Kunstmuseum

Der Maler und Zeichner René Acht im Kunstmuseum Singen

Singen / Lesedauer: 3 min

Das Kunstmuseum in Singen feiert René Acht zu seinem 100. Geburtstag
Veröffentlicht:20.12.2021, 18:45

Von:
Artikel teilen:

René Acht war zu Lebzeiten ein international bekannter Künstler. Heute ist er weitgehend vergessen. In einer großen Retrospektive zu seinem 100. Geburtstag erinnern gleich drei Museen an den Maler und Zeichner: das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen , das Aargauer Kunsthaus und zum Auftakt jetzt das Kunstmuseum Singen.

Ein spektakulärer Anblick. Ein mächtiger Strudel erfasst ein fragiles Gebilde aus geometrischen Formen und wirbelt es durcheinander, das Resultat: Konfusion. Eine Tuschezeichnung René Achts wie die von 1953 war gerade in den Fünfzigerjahren keine Seltenheit bei diesem Künstler. Szenerien gestörter Ordnung waren in dieser Werkphase mehr die Regel als die Ausnahme. Auf anderen Blättern und Gemälden untergraben sie ein anfängliches Ordnungsgefüge. Oder sie geraten in Schwingung. Wir sehen hier prekäre instabile Schichtungen, dort die innere Erosion einer Struktur. Und lesen Überschriften wie „Zerstörende Kraft“.

Alles in Achts Kunst dieser Phase ist geprägt von einer unwiderstehlichen Dynamik. Gezielt setzt sich der Künstler mit der Destabilisierung von Ordnungen auseinander, dem Chaos. Am Ende aber, wenn alles in Verwirrung geraten ist und durcheinander liegt, triumphiert mitunter unerwartet lustvolle Derangiertheit. Ganz himmlisch wird es etwa in „Night-mingle“, übersetzt etwa: Nacht-Vermischung. Auch die „Fabelwesen“ in Öl sind von bezwingender Schönheit, sogar der tote Stern, „Etoile (Morte)“.

Zu Recht wurde René Acht mit Werken wie diesen international bekannt, die Folge war 1959 die Teilnahme an der documenta 2, im selben Jahr auch an der Biennale von São Paulo. Neben rund 160 weiteren sind sie in der Ausstellung „René Acht. Lyrisch – konkret“ im Kunstmuseum Singen zu sehen. Es ist die erste Sta-tion einer Retrospektive anlässlich des 100. Geburtstags im vergangenen Jahr. Die Schau tourt im Anschluss nach Ludwigshafen und Aargau.

1920 am Spalenberg in der Basler Altstadt geboren, wuchs René Acht in eine wenig begüterte Familie, aber in eine künstlerisch geprägte Atmosphäre hinein: Vater und Großvater waren Bildhauer. Früh erfuhr der junge Absolvent der Allgemeinen Gewerbeschule Basel Förderung durch den Direktor des Basler Kunstmuseums Georg Schmidt. Stipendien ermöglichten dem jungen Maler Aufenthalte in Skandinavien. Mit 25 Jahren war er in Stockholm, später in Helsinki, 1948 auch in Rom. Auch durch Studienreisen in Spanien und Afrika in den 1950er-Jahren dürfte sich sein Horizont geweitet haben.

Ab 1950 lehrte Acht an der Basler Klubschule Migros. 1963 wurde er Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, 1965 Leiter der Malklasse an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel. Zu seinen Schülern zählen Rémy Zaugg und Reinhard Klessinger. 1972 zog es Acht nach Freiburg. Er gründet den Art-Club + Kunstforum und wurde Dozent an der Pädagogischen Hochschule. 1990 starb er in Herbolzheim.

„Im Zentrum meines Interesses steht der Mensch.“ Dies ist angesichts der Dominanz von Abstraktion in seinem Schaffen eine erstaunliche Äußerung. Doch so wie sich seine informellen Gemälde und Zeichnungen stets auch als Psychogramme lesen lassen, ist Achts in den Sechzigerjahren entwickelte annähernd quadratische „Figur: HAUS“ als figürliches Pendant der menschlichen Seele, lesbar. „Haus – bedrückt“ betitelte er ein Gemälde von 1967. Die Dreiheit Körper – Seele – Geist hatte er nicht zuletzt in der Hinwendung zu fernöstlichen Weisheitslehren im Blick. Auch der umfangreiche, in den letzten drei Jahrzehnten entstandene Werkkomplex der Scherenschnittarbeiten ist in diesem Kontext zu sehen. Ein Künstler, der es wert ist, wiederentdeckt zu werden.