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Modigliani in Stuttgart: Neuer Blick auf sein Werk

Stuttgart / Lesedauer: 5 min

Er war schön, gebildet und begabt. Amedeo Modigliani hat in Paris Anfang des 20. Jahrhunderts viele emanzipierte Frauen gemalt. Wie, das zeigt eine Schau in der Staatsgalerie Stuttgart.
Veröffentlicht:30.11.2023, 17:34

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Als Amedeo Modigliani seine erste und einzige Einzelausstellung 1917 in Paris hatte, gab es gleich mal einen Skandal wegen „unanständiger Entblößung“. Seine Galeristin Berthe Weill hatte die Bilder zu Werbezwecken ins Schaufenster gehängt, wobei nicht die nackte Haut, sondern die Schambehaarung für Ärger sorgte. Ein Teil der Akte musste abgehängt werden, danach konnte die Ausstellung unbehelligt weiterlaufen.

Bis heute ist der gebürtige Italiener (Foto: Imago) vor allem für seine Aktbilder bekannt. Sie machen zwar nur einen kleinen Teil seines Werks aus, erzielen aber auf Auktionen oft Rekordpreise. Als 2018 einer der Akte in New York versteigert wurde, brachte das Gemälde stattliche 157 Millionen Dollar ein. Zu Lebzeiten war Modigliani dagegen kaum Erfolg gegönnt. Die neue Ausstellung „Modigliani. Moderne Blicke“ in der Staatsgalerie Stuttgart zeigt nun erstmals seit langer Zeit wieder sein Gesamtwerk - und zwar unter einem bestimmten Aspekt. So hat die Kuratorin Nathalie Lachmann versucht, das Bild der Frau in seinem Œuvre neu zu bewerten.

Modigliani blieb beharrlich beim Figurativen

Amedeo Modigliani (1884-1920) war einer der wenigen Künstler, die unbehelligt von der Abstraktion die Figuration weiter vorantrieb. Die Schau mit Leihgaben aus aller Welt - in Zusammenarbeit mit dem Museum Barberini in Potsdam realisiert - rückt deshalb erstmals auch die Porträts von Frauen in den Fokus, die Modigliani in Paris kennenlernte: Schriftstellerinnen, Modeschöpferinnen, Malerinnen, also selbstbewusste emanzipierte Frauen. Viele von ihnen porträtierte er - auch mit Anzug und Krawatte wie Madame Kisling. Er malte Frauen mit burschikosem Auftreten und der damals modernen Bubikopf-Frisur weit vor den 1920er-Jahren, in denen die moderne Frau üblicherweise erst verortet wird.

Modigliani war ein schöner, gebildeter und begabter Mann, der das weibliche Geschlecht geradezu anzog. Er hatte zahlreiche Liebschaften, die alle mehr oder weniger tragisch endeten. Der Maler lebte unter kargen, fast schon jämmerlichen Bedingungen ab 1906 am Montmartre in Paris, wo sich auch viele andere Künstler niedergelassen hatten. Mit Alkohol trank sich Modigliani, der aus Livorno stammte, das Leben schön und war auch dem Cannabiskonsum nicht abgeneigt, um seine Kreativität zu steigern. Dieser Lebenswandel war seiner angeschlagenen Gesundheit gar nicht zuträglich. Schon als Kind war er ständig krank, überlebte knapp eine Typhus-Infektion und bekam mit 16 Jahren auch noch Tuberkulose, von der er sich nie ganz erholen konnte.

Gelängte Figuren, irislose Augen

Was typisch für seine Darstellung von Menschen werden sollte, sind die überlangen Körper. Ein besonders schönes Beispiel in Stuttgart ist das Bildnis seiner Geliebten Jeanne Hébuterne im gelben Pullover, eine Leihgabe aus dem Ohara Kunstmuseum in Japan. Ein weiteres Markenzeichen sind ab 1915 die irislosen Augen, zu denen ihn wohl die Bildhauerei und afrikanische Masken inspiriert haben.

