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Das Leid der Bauern: Neues Theaterstück „Land“ in München

München / Lesedauer: 3 min

Christoph Frick und Lothar Kittstein verquicken an den Münchner Kammerspielen Naturgewalt, Klimawandel und die Krise der Landwirtschaft zur bilderreichen Inszenierung „Land“.
Veröffentlicht:13.02.2024, 05:00

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Fast erwartet man, bei Christoph Fricks und Lothar Kittsteins „Land“ in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele auf eine Traktorenkolonne zu treffen. Der Zustand der Landwirtschaft, die Sorgen von Bäuerinnen und Bauern beherrschten in den letzten Wochen die Medien. Aber kein Fendt Farmer 105 weit und breit zu sehen. Dieser Bulldog wird in „Land - drei Zeitbilder aus Bayern“ hymnisch gerühmt und würde einem heute putzig vorkommen: schlappe drei Tonnen Gewicht, knapp vier Meter lang und keine zwei Meter breit. Heute fährt man Fendt 1000 Vario, 14 Tonnen schwer, gut sechs Meter lang und fast drei Meter breit. Ein Zeichen dafür, wie die Landwirtschaft sich partiell zur Industrie jenseits idyllischer Bauernhofvorstellungen entwickelt hat.

Idyllenbildung kann man Fricks dokumentarischem Theater nicht vorwerfen. Der Schweizer Theatermann geht dahin, wo es wehtut. 2021 brachte er mit „Who cares?“ im Werkraum eine profunde Stoffsammlung über den Pflegenotstand heraus. Mit „Palmasola“, das 2022 an den Kammerspielen gastierte, begab sich der Theatermacher direkt ins Herz der Finsternis: eine bolivianische Gefängnisstadt, in der Geld über Wohl und Wehe regiert.

Zufälliger Bezug zu den Bauernprotesten

Dass seine jüngste Theaterarbeit sich mit den Bauernprotesten überschneidet, ist allerdings Zufall. Klimawandel, die Abhängigkeit der Menschheit von der Natur und die Situation der Bauern beschäftigen Frick schon länger. Für „Land“ arbeitet er mit dem Autor und Historiker Lothar Kittstein zusammen. Der hat einen flirrenden Text geschrieben, der sich stark an den Sprachduktus des Volksstücks der 1920er- bis 1970er-Jahre anlehnt und in Teilen frappierend an Franz-Xaver Kroetz „Bauern sterben“ von 1985 erinnert. Kittstein verzahnt drei Zeitbilder ineinander. In der Gegenwart will Fritzi (Marie Bonnet) mit ihrem Start-up CRISPRs die Landwirtschaft revolutionieren und den Bauern der Welt zu fairen Bedingungen Saatgut zur Verfügung stellen, das gegen Kälte, Hitze, Nässe und Trockenheit resistent ist. Hier reagiert der Glaube an die Wissenschaft. „Es geht nicht ohne Industrie“, sagt Fritzi. „Aber ich zwinge sie zu tun, was richtig ist.“

Fritzi ist die Enkelin von Hermann, der 1973 den Hof seiner Frau durch Zukäufe so groß machen will, dass er wettbewerbsfähig bleibt. Verliebt in Gülleschieber und Mähdrescher dominiert der Glaube an den technischen Fortschritt. Doch Hermann wird von Schulden erdrückt, zündet den Hof an und erschießt sich. Die dritte Ebene ist 1816 angesiedelt, dem Jahr ohne Sommer. Die Vorfahren der Bauernfamilie sterben an Hunger. Ergeben erwarten die Kinder Hilfe von Gott.

Ein bisschen viel drumherum

Frick inszeniert diese Collage auf der weißen, von zwei Silos beherrschten Bühne von Jana Findeklee und Joki Tewes als Bauernballett, in der vom Sound einer Hammondorgel getragene Launigkeit in düstere Depression umschlägt. Die hellen Flecken, die an Sterntaler denken lassen, sind Schnee, der auf die Kinder von 1816 fällt, wenn sie wie Zombie-Babypuppen durch die Inszenierung geistern. Knallige Fröhlichkeit herrscht in den über die Wände fließenden Videos und den nostalgischen Werbefilmchen der 70er. Da tänzelt Martin Weigels baumstarker Bauer Hermann noch hoffnungsfroh der Zukunft entgegen. Bundespräsident Gustav Heinemann hält eine prophetische Weihnachtsansprache, deren Aktualität einen schaudern macht in ihrem Aufruf zu Umweltschutz und sparsamem Energieverbrauch. Erst wenn die letzte Sau alias das Universum (André Benndorf) geschlachtet ist, geht Hermanns Zukunftshoffnung unter.

Frick zeigt in dieser bildmächtigen, von starken Schauspielern in Mehrfachrollen getragenen Inszenierung hellsichtig Entwicklungslinien auf, die allerdings unter der Last des Drumherum aus allegorischen Zombiekindern und dem Universum-Conferencier ächzen. Fritzi entlässt am Ende eine kleine Hirsepflanze in die Freiheit der Natur. Ein Hoffnungsschimmer?


13., 14., 18., 20. Februar, 1., 5., 6. März, 19.30 Uhr (So 16 Uhr), Karten unter: