Misthaufen

Liebesprobe auf dem Misthaufen

München / Lesedauer: 4 min

Bedřich Smetanas „Verkaufte Braut“ feiert an der Bayerischen Staatsoper in München Premiere
Veröffentlicht:23.12.2018, 17:57
Aktualisiert:22.10.2019, 13:00

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„Die Welt ist ein Misthaufen, die Männer hocken obendrauf und krähen“, schreibt die Journalistin Bascha Mika . In München trinken sie dazu noch jede Menge Bier – zumindest in der Neuproduktion von Bedřich Smetanas „Die verkaufte Braut“ an der Bayerischen Staatsoper. Mika, die streitbare Feministin, dürfte allerdings einverstanden sein mit der Titelheldin: Marie lässt sich nix gefallen und schon gar nicht an den falschen Hochzeiter bringen.

Sowieso fährt die selbstbewusste Bauerntochter auch den Bulldog besser selber, um genauso zielsicher ihren Auserwählten anzusteuern. Ensemble-Neuling Selene Zanetti ist hier die ideale Besetzung mit ihrem gehaltvollen, leuchtenden Sopran („Ich weiß euch einen lieben Schatz“) und einer Bühnenwucht, die neben den heute so angesagten „Ich wollte eigentlich zum Ballett“-Sängerinnen geradezu verblüfft. Ein Prinzesschen darf man auch nicht sein in diesem reichlich derben Dorfkosmos, den ein regelrechtes Gebirge von einem dampfenden Misthaufen dominiert (Bühne: Patrick Bannwart).

Schmieriger Heiratsvermittler

Auf dem wird bis zum Umfallen gezecht und getanzt und heftig geschachert, wenn der zwielichtige Kezal seine Strippen zieht. Günther Groissböck federt als schmieriger Heiratsvermittler – „Erfolgsquote 99,97 Prozent“ – im weißen Zuhälteranzug samt Goldkettchen durch die Szene und lässt noch beim Klimmzug problemlos seinen exakt fokussierten Bass strömen. Groissböck gehört zu den Wenigen, die derzeit ganz lässig zwischen den großen tiefen Wagner-Partien, dem Ochs aus dem „Rosenkavalier“ und Schuberts „Winterreise“ pendeln. Bei seiner Diktion bräuchte es denn auch keine Übertitel, zumal sich Dirigent Tomáš Hanus für Max Kalbecks deutsche Fassung der 1866 in Prag uraufgeführten Nationaloper entschieden hat. Das tschechische Original-Libretto sei freilich nicht der größte Wurf, erklärte Hanus im Vorfeld der Premiere. Und überhaupt sprach Smetana, der seine „Verkaufte Braut“ mehrmals überarbeitet hat, die ersten 40 Lebensjahre vornehmlich und viel lieber Deutsch.

Man wird auch den Eindruck nicht los, sein Landsmann am Pult wollte partout nicht in die verstaubte Folklore-Falle tappen – gerade an einem Haus, das mit dem zünftig Komödiantischen eh schon seit Jahren fremdelt. Also eilt Hanus im Parforceritt durch die Partitur. Das klingt in der Ouvertüre noch vielversprechend, zwischendurch haben aber selbst die hoch flexiblen Staatsopernmusiker ihre Not, in der Spur zu bleiben, und der Chor wird alle paar Takte abgehängt. Doch besonders die lyrischen, oft von Erinnerungsmotiven bestimmten Passagen, die schwelgenden Streicher und das melancholische Holz könnten mehr Raum zur Entfaltung vertragen. Um die poetischen Momente muss schon das Bühnenpersonal ringen, vor allem Marie und ihr rührend verspielter Hans (Pavol Breslik), der sich stimmlich seltsam zurückhält. Den Rest besorgt eine Ladung kitschiger Glühbirnchen am Dorfhimmel.

Dröhnung aus dem Gülletank

Wobei es ja auch wenig gefühlvoll zugeht in diesem Dreiakter um ein geschmackloses Eheversprechen, von dem noch nicht einmal die geldgierigen Eltern völlig überzeugt sind. Regisseur David Bösch, der in München zuletzt die „Meistersinger“ etwas harmlos inszeniert hat, überträgt dieses überkommene Prozedere mit einigem Sarkasmus in eine zweistündige Volksfestmixtur aus Kirchweih und Wacken – zu Smetanas Tanzrhythmen geben die Dorfrocker den Headbanger. Und auch die Dröhnung kommt vermutlich nicht nur vom Bier, das sogar aus dem Gülletank fließt. Auf die ausführliche Demonstration wilder Weit-Biesel-Einsätze hätte man dann aber gerne verzichtet.

Gut also, dass mit einer wandernden Zirkustruppe Abwechslung auf den Misthügel kommt. Und Bösch ist ganz in seinem Element bei dieser herrlichen Ansammlung von Knallchargen. Unter denen sticht die Seiltänzerin Esmeralda (Anna El-Khashem) so reizvoll heraus, dass sich der streng vermittlungsbedürftige Wenzel (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) sofort verguckt und als Tanzbär einspringt. Damit macht sich der Bruder des smarten Hans endgültig zum Deppen. Meint man. Aber dieser einfältige Stotterer, der anfangs noch mit einem echten Schwein durch die Szenen stolpert, ist der einzige, der ausbricht aus dieser kruden, wirren Böhmerwald-Farce. Insofern wäre ein solcher Aussteiger gar nicht verkehrt für eine Marie, die mit ihrer klassischen Frauenrolle auch nicht viel am Hut hat.