Gelassene Portugiesen, ausgelassene deutsche Fans

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Im Portugiesenheim haben nur die deutschen Fans gejubelt.
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Im Portugiesenheim haben nur die deutschen Fans gejubelt.
Schwäbische Zeitung

Wangen - Zwei Standorte, ein Spiel, zwei Gefühlslagen: Sowohl im portugiesischen Vereinsheim als auch in der alten Sporthalle haben Wangener Fußballfans beim Public Viewing gemeinsam das WM-Duell...

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Wangen - Zwei Standorte, ein Spiel, zwei Gefühlslagen: Sowohl im portugiesischen Vereinsheim als auch in der alten Sporthalle haben Wangener Fußballfans beim Public Viewing gemeinsam das WM-Duell zwischen Deutschland und Portugal verfolgt. Nach dem 4:0-Sieg der Löw-Truppe war die Stimmung zweigeteilt.Vor dem Anpfiff: Noch eine halbe Stunde: Deutsche und Portugiesen trudeln im Portugiesenheim ein. Ein bisschen wird gefrotzelt, ein bisschen verbale Stärke demonstriert. „Einer muss ein bisschen traurig nach Hause gehen“, sagt Vorstandsmitglied Manuel Almeida. Der Erlös aus dem Public Viewing soll einem weiteren Patenkind, einer weiteren Operation zu Gute kommen soll. Wolfgang Ponto vom Wangener Projekt Big Shoe hat gleich zwei „große Schuhe“ dabei: den brasilianischen und den portugiesischen. Vor dem Spiel läuft der Big-Shoe-Kurzfilm mit Mesut Özil. Inzwischen ist auch Oberbürgermeister Michael Lang eingetroffen.Eine Viertelstunde vor Spielbeginn sind in der alten Sporthalle noch zahlreiche Plätze leer, erst unmittelbar vor dem Anpfiff wird es einigermaßen voll. Am Ende sind es rund 700 Fans, die das Duell gegen Portugal verfolgen. Viele davon stehen bei der Nationalhymne auf, einige halten dabei sogar die rechte Hand vor die Brust. Dann gehen die Blicke erwartungsvoll zu den beiden Großbildleinwänden. Es kann losgehen.Die Portugiesen jubeln, als ihre Spieler einlaufen. Unter die rund 200 Zuschauer haben sich – wie immer – rund 50 Deutsche gemischt. Für viele gibt es nur noch Stehplätze. Von ganz jung bis jung geblieben ist alles dabei. Zum ersten Mal laut wird es, als die portugiesische Hymne erklingt. Die Moderation ertönt ebenfalls in Portugiesisch. Für die deutschen Fans ist das kein Problem – schließlich ist Fußball die „Sprache“, die verbindet.Im Spiel: In der alten Sporthalle sind es die Farben Schwarz-Rot-Gold, die verbinden: ob als Flagge um den Körper, als Perücke, Hut, Schal, Rüschenkette oder als Tattoo auf der Backe. Die ersten Spielminuten sind geprägt von Skepsis, manche Fans kauen vor Aufregung an ihren Nägeln. Als Götze im portugiesischen Strafraum festgehalten wird und der Schiedsrichter auf den Punkt zeigt, geht ein Aufschrei der Erleichterung durch die Halle.Als „Muhler“, die Nummer 13 des deutschen Teams, den Elfmeter verwandelt, jubelt im Portugiesenheim nur die Minderheit. Dennis Fernandes bleibt neben seinen deutschen Freunden auch nach dem 2:0 noch ruhig. Lediglich der Schal um sein Handgelenk wird immer stärker festgehalten. „Die war selbstverschuldet“, wird der 20-Jährige wenig später zur Roten Karte von Pepe sagen. Überhaupt meint Fernandes nach einem weiteren Tor und zur Halbzeit: „So schlecht habe ich Portugal noch nie spielen sehen.“ Und: „Die deutsche Führung ist verdient.“ Daran besteht auch in der mit Portugal und Deutschland-Flaggen geschmückten Sporthalle kein Zweifel. Ganz sicher scheint sich die Fan-Gemeinde aber nicht zu fühlen. Auch als eine La Ola im Stadion auf der Leinwand zu sehen ist, bleibt es in der Halle ruhig. Erst die beiden Tore und das Rot für Pepe reißen die Wangener von den Sitzen. Endlich Stadion-Atmosphäre!Die Atmosphäre schätzen auch Florian Hirschauer und Timo Maier. Beide haben das Portugiesenheim dem Public Viewing in der Sporthalle vorgezogen. „Ich kenne kein angenehmeres, freundlicheres Volk als die Portugiesen“, antwortet Maier auf die Frage, warum er denn gerade hier Fußball schaue. „Wir sind hier voll und ganz zufrieden“, meint Hirschauer. Mit der „Zufriedenheit“ ist es bei den Portugiesen verständlicherweise nach der 78. Minute und dem 4:0 nicht mehr ganz so weit her. Enttäuschte Mienen.Zufriedene Mienen dagegen in der alten Sporthalle. Ansonsten ist es wohl eine der ruhigsten Halbzeiten der Wangener Public-Viewing-Geschichte. Sportlich ist mit dem 3:0 die Sache schließlich gelaufen. Laut wird es nur, wenn zwischendurch das weinerlich ausschauende Gesicht Ronaldos oder ein deutscher Fan im gelben Dortmunder Trikot eingeblendet wird. Kommandant Dieter Mendel, dessen Feuerwehr an dem Abend bewirtet, hat auf einen 3:1-Sieg der Deutschen getippt. „Alles noch drin“, sagt Mendel. Dann fällt das 4:0 und sorgt für den letzten kollektiven Jubel im Publikum.Nach dem Schlusspfiff: Die „Deutschland-Gang“ im Vereinsheim bejubelt den hohen Sieg, die Portugiesen nehmen ihn achselzuckend hin. Wie hatte Mario Ferreira schon zuvor mit südländischer Lässigkeit behauptet? „Wenn wir dieses Spiel hier verlieren, gewinnen wir halt die beiden anderen.“ Zu diesem Zeitpunkt ist die Feuerwehr in der Sporthalle schon mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Die Halle hat sich zügig geleert, die Fans wollen bei herrlichem Wetter lieber draußen feiern. Die ganz große Stimmung kommt aber auch dort nicht auf. Beim Milchpilz am Festplatz wird kurz nach Spielende noch recht verhalten gefeiert. Ein paar Autos machen sich auf zum Korso und fahren unter einer großen schwarz-rot-goldenen Flagge durch. Eine Polizei-Streife passt auf, dass alles im Rahmen bleibt. Derweil wird im Portugiesenheim Kassensturz gemacht: 114,50 Euro sind zusammen gekommen – ein guter Grundstock für das nächste Patenkind der Big-Shoe-Aktion, und damit für eine weitere, 250 Euro teure Operation. Wenn schon Portugal verloren hat, dann soll wenigstens ein hilfsbedürftiges Kind gewinnen.

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