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Dreiakter

Tschaikowskys „Jewgeni Onegin“ am Opernhaus Zürich

Kultur / Lesedauer: 4 min

Tschaikowskys „Jewgeni Onegin“ am Opernhaus Zürich besticht mit starken Stimmen
Veröffentlicht:28.09.2017, 18:32

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Als Co-Produktion mit der Komischen Oper Berlin hat deren Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky jetzt Pjotr Tschaikowskys Dreiakter „Jewgeni Onegin“ am Opernhaus Zürich inszeniert. Die von Stanislav Kochanovsky dirigierte Aufführung lebt vor allem von theatralischer Stringenz und starken Stimmen. Drei russischsprachige Sängerinnen sorgen mit ihrem großartigen Zürcher Hausdebüt für nationales Flair im vokalen Bereich. Peter Mattei in der Titelrolle und der fabelhafte Tenor Pavol Breslik als Lenski liefern sich im Spiel ebenso wie akustisch ein packendes Duell.

Tschaikowskys „Jewgeni Onegin“ basiert auf Alexander Puschkins gleichnamigem Versroman. Das Libretto hat der Komponist zusammen mit Konstantin Schilowski ausgearbeitet und die 1878 fertiggestellte Oper dann „Lyrische Szenen in sieben Bildern“ genannt. Die gegensätzlichen Schwestern Tatjana und Olga leben als Töchter der Gutsbesitzerin Larina auf dem Land. Tatjana ist introvertiert und schwärmt für Romanhelden. Die lebenslustige Olga ist mit dem Dichter Lenski verlobt. Als dieser seinen Freund Onegin mitbringt, ist es um Tatjana ge-schehen.

Einen Liebesbrief, den ihm das schüchterne Mädchen schreibt, weist Onegin kühl zurück und flirtet stattdessen lieber mit Olga. Der eifersüchtige Lenski fordert ihn deshalb zum Duell und wird von seinem Rivalen getötet. Jahre später trifft der von ziellosen Reisen ernüchterte Onegin in Petersburg Tatjana wieder. Sie ist inzwischen mit dem Fürsten Gremlin verheiratet und eine selbstbewusste Frau. Onegin ist fasziniert von ihr und bereut, dass er ihr einst einen Korb gab. Tatjana liebt ihn zwar immer noch, weist seine Avancen aber nun ihrerseits zurück. Seine Liebe kommt für sie zu spät.

Koskys packende, teils auch witzige Lesart des Stücks bindet realistische Darstellung ein in traumhafte Szenen mit magisch beleuchteten Standbildern (Frank Evin). Die imposante Bühne (Rebecca Ringst) zeigt eine Waldlichtung. Bäumchen stehen rings um eine hügelige Wiesenfläche. Der Boden ist von Gras bedeckt bis vor an den Orchestergraben. Worüber ist es gewachsen? Unwillkürlich stellt man sich diese Frage, wenn die Naturidylle später symbolisch alles zu verdecken scheint, womit die Protagonisten im Umgang miteinander hinter dem Berg halten.

Doch zunächst füllen hier auf Stühlen Larina (Liliana Nikiteanu) und ihre Amme (Margerita Nekrasova) Marmelade in Gläser. Ihre gesitteten Kleider sind lang und hochgeschlossen. Historische Kostüme (Klaus Bruns) aus der Zeit zwischen Biedermeier und Fin de Siècle trägt auch eine alsbald hereinströmende Picknickgesellschaft, die ausgelassen russische Weisen und Tänze zum Besten gibt. Der von Ernst Raffelsberger perfekt einstudierte Chor hat sichtlich Spaß an den dramaturgisch verzichtbaren Einlagen.

Weniger russisch muten die Baguette-Stangen und Rotweinflaschen an, die dabei zum Verzehr kommen, doch im Blick auf das später vorgetragene Couplet des Franzosen Triquet (brillant: Martin Zysset) mag die Regie-Idee durchgehen. Die verträumte Leseratte Tatjana agiert in dieser Runde wie ein armes Sünderlein. Sie wirkt nicht nur wie ein Mauerblümchen, sondern geradezu kindlich und pathologisch nervös. Hilflos verwendet sie ausgerissene Seiten ihres Romans als Versatzstücke für ihre briefliche Liebeserklärung und lässt sie Onegin in einem Marmeladeglas überbringen.

Titelheld beißt lebend ins Gras

Olga Beszmertna singt bravourös und läuft bei ihrem finalen Liebesgeständnis zu großer Form auf. Eine Entdeckung ist die junge Usbekin Ksenia Dudnikova als Tatjanas Schwester Olga. Sie verfügt über einen voluminösen Mezzosopran mit zärtlich-satter Tiefe ohne jeden rauchigen Beiklang. Leider lassen manche Duette intervallische Reinheit vermissen. Auch das Quartett nach Lenskis und Onegins Ankunft kommt intonatorisch vorübergehend ins Kentern. Der junge Petersburger Dirigent Stanislav Kochanovsky animiert zu schwungvollem Spiel, vernachlässigt aber die weiche Einbettung der Holzbläser in die etwas dumpf tönende Streicherbegleitung.

Am Ende findet sich Onegin im Innenhof eines fürstlichen Palasts wieder. Kostbare Sitzmöbel stehen seltsamerweise auf einem Wiesenboden. Bei genauerem Hinsehen erweist sich das Gebäude jedoch als eine Art Luftschloss, dessen Pappkulissen vor seinen Augen abgebaut werden. Ohne Illusion bleibt Onegin zurück auf der Lichtung des Anfangs. Sein Zwiegesang mit Tatjana kann die Vereinigung nur kurz im Konjunktiv beschwören. Dann wird der aufdringliche Stalker zurückgestoßen, wälzt sich am Boden und beißt vor Verzweiflung lebend ins Gras.

Weitere Vorstellungen: 30. September, 8., 13., 19., 22., 25. und 28. Oktober. Karten gibt es unter: www.opernhaus.ch