Palladium

Ein Musical für Jazz-Fans

Kultur / Lesedauer: 4 min

„Chicago“ feiert Premiere in Stuttgart – Hinreißende Tanzszenen und jazziger Sound
Veröffentlicht:07.11.2014, 13:46
Aktualisiert:24.10.2019, 08:00

Von:
Artikel teilen:

Nein, zimperlich geht es nicht zu bei „Chicago“, dem neuen Musical im Stuttgarter Palladium Theater. Und moralisch ehrenhaft schon gar nicht. Mordende Frauen im halben Dutzend, eine Presse, die sich nicht um den Wahrheitsgehalt, sondern nur um das Sensationspotenzial einer Meldung schert, eine Justiz, in der nur der eine Chance hat, der über das nötige Kleingeld verfügt. Angesichts der aktuellen Diskussion über die Grenzen von Satire ist erstaunlich, wie bitterböse die Story dieses Musicals daherkommt. Vor allem wenn man bedenkt, dass das zugrundeliegende Theaterstück aus dem Jahr 1926 stammt – und schon damals bejubelt wurde.

„Chicago“ ist eines der amerikanischsten Musicals. Die Amerikaner lieben die Geschichte der durchtriebenen Möchtegern-Nachtclubtänzerin Roxie Hart , die sich nicht unterkriegen lässt: Nicht von ihrem Geliebten, den sie erschießt, als er ihr den Laufpass gibt, nicht im Gefängnis, wo die berühmte Velma Kelly, auch eine Nachtclubtänzerin, ihr das Leben schwer macht, und schon gar nicht von ihrem treudoofen Ehemann Amos Hart, den sie nach allen Regeln der weiblichen Verführungskunst ausnutzt.

Dass sich die Stuttgarter nach dem Selbstläufer „Mamma Mia“ an diesen Broadway-Klassiker wagen, ist mutig. Gassenhauer zum Mitsingen bietet „Chicago“ ebenso wenig wie tollkühne Akrobatiknummern. Dieses Feld deckt im Theater neben-an weiter das Musical „Tarzan“ ab.

Laut Jürgen Langerfeld vom Veranstalter Stage Entertainment wurde mit „Chicago“ bewusst ein Kontrastprogramm nach Stuttgart geholt. Denn „All der Jazz“, so der Titel von Velmas Song im Nachtclub, war in Deutschland noch nie ein Massenphänomen. Das ist das Besondere an dieser Produktion: „Chicago“ wird vielleicht nicht die Massen anziehen. Aber diejenigen, die all den Jazz und den blechigen Dixie-Sound mögen, der direkt aus einem Chicagoer Hinterhof der 1920er-Jahre zu kommen scheint, werden vielleicht zum ersten Mal ein Musical besuchen. Mit Kindern ist in „Chicago“ allerdings nur richtig, wer seinem Nachwuchs zeigen will, wie ein Kostüm mit viel Nichts um ein bisschen Stoff herum aussieht. Ansonsten aber dürften die Ironie der Geschichte und die, wenn auch nur angedeutete Gewalt die Kinder überfordern.

Die Stuttgarter Besetzung besteht zum Teil aus alten Bekannten. Von 2012 bis 2013 spielte Lana Gordon die Hauptrolle in „Sister Act“ und ist nun als Velma zu sehen. Die Rolle der Roxie hat die Holländerin Carien Keizer übernommen, die schon in „42nd Street“ in Stuttgart auf der Bühne stand. Beide sind ein Glücksfall. Vor allem Keizer ist hinreißend als mal laszive, mal naive Roxie. Und dass sie zuletzt mit dem Pariser Revuetheater Lido auf Tour war, ist ihren Tanznummern anzusehen.

Nigel Casey als korrupter Rechtsanwalt Billy Flynn, der die beiden Frauen aus dem Gefängnis bringen soll, scheint einem Film mit Hum-phrey Bogart entstiegen, und Volker Metzger gibt den trotteligen Ehemann Roxies mit feiner Ironie. Einzig Isabel Dörfler als Gefängniswärterin Mamma Morton, mit kräftiger Stimme, zweifellos, will nicht so recht in ihre Rolle passen. Das mag daran liegen, dass die Hip-Hop-Sängeirn Queen Latifah in der Verfilmung von „Chicago“ Maßstäbe gesetzt hat. Gegen diese Diva mit ihrer Reibeisenstimme kann die zarte Isabel Dörfler nur verlieren.

Deutsche Texte als Ärgernis

Und der Rest der Truppe? Ein Augenschmaus für jeden Tanzfreund, denn die Choreografien von Gregory Butler, eng angelehnt an die Broadway-Vorlage, sind brillant. Das 14-köpfige Orchester sitzt auf der Bühne und liefert unter der Leitung von Klaus Wilhelm tadellosen Big-Band-Sound. Ansonsten bleibt die Inszenierung unter der brasilianischen Regisseurin Tania Nardini elegant und schlicht. Keine überflüssige Kulisse lenkt ab von den jazzigen Songs und den Tanznummern.

Doch ein Ärgernis bleibt: Es grenzt an eine Beleidigung der Ohren, die Liedtexte in der deutschen Übersetzung zu hören. Wer in Deutschland reif ist für ein anspruchsvolles Musical wie „Chicago“, dem kann man auch einen Klassiker wie „All that Jazz“ im Original zumuten. Anstatt der kehligen und unverständlichen Würglaute in der deutschen Version hätten sicher viele Zuschauer die geschmeidige US-Variante bevorzugt. Und die Amerikanerin Lana Gordon hätte damit sicher auch mehr Freude gehabt. Es wird Zeit, die Unsitte der deutschen Liedübersetzungen in Musicals endlich abzuschaffen. „Chicago“ wäre ein willkommener Anlass.

Das Musical „Chicago“ basiert auf dem 1926 erstmals aufgeführten Theaterstück der Journalistin Maurine Dallas Watkins, die über den Fall einer Mörderin berichtete und davon fasziniert war. 1975 feiert das Musical am Broadway Premiere. Nach zwei Jahren wurde das Stück abgesetzt, 1996 in seiner heutigen Version wieder aufgenommen und läuft seither ununterbrochen. Der Gaststar des Premiereabends in Stuttgart, Sängerin und Tänzerin Ute Lemper, war in London und New York unzählige Male in der Rolle der Velma zu sehen. 2002 wurde „Chicago“ mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere verfilmt.