Zuwanderung: In Sachen Integration muss eine Menge mehr passieren

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Schwäbische Zeitung

Von unserer Redakteurin Ruth Auchter

Weder Aussiedler noch Asylanten strömen noch in Massen nach Deutschland – seit rund 15 Jahren geht die Zuwanderung zurück. Weil aber auch die Erwerbsbevölkerung schrumpft, sind Arbeitskräfte aus dem Ausland gefragt – obschon prosperierende Bundesländer wie Baden-Württemberg kontinuierlich „Verstärkung“ aus den neuen Bundesländern bekommen. Da allerdings auch in Osteuropa die Geburtenraten runtergehen, ist damit zu rechnen, dass künftig eher Menschen aus Schwarzafrika oder Asien den Weg nach Deutschland finden – Menschen, „deren Kultur uns noch fremder ist“ als beispielsweise die türkische, wie Vaeth sagt.

Und dabei hapert es bereits mit der Integration der türkischen Mitbürger (die in Friedrichshafen die größte Migrantengruppe unter den 115 Nationalitäten stellen) gewaltig: Viele türkische Mütter sprechen auch nach Jahren und Jahrzehnten am Bodensee kein Deutsch, ihre Kinder gehen häufig ohne Abschluss von der Schule ab, finden keine Lehrstelle und sind hinterher arbeitslos. Dabei steht laut Vaeth außer Frage, dass „Friedrichshafen es sich nicht leisten kann, auf die Begabungs- und Leistungspotenziale junger Migranten zu verzichten, wenn es seinen hohen Wirtschafts- und Lebensstandard erhalten will“. Das Gebot der Stunde heißt daher: Migranten so früh wie möglich die deutsche Sprache und ihnen darauf aufbauend ein entsprechendes Bildungsniveau zu vermitteln.

Das „Rucksack“-Projekt ist ein Schritt in die richtige Richtung: Unter den Fittichen der Caritas spielen dabei seit 2007 so genannte Stadtteilmütter eine erfolgreiche Rolle als Brückenbauerinnen zu türkischen Müttern, die bisher ihre Kleinen lediglich im Kindergarten abgegeben haben. Folge: Türkische Mütter werden sich laut Alexandra Schmucker, die das Projekt betreut, ihrer Vorbildfunktion für den Nachwuchs bewusst, sind eher bereit, einen Sprachkurs zu belegen, helfen den Sprösslingen bei den Hausaufgaben, kommen zu Elternabenden in den Kindergarten und bringen sich bei Festen ein.

Voraussetzung dafür, dass türkische Mütter sich zunächst „im geschützten Rahmen öffnen können“, ist, dass ihre Sprache und Kultur geschätzt und integriert wird – gesungen wird etwa in Deutsch und Türkisch. Für die Zukunft setzt Schmucker darauf, an Kitas und Schulen ähnliche Projekte zu installieren und schließlich jugendliche Migranten auch bei auf ihrem Weg in die Ausbildung zu begleiten – auf dass die momentan vielerorts anzutreffende Parallelgesellschaft sanft aufgeweicht werde.

OB will Häfler Identität schaffen

Doch auch ältere Migranten, die in Deutschland ihren Lebensabend verbringen und nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, rücken bis 2020 stärker in den Fokus. Schmucker, die grade eine Fortbildung zur interkulturellen Moderatorin macht, weiß: Das Pflegepersonal in Heimen wird nicht umhin kommen, sich auf andere Ernährungs- oder Hygienevorstellungen türkischer Senioren einzustellen. Zudem haben Muslime eigene Bestattungsriten.

Daher plädiert OB Josef Büchelmeier etwa dafür, den mit Stadträten besetzten Integrationsausschuss mit Experten anzureichern. Für ihn steht außer der Integration ausländischer Migranten an, die „emotionalen Barrieren“ innerdeutscher Zuzügler zu überwinden und nicht zuletzt übers Stadtjubiläum 2011 „eine Häfler Identität“ zu befördern. Auch den Schulterschluss der Generationen hält er für eine Zukunftsaufgabe. Für 2020 hegt er die Vision einer Ersatzwährung namens Buchhorn-Taler, mit der Ehrenamtliche Dienstleistungen erstehen können.

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