Cappuccino

Wenn Deutsche Urlaub machen: Bloß kein Cappuccino nach dem Mittag!

Kultur / Lesedauer: 5 min

Der überall alles mit Handtüchern markierende deutsche Urlauber ist das eine – Schlimmer noch aber der Tourist, der einheimischer sein möchte als der Einheimische
Veröffentlicht:28.07.2022, 19:00
Aktualisiert:29.07.2022, 06:51

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„ Italien ist ganz sicher ein wunderbares Land. Nur auf die Italiener kann ich verzichten.“ Der ironische Satz stammt von Kabarettist Dieter Hildebrandt. Und er weht bierernst durch den gesamten Filmklassiker „Man spricht deutsh“ von Gerhard Polt.

Der Streifen ist so eine Art Superkonzentrat aus Ressentiments, Vorurteilen und Klischees – weiße Tennissocken in Sandalen inklusive. Er hat 1988 die mediterrane Sehnsucht des Otto-Normal-Verbrauchers persiflierend auf den Punkt gebracht. Und bietet bis zum heutigen Tag jede Menge Steilvorlagen, um sich über angebliche deutsche Spießigkeit lustig zu machen.

Etwa übers stete Misstrauen den Italienern gegenüber, das dazu führt, die Familienkutsche am Strand in Sichtweite zu parken und sich in der Observation des Vehikels abzuwechseln. Weil es sonst natürlich unweigerlich geklaut wird, das Auto.

Heute beschäftigt sich der Urlaubsreisende wochenlang mit der Kultur

Vielleicht hat der Spielfilm viel damit zu tun, dass sich ein gegenteiliger Typ deutscher Reisender entwickeln konnte. Ein kunst- und kulturbeflissener Besserwisser, der sein Verhalten in der Kehrtwende dessen ausrichtet, was in Polts Film bisweilen mehr schmerz- als scherzhaft auf die Schippe genommen wird. Er reist etwa in die Toskana , nicht ohne sich Wochen zuvor mit den Kirchen und Museen der Urlaubsregion architektonisch, historisch oder sonst wie kulturwissenschaftlich auseinandergesetzt zu haben.

Freilich beherrscht er möglichst dem regionalen Dialekt angepasste Kenntnisse der Landessprache. Für diese Menschen gilt die Devise: Bloß nicht als Tourist auffallen! Sich den einheimischen Gepflogenheiten unbedingt unterwerfen! Keineswegs als Nicht-Italiener entlarvt werden! In anderen Ländern gilt das natürlich analog in Bezug auf die Einheimischen dort.

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Dabei heraus kommt ein zwanghafter Typus Urlauber, der zwischen Selbstverleugnung und Selbstaufgabe komplett gestresst seine Ferientage verbringt. Weil er ja immer darauf bedacht sein muss, dass er um Gottes willen ja alles richtig macht. Bei manchen Leuten wirkt das – wieder zu Hause – sogar noch in den Alltag nach. Ich hatte zum Beispiel mal einen Kollegen, der peinlich darauf achtete, nach 12 Uhr Mittag ja keinen Cappuccino mehr zu trinken. Denn angeblich tun das echte Italiener nicht.

Das hat bei mir wiederum dazu geführt, dass ich mich eine Zeit lang eklatant unitalienisch gefühlt habe, als ich fahrlässigerweise sogar nach 16 Uhr in einem italienischen Café meiner Stadt Cappuccino schlürfte. Und ich fragte mich die ganze Zeit, ob es den Kellner wohl juckt, wenn ich mich als bekennender Nicht-Italiener in einem italienischen Café so unitalienisch benehme. Ihn zu fragen, fehlte mir aber der Mut.

Eine spezielle Form der kulturellen Aneignung

Ein anderes Beispiel dieser speziellen Form der kulturellen Aneignung erlebte ich ebenfalls in meiner Heimatstadt. Diesmal in einem thailändischen Restaurant, und zwar mit einem Freund. Dieser hat die Angewohnheit, in jedem Restaurant, das kein deutsches ist, einen Vortrag darüber zu halten, dass die fremde Küche hier bei uns nicht original sei.

Eingedeutscht sei sie, verfälscht und unauthentisch. Das Unangenehme daran war, dass der Freund es dann nicht unterlassen konnte, der Kellnerin aufzutragen, sein Hühnchen mit Curry ruhig so scharf wie „im Original“ zuzubereiten. Als ob in der Verfassung von Thailand irgendwo der Schärfegrad von Geflügelgerichten unter einem Paragrafen verbindlich festgelegt wäre.

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Worauf die Kellnerin – in kristallklarem Hochdeutsch – sagte: „Sehr gerne!“ Ich weiß nicht, ob die Vorfahren dieser Frau wirklich je so scharf zu essen pflegten. Jedenfalls servierte sie dem Freund, der übrigens noch nie einen Fuß in ein südostasiatisches Land gesetzt hatte, ein Hühnchen aus der Hölle. Das ging so weit, dass er nach zwei Löffeln sämtliche Getränke am Tisch in sich hineingegossen hatte und nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, das Blumenwasser aus der kleinen Tischvase anzutasten.

Urlaub sollte im besten Fall Entspannung sein. Und der Kurzurlaub zuhause in einem Restaurant ferner Herkunft ein Kurzurlaub. Es gibt keinen Grund – jenseits oder diesseits der Grenze – sich in anbiedernder Weise zu verstellen. Es ist ok, wenn man deutschen Touristen in Nairobi ansieht, dass sie keine Kenianer sind.

Man muss in Italien nicht so tun, als hätte man den Grappa im Blut

Die Gepflogenheiten des Gastlandes zu respektieren, ist selbstverständlich. So zu tun, als hätte man diese Gepflogenheiten selber erfunden, aber nicht. Nur weil man die Lebensart einer bestimmten Nationalität für die Dauer eines Urlaubs gut findet, muss man deshalb noch lange nicht so tun, als habe man den Grappa schon mit der Muttermilch aufgesogen.

Sonst könnte es so gehen, wie einem weiteren Bekannten, mit dem ich und andere einst ein Ferienhaus in der Toskana teilten. Der Nachbar behauptete, er stelle seinen eigenen exzellenten Wein her – aus den Reben hinterm Haus. Besagter Freund kaufte ihm, um Harmonie in der italienisch-germanischen Nachbarschaft herzustellen und zu zeigen, quasi einer von ihnen zu sein, ein Dutzend von Hand verkorkter Flaschen mit dubiosem Inhalt ab. Niemand außer ihm fand den Rotwein gut. Niemand außer ihm wollte ihn trinken. Er hat sich eisern durch die Flaschen gekämpft. Besonders entspannt hat er in diesem Urlaub aber nicht gewirkt.

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