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Neu im Kino: Wenn Seniorinnen für Chaos sorgen

WARNING: no location / Lesedauer: 3 min

Die Kinder lassen Familienvater Vincent an Weihnachten im Stich - da holt er sich kurzerhand Ersatz: im Altersheim. „Fast perfekte Weihnachten“ ist eine sehenwerte französische Komödie.
Veröffentlicht:06.12.2023, 12:00

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eihnachtszeit ist die Zeit für romantische und/ oder Familienkomödien. Wenn es etwas besinnlicher werden soll, steigt die Nachfrage nach nicht allzu fordernder Unterhaltung. Die Streaming-Dienste haben längst schon darauf reagiert und erweitern alle Jahre wieder ihr Angebot an meist sehr seichten Weihnachtsfilmen.

Was sollte einen bei dieser vorhandenen Auswahl also motivieren, eigens für einen Weihnachtsfilm das warme Wohnzimmer zu verlassen und ins Kino zu gehen? „Fast perfekte Weihnachten“ hat dafür einige Gründe im Angebot: Einen etwas bissigeren Blick auf die Weihnachtszeit, neben aller Komik auch ernstere Themen wie das Älterwerden und einige sehr gute sowie eine herausragende Darstellerin.

Von wegen betulich

Am Anfang stehen die Zeichen auf behaglicher Weihnachtsidylle: Vater Vincent (Franck Dubosc, „Die Rumba-Therapie“ ) schwelgt in Festtagsstimmung und kann das große Familienfest nicht erwarten. Allein: Sehr viel Familie gibt es dieses Jahr nicht. Sohn Nummer eins hat kurzfristig seinen Notdienst auf Weihnachten gelegt, um an Silvester frei zu haben. Die Tochter wurde von ihrem Ehemann mit einem Urlaub auf Mauritius überrascht. Und zu Sohn Nummer zwei scheint derzeit keine Kommunikation zu bestehen … Seine Frau, Kunstlehrerin Beatrice (Emmanuelle Devos, „Schmetterlinge im Ohr“) kann der Situation durchaus etwas abgewinnen: Ein romantisches Fest zu zweit kann ja auch mal ganz schön sein. Aber das kommt für Vincent nicht in Frage, er betreibt hektischen Aktionismus und lässt sich schließlich von der Predigt im Gottesdienst inspirieren: Einen alten Menschen zu Heiligabend einladen, das wäre doch ein gutes Werk und ganz im Sinne der Weihnachtsbotschaft. Nur: wo kriegt man auf die Schnelle solch einen betagten Gast her?

Bei seiner Tour durch die Altersheime stößt er schließlich auf Monique (Danièle Lebrun). Die lässt sich gerne einladen und entspricht auch ganz dem Bild einer betulichen älteren Dame. Allerdings bittet sie im Laufe des Abends darum, doch ihre beste Freundin Jeanne (Danielle Fichaud „Aline - The Voice of Love“) dazuzuholen - und die ist brüsk, direkt und sarkastisch. In der Folge gerät der Weihnachtsabend immer mehr aus den Fugen und alle Beteiligten sehen sich mit einigen unbequemen Wahrheiten konfrontiert …

Figuren sind gut gezeichnet

„Fast perfekte Weihnachten“ braucht ein bisschen, bis es in die Gänge kommt, nutzt den ausgedehnten Auftakt aber für eine gute Figurenzeichnung. Vincent huscht durch sein Haus und sein Leben wie jemand, der alles korrekt machen will und Konfrontationen, etwa mit dem nervigen Nachbarn, scheut. Dabei scheint er sich hinter seinen Brillengläsern geradezu zu verstecken und kultiviert die Liebe zu den feinen Dingen des Lebens. Seine Frau kommt dagegen wesentlich direkter und unverstellter daher und ist auch die erste, die zu den beiden älteren Damen auf Konfrontationskurs geht. Die bilden ein beachtliches Duo, wobei der Film insbesondere mit dem Auftauchen von Danielle Fichaud Jeanne als schonungslos offene Jeanne eine neue Dynamik bekommt.

Mit schroffen Kommentaren geht es los und mit zunehmendem Alkoholkonsum schlagen die beiden Altersheimbewohnerinnen immer mehr über die Stränge. Das artet dann teils in einem für französische Komödien sehr typischen Slapstick aus, aber auch hinter einigen der überzogeneren Momente steht eine tiefere Wahrheit, wie sich im weiteren Verlauf der Handlung herausstellt.

Versöhnliches Ende

Schließlich thematisiert der Film nicht nur verschiedene Dimension von Familie und Freundschaft sondern auch dem Umgang mit älteren Menschen - und damit verbunden die Frage, was dies über den eigenen Blick auf das Alter verrät. Regisseur und Drehbuchautor Clément Michel („La Dream Team“) setzt auf gekonnte Musikuntermalung für die zunehmende Störung - und teils auch physische Zerstörung - der Eigenheimidylle. Doch auf diesen Trümmern baut er dann wiederum ein versöhnliches Ende auf, das aufgrund der vorherigen Auseinandersetzungen verdienter wirkt als in vielen vergleichbaren Filmen. Vielleicht macht das die Produktion noch nicht zu einem fast perfekten Weihnachtsfilm - aber auf alle Fälle zu einem guten Grund, sich mal wieder ins Kino aufzuraffen.


Fast perfekte Weihnachten . Regie: Clément Michel,