denen, die blieben, machten die wenigsten die erhofften Millionen. Trotzdem schickte mancher regelmäßig Geld ins arme Deutschland. Anna Nill, eine Kommunistin aus Mössingen sammelte in Amerika Spenden für „hilflose Alte“ daheim.

Schon Elisabeth Fink-Henle musste Ende des 19.Jahrhunderts feststellen, dass sie als Deutsche nicht beliebt war und auch politisch zunehmend Stimmung gegen die Fremden gemacht wurde. Im 20. Jahrhundert wurde die Einwanderung schließlich reglementiert und 1924 eine nationale Einwanderungsquote eingeführt. Für die jüdischen Exilanten blieb die Grenze somit meist zu. Von den 300.000 Deutschen, die 1939 einen Antrag stellten, wurden nur etwa 27.000 genehmigt. Bessere Chancen hatten vor allem Fachkräfte - beziehungsweise Künstler, Schriftsteller und Prominente. Die aber ließ man gern ins Land.


Dauer: bis 28. Juli 2024, Öffnungszeiten: Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Katalog zur Ausstellung: 17,80 Euro.