Zulauf für Anonyme Insolvenzler - Leben mit der Pleite

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Deutsche Presse-Agentur

Günter Hermann war es gewohnt zu steuern, den Ton anzugeben, zu entscheiden. Der Vorstandschef lebte in einem ansehnlichen Haus, pflegte kostspielige Hobbys wie Segeln und Golfen, galt als Erfolgsmensch. Doch das ist vorbei.

Heute ist der Mittfünfziger hoch verschuldet, hat Insolvenz angemeldet, alle Vereins-Mitgliedschaften gekündigt und findet nicht einmal eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Sobald ein Hausbesitzer beim Besichtigungstermin nach einem Schufa-Eintrag fragt und seine Verschuldung damit offenkundig wird, ist die Wohnung futsch, erzählt Hermann geknickt. Seine Zuhörer wissen genau, wovon er redet. Viele haben finanziellen Absturz, emotionalen Druck und Isolation hinter sich oder stecken noch mitten drin, wie sie im Kölner Gesprächskreis „Anonyme Insolvenzler“ schildern.

„Wir haben ein deutlich wachsendes Interesse, und der Zulauf wird in den kommenden Monaten sicher noch richtig steigen“, glaubt Gründer Attila von Unruh angesichts der Wirtschaftskrise. „Unsere Teilnehmer kommen aus allen Bereichen“, sagt er. „Da ist der ehrbare Kaufmann, der massiv leidet, weil er seine Mitarbeiter nicht mehr bezahlen kann, die Alleinerziehende, die mit ihrer Ich-AG gescheitert ist oder auch die Frau, die nach Zwangsversteigerung des Hauses ihre Ehe den Bach runter gehen sieht.“ Seit gut einem Jahr treffen sich die „Anonymen Insolvenzler“ einmal im Monat in Köln. Zusätzlich gibt es Themenabende zum komplizierten Insolvenzrecht, bei dem etwa Rechtsexperten oder Insolvenzverwalter informieren.

Doch das Angebot reicht nicht mehr aus, der Bedarf wächst in Zeiten täglicher Hiobsbotschaften über Stellenstreichungen, Firmenpleiten, Kurzarbeit oder düsteren Konjunkturprognosen. Ein anonymer Gesprächskreis ging gerade für Insolvenzler in Hamburg neu an den Start. In vielen Städten wie Berlin, München, Frankfurt oder Kassel sind ähnliche Initiativen im Aufbau. „Wir gründen auch gerade einen gemeinnützigen Verein, um die wachsenden Jobs auf mehrere Schultern zu verteilen. Wir haben ein große Zahl von Mitstreitern in ganz Deutschland“, sagt Ex-Firmenlenker von Unruh, der noch vor kurzem selbst vor dem Ruin stand. Seine eigene Insolvenz habe er als „traumatisch und lebensbedrohend“ empfunden.

Anonymität und Vertraulichkeit werden groß geschrieben, um die Hemmschwelle zu minimieren. „„Es ist besonders schwer, um Hilfe zu fragen, wenn man früher das Leiten und Lenken gewohnt war. Man fühlt sich gelähmt und ausgeliefert“, weiß von Unruh. In Kleingruppen gehen die Männer und Frauen allen Alters Themen an, die auf den Nägeln brennen, „in einem sehr wertschätzendem Rahmen“, wie der Gründer betont. „Es geht um konkrete Fragen zur Verbraucherinsolvenz, um den Umgang mit der kriselnden Beziehung oder darum, einfach mal über sein emotionales Tief reden zu können.“

Nach Zahlen von Creditreform werden die Firmeninsolvenzen 2009 auf 33 000 bis 35 000 Fälle steigen, im vergangenen Jahr hatten 29 800 Unternehmenspleiten die Gerichte beschäftigt. Bei den privaten Insolvenzen prognostiziert die Creditreform Wirtschaftsforschung einen Zuwachs von knapp 100 000 (2008) auf bis zu 145 000 Fälle in diesem Jahr. 2008 waren bundesweit 6,9 Millionen Menschen über 18 Jahren überschuldet oder hatten nachhaltige Zahlungsstörungen.

„Eine Krise in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt macht sich immer erst mit einiger Verzögerung bei uns bemerkbar“, sagt Jörg Messing von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. „Schon eine andauernde Kurzarbeit kann zu Zahlungsengpässen und Verschuldung führen, wenn die Haushalte knapp kalkuliert oder Kredite laufen haben.“ Arbeitslosigkeit und geringes Einkommen seien die häufigsten Ursache für Schulden und Privatinsolvenz.

Von Unruh, der nun als Unternehmensberater tätig ist, wird erst 2011 von seinen Restschulden befreit sein, bis dahin muss er sich alle Projekte von seinem Insolvenzverwalter genehmigen lassen. Eine solche zweite Chance zu erhalten, sei aber sehr schwierig. „Wenn Sie einmal gescheitert sind, sind Sie weg vom Fenster, dann ist es kaum noch möglich, überhaupt an neue Gelder zu kommen.“ Scheitern sei in Deutschland ein Tabuthema. „Dieses Denken ist hierzulande im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien oder den USA sehr ausgeprägt. Wenn man pleitegeht, hat man Schuld auf sich geladen, obwohl man oft gar nicht selbst verantwortlich ist.“

Infos für Betroffene: www.anonyme-insolvenzler.de

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