Selbstdarsteller in Lebensgefahr

 An der Bahnlinie Lindau-Memmingen starben 2011 zwei Mädchen, als sie Fotos für ihr Facebook-Profil auf den Gleisen machten.
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An der Bahnlinie Lindau-Memmingen starben 2011 zwei Mädchen, als sie Fotos für ihr Facebook-Profil auf den Gleisen machten.
Deutsche Presse-Agentur
Schwäbische.de

Wo bin ich, was mache ich, wie geht es mir? Klick, ein Foto von sich selbst („Selfie“), und alle wissen Bescheid.

Wo bin ich, was mache ich, wie geht es mir? Klick, ein Foto von sich selbst („Selfie“), und alle wissen Bescheid. Gerade für Mädchen ist die Inszenierung auf sozialen Netzwerken wichtig. Dabei riskieren manche ihr Leben.Die drei Mädchen wollten ein Selfie machen. Sie kletterten die Böschung an einer Eisenbahnbrücke in Bremen hoch und posierten auf den Gleisen. Das hätte sie beinahe getötet: Ein Lokführer konnte gerade noch bremsen, die Regionalbahn blieb wenige Meter vor den Teenagern stehen. Ein schnellerer Zug hätte sie wohl überrollt. Immer wieder wagen sich junge Leute für Fotos auf Schienen – es geht dabei um Fernweh, um ein Symbol für Unendlichkeit, um ein Zeichen treuer Freundschaft. Ein gefährlicher Trend, den die Bundespolizei deutschlandweit vor allem bei Mädchen beobachtet. In München wollten sich am Pfingstwochenende zwei Mädchen in einem Bahntunnel fotografieren, die Polizei erwischte die beiden aber kurz vorher. Stuttgarter Medien berichten von einem Zwischenfall in Metzingen, bei dem ein Lokführer eine Notbremsung einleitete, weil drei Jugendliche sich nahe der Gleise selbst aufnahmen. In Stuttgart-Vaihingen starb demnach ein Junge, der für ein Foto auf einen Güterwaggon kletterte und hinabstürzte.Bereits vor vier Jahren erfasste in Memmingen ein Zug eine 13- und eine 16-Jährige. Die Ermittler entdeckten später Fotos auf deren Handys und in Profilen in sozialen Netzwerken, die sie auf den Gleisen zeigten. Zwei Jahre später kamen zwei 14 und 15 Jahre alte Freundinnen im westfälischen Lünen bei einem ähnlichen Unfall ums Leben. Auch dort fand die Polizei solche Fotos. Mädchen, die Hand in Hand auf Bahngleisen balancieren und dazu ein Spruch, der ewige Freundschaft beschwört: Bilder wie diese tauchen nach Angaben des Sprachwissenschaftlers Martin Voigt seit einigen Jahren in den sozialen Netzwerken auf. Er hat in seiner Doktorarbeit an der Universität München den Einfluss von Facebook und anderen sozialen Netzwerken auf Mädchenfreundschaften untersucht. Gerade 12- bis 16-Jährigen sei es wichtig, wie sie im Internet rüberkommen, erläutert Voigt. „Sie wollen beliebt sein, hübsch aussehen, eine beste Freundin haben. Entsprechende Priorität hat die ,Öffentlichkeitsarbeit’ online.“ Mädchen sind mit der besten Freundin auf Facebook eng verbunden. Sie laden Selfies hoch, die sie eng umschlungen, Wange an Wange zeigen – und dokumentieren damit vor allem: Wir sind uns ganz nah. Ein beliebtes Motiv dafür sind Bahngleise, die laut Voigt eine romantische Symbolik haben: Sie laufen parallel wie ein Paar, das sich niemals trennt. Und signalisieren, dass man mit der besten Freundin sogar in den Tod gehen würde.Dass sie sich bei ihren Selfies in Gefahr begeben, ist den Mädchen oft gar nicht bewusst. Die Schnappschüsse mit dem Smartphone sind für viele Jugendliche eine Art Hobby. Sie fotografieren sich überall und ständig, um Freunde an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Diese antworten wiederum mit einem Selfie – und kopieren dabei auch die Motive der anderen. „Es ist eine Alltagspraxis“, sagt der Marburger Medienwissenschaftler Jens Ruchatz. „Man denkt gar nicht mehr darüber nach, ob es sinnvoll ist oder nicht, was man da gerade tut.“ Wie viele Vorfälle es wegen Selfies auf den Gleisen in den letzten Jahren gegeben hat, kann die Bundespolizei nicht sagen. Sie ist aber alarmiert: Seit diesem Jahr gehen Beamte gezielt in Schulen, um über die Gefahren der Fotoshootings aufzuklären.Diese bringt ein Flyer zu dem Thema auf den Punkt: Ein Zug mit Tempo 160 legt 100 Meter in 2,25 Sekunden zurück. „Selbst bei Windstille hört man ihn zu spät.“

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