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Marotte

Rubens in Stuttgart: Networking auf barocke Art

Stuttgart / Lesedauer: 4 min

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt in einer Ausstellung, wie gezielt der junge Rubens an seiner Karriere feilte
Veröffentlicht:31.10.2021, 20:00

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Im Nachhinein staunt man, was die Menschen in früheren Zeiten für Moden und Marotten hatten. Wer im 17. Jahrhundert etwas auf sich hielt, hing sich gern Bilder an die Wand – allerdings keineswegs nur schöne Stillleben oder biblische Szenen, sondern Bildnisse römischer Herrscher. Deshalb musste Rubens als junger Mann eine ganze Reihe solcher Imperatoren malen: den übergewichtigen Vitellius mit Doppelkinn, den freundlich dreinblickenden Marcus Aurelius mit rotem Bart, Caligula und natürlich auch Caesar, dessen starkes Kinn keinen allzu freundlichen Charakter vermuten lässt.

Das alte Rom war beliebt in besseren Kreisen, in die Rubens unbedingt vordringen wollte, um Karriere zu machen. Er war ein ehrgeiziger junger Mann, wie eine Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart nun zeigt. „Becoming Famous. Peter Paul Rubens“ widmet sich den Anfängen des flämischen Malers, der so erfolgreich an seiner Karriere arbeitete, dass er bis heute einer der bekanntesten Künstler ist. Von Rubens hat hierzulande jeder schon gehört.

Die Staatsgalerie zeigt allerdings nicht seine Historienbilder und die lebendigen Schilderungen seiner Barockmalerei, die ihn ebenso bekannt gemacht haben wie die üppigen Frauendarstellungen, die als Rubensfigur in den Sprachgebrauch eingegangen sind. Die Ausstellung ist vielmehr das Ergebnis eines Forschungsprojektes, bei der die Staatsgalerie die eigenen Bestände aus dem Depot ins Visier genommen hat. Dort stieß man unter anderem auf die Bildnisse der römischen Herrscher. Der Adel hängte sich nicht nur diese großen Männer an die Wände, man plauderte auch gern auf Lateinisch miteinander. Für Rubens, der die Lateinschule absolviert hatte, ein Pluspunkt, um in der besseren Gesellschaft Fuß zu fassen. Die Ausstellung zeigt, dass er im Grund all jene Strategien nutzte, die noch heute hilfreich für die Karriere sind. Zum Talent kamen Ehrgeiz, ein sorgfältig geknüpftes Netzwerk sowie Teamwork. Außerdem setzte er auf einen „hohen Wiedererkennungswert“, sagt die Kuratorin Sandra-Kristin Diefenthaler, „es gibt zahlreiche Wiederholungen“. So kann man in der Schau gleich zweimal den heiligen Sebastian entdecken, der von Pfeilen durchbohrt wurde – Format und Malweise unterscheiden sich, die Komposition nicht.

Als junger Mann ergeht es Rubens wie allen Anfängern. Er muss Porträts und Kopien erstellen. Auch wenn er davon wohl wenig begeistert war, schulte es seine Hand und es entstanden viele Skizzen, die er für seine späteren Bildern wieder aufgreifen konnte. Zum Beispiel hat er eine frühe Studie eines Kopfes für sein Gemälde „Reuige Magdalena und ihre Schwester Martha“ (um 1620) wieder verwendet.

Damit die Ausstellung, die solcherlei Zusammenhänge zeigen will, nicht gar zu wissenschaftlich gerät, wurden heutige Fotografien ergänzt, bei denen historische Porträts nachgestellt wurden. So hat Hendrik Kerstens den porträtierten Frauen mit ironischem Augenzwinkern die Haube durch eine Plastiktüte ersetzt. Hier hat eine Frau eine Serviette auf dem Kopf, dort eine Teigspritze. Suzanne Jongmans will mit ihren Fotografien dagegen die Geschichte umschreiben und hat dazu dunkelhäutige Menschen in die alten Kleider gesteckt – um ihnen sozusagen einen Platz in der europäischen Kunstgeschichte zu verschaffen.

Rubens präzise Malerei kann sich durchaus mit der Kamera messen, die so viel leichter die feinen Spitzenkrägen wiederzugeben vermag. Auch wenn Porträts von Rubens im Vergleich zu seiner erzählerischen Historienmalerei eher statisch wirken, so wusste er sie doch köstlich auszuformulieren. Schon auf dem „Bildnis eines Mannes mit Schwert“, das er mit Anfang 20 malte, lässt er auf den Schnallen des Gürtels das Licht köstlich schimmern und hat sich gewissenhaft in den zahllosen Schichten der Halskrause verloren.

Auch wenn Geronima Spinola die Hand auf den Arm ihrer Enkelin legt, lässt das Doppelportät von 1605/06 ahnen, dass die Dame keine allzu liebende und herzliche Omi gewesen sein wird. Das Bild ist eines der vielen Porträts, die Rubens während seines Italienaufenthalts anfertigte. Auch das unterscheidet sich kaum von heute: Die Reise ins Ausland verschaffte seiner Karriere einen ordentlichen Schub. Als er schließlich in die Niederlande zurückkehrte, war er bereits ein gefeierter Künstler, der sich ein stattliches Domizil und eine große Werkstatt leisten konnte, um seinen Ruhm so auszubauen, dass er bis heute unvergessen ist.

Info: Becoming Famous. Peter Paul Rubens. Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart bis 20. Februar 2022.