Kultur

Neuer Kinofilm „The Son“ erzählt von einem getrübten Verhältnis

WARNING: no location / Lesedauer: 4 min

In Florian Zellers Film steht Hugh Jackman als Vater der Depression des Sohnes ratlos gegenüber. Ein interessantes Thema, wenn da nicht Zen McGrath in der Rolle des Sohnes wäre.
Veröffentlicht:26.01.2023, 05:00
Aktualisiert:24.01.2023, 01:00

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as Regiedebüt von Florian Zeller, „The Father“, war ein Kinoerlebnis, das man nicht so schnell vergisst: Anthony Hopkins verkörperte nicht nur die an fortschreitender Demenz erkrankte Titelfigur, der Film nahm auch konsequent seine Perspektive ein, Verwirrung und Desorientierung inklusive. Darüber hinaus vermittelte „The Father“ aber auch mehr als nur am Rande, welche Belastung dieser zunehmende Verfall für die Familie bedeutet. Hochverdient erhielt Hopkins den Oscar für die beste Hauptrolle, dazu gab es eine weitere Auszeichnung für das beste adaptierte Drehbuch – denn Zeller setzte hier mit Christopher Hampton sein eigenes, ebenfalls preisgekröntes, Bühnenstück für die Leinwand um.

Entsprechend groß waren also die Erwartungen an „The Son“, verfilmt Zeller hier doch ein weiteres seiner Theaterstücke. Doch wie der Vater, so leider nicht der Sohne: Trotz erneut hochkarätiger Besetzung wird der Film seinem erneut anspruchsvollen Thema nicht gerecht und dient noch am ehesten als Diskussionsgrundlage. Die ist beim Umgang mit Depressionen wichtig und nötig, allerdings betrachtet man den Film über weite Strecken eher distanziert, vom erschütternden Sog des Vorgängers ist wenig zu spüren.

Getrübtes Verhältnis zwischen Vater und Sohn

Dies ist vor allem ausgerechnet auf die Titelfigur und deren Besetzung zurückzuführen. Der junge Australier Zen McGrath spielt hier den 17-jährigen Nicholas, der am Leben leidet. Als seine alleinerziehende Mutter Kate (Laura Dern) erfährt, dass er seit einem Monat nicht mehr zur Schule gegangen ist, ist sie endgültig verzweifelt. So gibt sie dem Wunsch ihres Sohnes nach, beim Vater Peter (Hugh Jackman) zu leben. Der hat mittlerweile eine neue Partnerin, Beth (Vanessa Kirby), und einen neugeborenen Sohn. Darüber hinaus strebt der New Yorker Anwalt eine politische Karriere in Washington an. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um sich angemessen um Nicholas zu kümmern. Dennoch sagt Peter zu – teils aus Pflichtgefühl, teils aus schlechtem Gewissen.

Seine Partnerin steht der Entwicklung wesentlich reservierter gegenüber, wohl ahnend, dass ein guter Teil der alltäglichen Arbeit und Auseinandersetzung mit Nicholas an ihr hängen bleiben wird. Tatsächlich brechen mit der Zeit weitere Konflikte auf. Der Teenager scheint ihr die Schuld am Scheitern der Ehe seiner Eltern zu geben, Anzeichen der Besserung scheinen nur von kurzer Dauer – und dann findet Beth auch noch ein verstecktes Messer, mit dem sich Nicholas weiterhin Verletzungen zufügt …

Hauptfigur bleibt unnahbar

Von der Perspektive und dem Erleben der Hauptfigur ist bei „The Son“ wenig zu spüren: Nicholas bleibt den Zuschauern wie seiner Familie fremd und irritierend. Nun könnte man Zeller zugutehalten, dass er genau diesen Effekt beabsichtigt, schließlich gibt es für Depressionen oft keine rationale Erklärung, wird der Erkrankte teils als Belastung gesehen, der doch gefälligst mal glücklich zu sein habe. So reagiert trotz aller guten Absichten auch Peter, der letztlich kein Verständnis für dessen Situation aufbringen kann. Doch gerade weil das Gefühlsleben von Nicholas so undurchdringlich ist, hätte es hier einer besseren schauspielerischen Leistung bedurft, die McGrath leider nicht er-bringt. Seine Figur wirkt oft nur wie ein trotziger Teenager.

Das namhafte Ensemble um ihn herum macht dagegen das beste aus den ihnen gegebenen Rollen und Dialogen und manchmal gelingen dabei dann doch eindringliche Szenen. Etwa als Peter von seinem Kennenlernen mit Beth erzählt, führt er zur Illustration seine bemerkenswert schlechten Tanzkünste auf – beim eleganten Hugh Jackman wirkt dies natürlich besonders amüsant. Schnell gesellen sich Beth und sogar Nicholas zu ihm. Doch nach kurzer Zeit tanzt nur noch das Paar weiter, Nicholas verfällt wieder in Schwermut und steht am Rande.

Das nächste Thema steht schon fest

Und auch wenn es sehr konstruiert wirkt, hinterlässt das kurze Zusammentreffen von Peter mit seinem eigenen Vater (Anthony Hopkins in einer kurzen Gastrolle) einen intensiven Eindruck. Denn im Kern scheint es auch in diesem Film vor allem um die Väterbilder und -rollen zu gehen, „The Father 2“ wäre daher vielleicht der passendere Name gewesen. Immerhin zeigen diese Momente, dass man bei Zeller auch weiterhin auf sein nächstes Werk warten sollte. Tatsächlich hat er bereits ein Theaterstück namens „The Mother“ geschrieben, das ebenfalls Familiendrama mit sich wandelnden Wahrnehmungen der Realität verbindet. Man darf gespannt sein.


The Son, Regie: Florian Zeller, Großbritannien/Frankreich 2022, 122 Minuten. Mit Hugh Jackman, Vanessa Kirby und Laura Dern.