Augenblick

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann wird 75

Konstanz / Lesedauer: 4 min

Konstanzerin Aleida Assmann wird 75 – Mutter von fünf Kindern erkämpfte sich Platz im Wissenschaftsbetrieb
Veröffentlicht:22.03.2022, 06:00

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„Kein Mensch lebt im Augenblick. Aus physikalischer Sicht betrachtet ist Gegenwart nur der Augenblick des Umschlagens von Zukunft in Vergangenheit.“ Mit Sätzen wie diesen regt Aleida Assmann das Denken an und verweist auf ihre Überlegungen zur Kultur der Erinnerung. Auch wenn es mitunter scheint, als gäbe es Aleida Assmann nur im Doppelpack mit ihrem Mann Jan Assmann , ist ihre wissenschaftliche Karriere auch für sich gesehen eine außergewöhnliche. Am Dienstag wird die Anglistin und Ägyptologin 75 Jahre alt.

Die Paulskirche in Frankfurt im Herbst 2018. Das Forscherpaar Aleida und Jan Assmann nimmt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Es ist nicht die erste gemeinsame Auszeichnung für die Assmanns und wird nicht die letzte sein. Die Dankesrede halten beide im Wechsel. „Wir haben immer zusammenarbeiten wollen“, hatte Aleida Assmann kurz zuvor betont. Und ihr Mann Jan ergänzte: „Natürlich haben wir vom Frühstück bis zum Abendessen miteinander geredet.“

Seit 1968 ist Aleida Assmann mit Jan Assmann verheiratet. Der 83-Jährige ist ebenfalls Ägyptologe sowie Religions- und Kulturwissenschaftler. Ein Schlüsselbegriff in beider Wirken ist das „Kulturelle Gedächtnis“.

Eigentlich sei das Konzept nicht neu gewesen, erläuterte Aleida Assmann einmal in einem „Zeit“-Interview. „Dass eine kollektive Erinnerung das Weltbild bestimmt und eine Gruppe zusammenbindet, haben wir eigentlich nur wiederentdeckt.“ Ihr Anteil daran sei am Anfang allerdings völlig untergegangen, „weil ich nicht an einer Universität war, sondern zu Hause. Mein Mann hat den Band, der dazu immer zitiert wird, mit einem Kollegen publiziert, der mit diesem Thema gar nichts zu tun hatte. Meine Texte dazu sind erst Jahre später veröffentlicht worden.“

Die Anekdote wirkte sich offenbar weder negativ auf das Zusammenleben des Paares aus noch auf die gemeinsame Forschung. Aber sie zeigt, dass Assmann als Frau und Mutter von fünf Kindern sich ihren Platz im Wissenschaftsbetrieb erst erkämpfen musste. Noch 1993, als sie auf den Lehrstuhl für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an die Universität Konstanz berufen wurde, habe ihr eine Kollegin, die als erste Frau an die Hochschule kam, erzählt, dass die Kollegen sie oft nicht grüßten. „Nicht, weil sie sie nicht mochten – sie wussten nicht, wie das geht. Sie waren irgendwie peinlich berührt, einer Frau zu begegnen, die nicht ihre Sekretärin war.“

Assmann ließ sich nicht beirren. Die in Bethel (Bielefeld) geborene Tochter des Neutestamentlers Günther Bornkamm und seiner Frau Elisabeth nahm sich ihre Eltern zum Vorbild. „Meine Eltern waren beide Theologen, und mein Vater hat alle seine Themen immer mit meiner Mutter besprochen. Das war auch mein Anspruch: in geistigen Dingen mitzureden.“ Das tut sie zweifellos auch in großem Maßstab und prägt seit Jahrzehnten mal mit, mal ohne ihren Mann den intellektuellen Diskurs in der Republik.

Stets ist der Horizont dabei weit gespannt, reicht von der Antike bis hin zum Philosophen Edmund Husserl oder den beiden russischen Kultursemiotikern Jurij Lotman und Boris Uspenskij. Über den Tellerrand schauen, lautet das Grundprinzip. Ein frühes Beispiel ist die Gründung des Arbeitskreises „Archäologie der literarischen Kommunikation“ 1978, für den die Assmanns Vertreter verschiedenster Disziplinen wie Afrikanistik oder Indologie ins Gespräch brachten. Gastprofessuren führten Aleida Assmann zwischen 2001 und 2005 an die Universitäten Yale und Wien.

In den vergangenen Jahren widmete sie sich verstärkt Debatten rund um Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. Ein hochaktuelles Thema, unter anderem angesichts der Tatsache, dass sich die AfD nach Kräften bemüht, das historische Erbe Deutschlands umzudeuten. Hitler und die Nationalsozialisten seien „nur ein Vogelschiss“ in 1000 Jahren deutscher Geschichte gewesen, meinte etwa der AfD-Politiker Alexander Gauland 2018.

„Die Nation ist kein Heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort Vogelschiss – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden“, entgegnete Assmann wenig später in der Paulskirche. „Beschämend ist allein die Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung, die wir mit den Opfern teilen.“