„Kunst darf ruhig stinken“


Freundliches Wesen: Hans-Jürgen Kossack.
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Freundliches Wesen: Hans-Jürgen Kossack.
Schwäbische Zeitung

Fridingen - Am Ende ist Hans-Jürgen Kossack immer wieder ins Donautal zurückgekehrt. Der 1965 in Mühlheim geborene Bildhauer war oft unterwegs.

Fridingen - Am Ende ist Hans-Jürgen Kossack immer wieder ins Donautal zurückgekehrt. Der 1965 in Mühlheim geborene Bildhauer war oft unterwegs. Er reiste nach Beirut und arbeitete in Basel. Er hat in Fabriken gejobbt, Ausbildungen zum Schreiner und zum Steinbildhauer abgeschlossen und studierte in Hamburg und Karlsruhe. Seine Skulpturen: dunkel, organisch, morbide, pulsierend, verletzlich und verletzend, sind viel diskutiert und missverstanden. „Meine Arbeit wird häufig reduziert auf den Tod und das Schreckliche. „Gibt’s nichts Schöneres darzustellen, als Schädel und tote Viecher?, sagen die Leute. Es ist ja nicht so, dass ich nur Horror aufzeige. Es ist viel eher ein ganz großer Themenkomplex: Vergänglichkeit, Geburt, Leben, Tod. Die Frage nach dem Unerklärlichen. Da sind diese beiden großen Ereignisse: Die Geburt und der Tod. Und die Geschichte dazwischen. Dafür habe ich natürlich eine immense Faszination. Ich liebe aber auch die heile Welt, es liegt mir am Herzen, dass die Natur funktioniert. Alleine schon weil ich mich als Bergsteiger in der alpinen Welt wohlfühle. Aber Kunst darf ruhig ein bisschen reiben, stinken und provozieren.“Heute lebt und arbeitet Kossack in Fridingen. Er provoziert immer noch, aber nicht mehr so schonungslos wie früher. Er redet nicht besonders gern über sein Werk, weil „die Objekte ihre eigene Sprache besitzen“. Kossack will nichts manifestieren. Und doch offenbaren sich im Laufe des Gesprächs in seiner Wohnung und seinen Arbeitsräumen, mitten im eingefrorenen Arbeitsprozess, immer neue Erklärungsspuren.„Ich versuche Situationen, Geheimnisse und Rätsel darzustellen, die nicht immer erklärbar sind. Ich habe großes Interesse an der Geschichte, das ist so ein Steckenpferd. Aber auch die Archäologie oder die Biologie. Organisches, Anatomien und technische Formen, das prallt immer wieder aufeinander. Das Material muss nicht immer Stein sein, auch Holz, Papier, Leim, Sand, Blei und Pigment wird verarbeitet, das Ergebnis ist wichtig. Die Arbeit am Stein erfordert Disziplin und Ausdauer.“ Der manchmal ungeliebte Prozess ist dennoch zentral in Kossacks Werk – weil auch er Begriffe wie Endlichkeit und Schöpfung impliziert und aufwirbelt. „Manchmal ist das auch ein Blindflug. Ein kalkulierter Blindflug. Der Plan ist meistens im Kopf, ab und an gibt es eine Skizze, bei größeren Projekten stelle ich kleine Modelle. Aber immer mit der Offenheit oder dem Risiko, dass mich das Material lenkt, oder der Zufall. Das Scheitern muss einkalkuliert werden, das ist ein wichtiger Punkt.“Die Destruktion hat Kossacks Kunst geprägt. Einige seiner im öffentlichen Raum verankerten Werke würde er heute anders gestalten. Die vermeintliche Stagnation, mit der die Steinbildhauerei in der Gegenwartskunst zu kämpfen hat, macht ihn nachdenklich. Diese Unruhe treibt ihn an – auch wenn er nach eigener Aussage „nicht jeden Tag eine Revolution starten muss“. Zu groß ist seine geradlinige Liebe zur Bildhauerei, zur Materie. Das ist der alltägliche Kampf mit dem Korsett der Kunstszene und den eigenen Dämonen. „Wie kann ein Typ wie du, der doch eigentlich Humor und eine positive Ausstrahlung hat, sich immer mit solchen dunklen Themen auseinandersetzen? Dann sage ich immer: Genau deshalb. Denn natürlich ist auch ein Teil in mir drin, der ist melancholisch. Aber ich lass mich nicht total runter ziehen davon, das ist vielleicht eine Stärke. Aber wenn du einen gewissen Schmerz und das Gefühl des Verlustes nicht kennst, oder wenn dir die Dramatik der Weltgeschichte nicht bewusst ist, dann kann man diese Themen nicht richtig behandeln. Es gibt ja auch eine Ästhetik, eine Schönheit des Vergänglichen. Aber das ist eine Gratwanderung. Und es gibt Tage, da merke ich, heute geht’s nicht.“ Diese Ambivalenzen machen Kossacks Skulpturen so vital und spannend. Manchmal hat man das Gefühl, dass er mit bestimmten Sätzen einen komplizierten Komplex einfach auf den Punkt bringt, nur im nächsten Moment festzustellen, dass er bereits das nächste abstrakte Feld geöffnet hat. Beispiel gefällig? „Ich weiß ja selbst nicht, wie die Geschichte endet. Ab und an gibt es Einzellösungen, aber im Großen und Ganzen geht es eben immer weiter – oder es hört halt auf.“

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