Ziel: Ein Netz, ein Ticket, ein Fahrplan

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Schnellboote wünscht man sich neben den Motorfähren im Halbstundentakt auch zwischen Romanshorn und Friedrichshafen.
Schnellboote wünscht man sich neben den Motorfähren im Halbstundentakt auch zwischen Romanshorn und Friedrichshafen. (Foto: : Siegfried Großkopf)
Siegfried Großkopf

Es gab Zeiten, da musste an der Lipbach der schwäbische Lokführer Richtung Westen aussteigen und den badischen Kollegen ins Führerhaus lassen. Heute unvorstellbar? Es gibt Ähnliches: Ausgeschlossen ist noch im Jahr 2019, dass ein deutscher Zug mit einem österreichischen Lokführer auf Schweizer Gebiet fährt. Im Autobau Event-Museum in Romanshorn referierten und diskutierten am Samstag Regierungs- und Kommissions-Vertreter aus der Schweiz, Österreich und Deutschland über Mobilität und öffentlichen Verkehr im Jahr 2030 in der Bodenseeregion. Ein Fazit: Im grenzüberschreitenden Verkehr ist noch viel zu verbessern.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum Jubiläum „150 Jahre Seelinie und Trajekt“ zogen die Verkehrsexperten eine ernüchternde Zwischenbilanz. Zwar sprach die Regierungsrätin des Kantons Thurgau und Vorsitzende der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK), Carmen Haag, von einer „hochvernetzten Region“ mit 4,05 Millionen Einwohnern, gesteht aber auch noch viel Luft nach oben. Ihre Forderung: Bessere grenzüberschreitende Kooperationen. Ein Aufgabenfeld: Die Vernetzung der Bodensee-Hochschulen.

Der Schwerpunkt des Symposiums galt dem Schienenverkehr. Lob gab es für die im Bau befindliche Südbahn und die Strecke Lindau – München. Womit sich das Positive fast erschöpft hat. Rückschritt: Vier Stunden und 44 Minuten ist man aktuell mit dem Zug von München nach Zürich unterwegs. Das ging vor vier Jahren schon schneller, nämlich in vier Stunden und zwölf Minuten. Kritik wurde an eingleisigen (Bodenseegürtelbahn), weiterhin dieselbetriebenen Strecken geübt und daran, dass in Deutschland 40 Prozent der Schienenverkehre nicht elektrifiziert sind. Die Schweiz ist auf der Schiene bereits zu 98 Prozent elektrifiziert und rechnet Ende 2020 damit, Zürich aus München in dreieinhalb Stunden im Zweistundentakt erreichen zu können. Ziel ist ebenso eine durchgehende Elektrifizierung von Basel bis Lindau und Oberstdorf, ein Stundentakt von Zürich über Lindau, München und Salzburg nach Wien und wünschenswert ein solcher von Stuttgart über Ulm, Friedrichshafen und Bregenz nach Bludenz. Was es braucht? Einen „Kümmerer“, der sich in den fernen Hauptstädten Bern, Berlin und Wien für die Verkehre in den Grenzregionen stark macht.

Es fehlt an Abstimmung

Moderator Hanspeter Trütsch, ehemaliger Bundeshausredaktor des SRF, vermutet, dass Vorarlberg in Wien, der Thurgau in Bern und der Raum Friedrichshafen in Berlin nicht so berücksichtigt werden, wie es der Großraum Bodensee aufgrund seiner Wirtschaftsstärke verdient hätte. Nach seiner Beobachtung fehlt es an fehlender Abstimmung bei zu langen Planungen. Zu den grenzenlosen Visionen zählen ein Netz, ein Ticket und ein Fahrplan, eine Schnellbootfähre zwischen Romanshorn und Friedrichshafen und ein Halbstundentakt der Motorfähren.

Thomas Ahlburg vom Zughersteller Group Stadler Rail in Bern berichtete von der Zillertalbahn, die heute mit emissionsfreien Wasserstoff-Akku-Hybridfahrzeugen unterwegs ist und mit ihnen ihre Dieselflotte ersetzt hat. Auch in Niedersachsen zwischen Buxtehude und Cuxhaven ist ein Wasserstoff-Zug unterwegs, der ohne Stromoberleitungen und ohne Dieselantrieb fährt. Auf dem Dach des Zuges sind Brennstoffzellen angebracht, die Energie für seinen Antrieb erzeugen. Aus seinem Auspuff kommt nur Wasserdampf.

Intelligente Ticketlösungen waren in Romanshorn außerdem Thema, multimediales Reisen über Verbundgrenzen. Vorschlag von Gian-Mattis Schucan von der Firma Fairtiq aus Bern: Beim Ziehen eines Tickets auf „Start“ drücken und am Ende, wenn alle verketteten grenzüberschreitenden Verkehre genutzt sind, bezahlen. Die Firma ist mit diesem durchgängigen Angebot europaweit erfolgreich unterwegs, weil es die Herausforderungen des grenzüberschreitenden Verkehrs löst, sagt Schucan.

Die Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) hat ihre Arbeit zur „Digitalisierungsoffensive Bodensee“ und zur „Charta E-Mobilität Bodensee“ begonnen, berichtete Beate Schuler, Vorsitzende der IBK-Kommission Verkehr. Als „Klammer“ für das Projekt Elektromobilität soll eine Charta dienen, die Visionen enthält, wie sich die IBK den künftigen Beitrag der E-Mobilität für ein nachhaltiges Verkehrs- und Energiesystem in der Bodenseeregion vorstellt. Die Charta soll im Laufe dieses Jahres von den Regierungschefs beschlossen werden. Die Präsentation erfolgt am 24. Oktober beim E-Mobilitätsforum des Bodenseekreises in Langenargen. Optimistisch ist Schuler, bis 2030 die Elektrifizierung wesentlich vorangebracht zu haben.

Kritisiert wurde, dass unterschiedliche Tarifverbünde unterschiedliche Ticketpreise nehmen. Das können innerhalb der Schweiz Unterschiede von 50 Prozent sein. Einig war man sich, dass der Fahrgast den günstigsten Tarif bekommen muss und darin, die Tarifsysteme harmonisieren zu müssen. Soll es eine S-Bahn rund um den Bodensee geben? Die Nachfrage scheint offen, ausgebaut werden solle sie dort werden, wo Bedarf besteht.

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