Gewerkschaftskonzern

Ausstellung über die „Neue Heimat“ in München

München / Lesedauer: 5 min

Die Neue Heimat und die Utopie vom sozialen Bauen in der Pinakothek der Moderne
Veröffentlicht:28.02.2019, 21:05
Aktualisiert:22.10.2019, 12:00

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Die Pinakothek der Moderne blickt in einer klugen Ausstellung zurück auf ein Kapitel bundesdeutscher Geschichte: Sie beleuchtet den sozialen Wohnungsbau und den Gewerkschaftskonzern Neue Heimat, der Millionen ein Dach überm Kopf gegeben hat, ehe er krachend zusammenbrach.

Die Sonne geht in diesem Reich nicht unter. Es reicht ja auch von Brasilien über Kanada nach Frankreich , Belgien und Österreich weiter nach Saudi-Arabien oder Ghana bis in den fernen Osten nach Malaysia. Auf fast allen Kontinenten verfolgt die Neue Heimat ihre teils absurden Projekte. „Wenn Sie wollen, können Sie bei uns eine ganze Stadt bestellen“, prahlt ihr Vorsitzender „King Albert“ Vietor noch 1970 in seiner Wirtschaftswunder-Großspurigkeit. Da ist der Zenit der Wohnungsbaumaschine des DGB längst schon überschritten. Doch es wird jahrelang weiter expandiert und gepokert bis am 8. Februar 1982 alles zusammenbricht.

Gier und Größenwahn

„Neue Heimat – Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“ titelt der „Spiegel“ und bringt den bittersten Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte ans Licht. Ausgerechnet das gewerkschaftseigene Vorzeigeunternehmen, das so vielen Deutschen ein Dach überm Kopf beschert hatte, wurde von hoch korrupten Managern in den Bankrott geführt. Und schlimmer noch: Vietor und seine Vorstandskollegen hatten nicht nur beim Grundstückskauf in die eigene Tasche gewirtschaftet, sondern sich außerdem über zu hohe Kostenabrechnungen direkt bei den Mietern bereichert.

Die Folgen sind bekannt. Die Neue Heimat wurde aufgelöst, jedes Vertrauen war verspielt. Über all dem vergisst man aber leicht, was dieser einst größte nichtstaatliche Baukonzern Europas gestemmt hat und wie sehr er das Gesicht der Bundesrepublik prägte.

Mit namhaften Architekten

In der klug aufbereiteten Rückschau des Architekturmuseums in der Münchner Pinakothek der Moderne ist das nun en détail zu verfolgen. Und gleich die ersten Fakten sprechen für sich: Rund 460 000 Wohnungen hat die Neue Heimat von 1954 bis 1974 gebaut und damit Millionen von Menschen aus Baracken und Notunterkünften geholt. Das beginnt mit dem Wiederaufbau kriegszerstörter Anlagen, gefolgt von Garten- und Parkstädten und mündet in Großsiedlungen und Satellitenstädten. Man denke an die Neue Vahr Bremen, Nürnberg Langwasser, Mannheim Vogelstang oder Neuperlach, das mit Abstand größte Projekt für 50 000 Münchner.

Man mag sich heute die Augen reiben bei diesen Zahlen und der atemberaubenden Geschwindigkeit, mit der ganze Stadtviertel hingeworfen wurden. Doch der Druck war immens, und alle zogen an einem Strang. Das heißt, der Staat schuf mit seinen Gesetzen die Grundlage – ab 1950 wurde der Bau von Mietwohnungen bezuschusst –, und die Neue Heimat bot Lösungen im großen Stil: vom Ankauf geeigneter Grundstücke über die gesamte Konzeption und Ausführung der Bauten bis zu deren Verwaltung.

Die weltweit agierenden Immobiliengiganten machen das heute kaum anders, nur waren die Wohneinheiten der Neuen Heimat finanzierbar. Dabei legte man Wert auf gute Architekten wie den langjährigen Chefplaner Ernst May oder internationale Koryphäen wie Richard Neutra, den Stadterneuerer Victor Gruen und sogar Alvar Aalto, dem mit seinem Wohnhochhaus in der Neuen Vahr ein besonderes Markenzeichen gelang.

Die Sehnsucht war groß und die Erfolge fast noch größer. Wer wollte da kleinere Brötchen backen, als die Nachfrage nach Wohnungen zu sinken begann? Also machte man sich an den Bau von Schulen und Einkaufszentren, Kliniklandschaften und Verwaltungszentralen. Und weil dieses Deutschland überhaupt schon zu satt geworden war, ging der Blick hinaus in die Welt.

Shoppingcenter und Casino

Die Neue Heimat International wurde 1962 gegründet und Frankreich bald ein wichtiger Partner. 12 000 Wohnungen entstanden im Nachbarland, doch damit nicht genug. Es ging nahtlos weiter mit Anlagen in Italien, einem Shoppingcenter in Israel, Siedlungen im heutigen Sri Lanka, Wohnungen in Venezuela, Luxusappartements in Paris – und einem Kongresszentrum samt Casino im betuchten Monaco.

Der Wahnsinn hatte längst Methode und der Konzern spätestens Mitte der 1970er-Jahre ein Imageproblem. Auch Trabantenstädte galten bald als fragwürdig. „Beton kann töten“ liest man auf einem der Fotos, die Herlinde Kölbl in Neuperlach aufgenommen hat. Da war es mit der Euphorie des Anfangs längst vorbei. Vielerorts hatte sich die Ballung von Wohnsilos keineswegs als der prophezeite Segen erwiesen – weder in urbaner, noch in sozialer oder ästhetischer Hinsicht. Und heute sind die Ansprüche sowieso ganz andere.

Was aber wäre aus der Neuen Heimat ohne das fatale Größer-Höher-Weiter geworden? Was, wenn sich ihre Vorderen nicht so verbrecherisch bereichert hätten? Und wie könnte ein Wohnungsmarkt heute aussehen, wäre Anfang 1990 – auch in Folge dieses Skandals – nicht das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz abgeschafft worden? Das hielt ja nicht nur die Mieten im Zaum.

Über 700 000 Wohnungen wurden im Spitzenjahr 1973 insgesamt in der Bundesrepublik gebaut, ein Teil davon durch die Neue Heimat. Die schiere Menge mag nicht mehr das Ziel sein; jetzt, aus der Distanz, lohnt es sich trotzdem, dieses unfassbar agile Unternehmen wieder genauer zu studieren. Nicht ganz zu Unrecht misstraut man heute den großen, alles regulierenden Lösungen. Um der aktuellen Wohnungsnot in den Ballungszentren zu begegnen, wird es bei ein paar Steuererleichterungen allerdings nicht bleiben können.