In seinen Akten dagegen verzichtet der Maler auf individuelle Züge, sodass die dargestellten Frauen mit ihren mandelförmigen Augen absolut zeitlos wirken. Er zoomt die Körper heran und schneidet sie stark an, ihre Nacktheit wirkt dadurch unmittelbar. In der Ausstellung lässt sich das besonders gut an dem berühmten Frauenakt mit weißem Kissen aus der Sammlung der Staatsgalerie nachvollziehen sowie an einem auf der Seite liegenden Akt aus der Nahmad Collection in Genf.

Zwei Mäzene unterstützen den Künstler

Ähnlich geht Modigliani auch bei den locker hingeworfenen Skizzen und Zeichnungen zum Thema Karyatiden vor, also weibliche Statuen, die eine Säule in der Architektur ersetzen. Diese Arbeiten füllen in Stuttgart einen ganzen Raum. Hinzu kommen Studien zu Frauenfiguren in Bewegung, darunter ein ganz bezauberndes Blatt einer Tanzenden in Blau aus der ehemaligen Sammlung Paul Alexandre.

Dieser Mann, von Beruf Mediziner, war der wichtigste Mäzen seiner Jahre in Paris. Ein weiterer Förderer war der polnische Kunsthändler Léopold Zborowski, den der Künstler 1916 kennenlernte. Er tilgte Modiglianis Schulden, gewährte im Vorschüsse, kaufte ihm Arbeitsmaterial. Denn seine finanzielle Lage schien im Krieg noch schlechter als zuvor zu sein.

Interessanter Briefwechsel mit Ludwig Meidner

Apropos finanzielle Lage. Bei den Recherchen ist Nathalie Lachmann auf einen interessanten, bislang unbekannten Briefwechsel Modiglianis mit dem Maler Ludwig Meidner gestoßen. Über ihn wollte der Italiener den deutschen Markt erobern. In einem Schreiben vom September 1907 an Meidner bezeichnet er seine wirtschaftliche Situation als „zunehmend phantastisch“ und regt seinen Künstlerkollegen dazu an, die bislang unsignierten Studien doch im Nachhinein mit seinem Namen eigenhändig zu signieren, „wenn der Verkauf dadurch einfacher werden“ sollte. Meidners Antworten gibt es nicht mehr, sie wurden im Krieg zerstört.

Zurück zum Konzept der Schau in der Staatsgalerie. Um das Bild der Frau in Modiglianis Gesamtwerk neu zu bewerten, wurden den jeweiligen Modellen ihre Namen, ihr Beruf zugeordnet. Doch das ist nur teilweise gelungen, wie etwa bei der morphiumsüchtigen Künstlerin Maud Abrantès, die einen mit schweren Lidern und tiefen Augenschatten anschaut. Viele der dargestellten Frauen bleiben namenlos - das gilt sowohl für seine Porträts als auch für seine Akte. So richtig nachvollziehen kann man diesen Ansatz also nicht. Auch der Erkenntnisgewinn durch die Gegenüberstellung der rund 50 Exponate Modiglianis mit einzelnen Arbeiten deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler der Klassischen Moderne hält sich in Grenzen. Eben, dass das „Zurück zur Figur“ auch bereits in anderen europäischen Städten ein Trend war. Da hätte man doch lieber noch den einen oder anderen Modigliani im Original gesehen.

Dramatisches Ende

Der Mythos Modigliani ist bis heute in vielen Köpfen. Dazu beigetragen haben nicht nur sein exzentrischer Lebenswandel und seine leidenschaftlichen Liebesaffären, sondern auch sein tragisches Ende. Im Winter 1919 erlitt Modigliani einen schweren Tuberkuloseschub, gegen den sich sein ausgezehrter Körper nicht mehr wehren konnte - er starb mit nur 35 Jahren. Doch damit nicht genug. Einen Tag später stürzte sich seine Gefährtin Jeanne Hébuterne hochschwanger aus dem Fenster der elterlichen Wohnung.


Öffnungszeiten: Di.-So. 10-17 Uhr, Do. 10-20 Uhr. Der Katalog zur Schau kostet 39,90 Euro. Weitere Infos zum Begleitprogramm unter: