Wo „schnelles Internet“ nur ein Marketingspruch ist

Lesedauer: 12 Min

Wird sie es noch erleben? „Nein, wohl nicht mehr“, befürchtet Georgia Mühleis. Die zierliche Mittfünfzigerin meint damit die Möglichkeit, dass schnelles Internet auch ihren Weiler erreicht. Prinzipiell geht es bei diesem Thema um die „Zukunft Deutschlands“, wie es von der Bundesregierung staatstragend heißt.

Ohne schnelles Internet drohe der wirtschaftliche Rückschlag. Folgerichtig lautet das hehre Bestreben der Bundesregierung: Alle Bürger und Unternehmen sollten selbst riesige Datenmengen von ihren Computern aus blitzschnell verschicken, empfangen und speichern können. „Eine schöne Vorstellung“, kommentiert Mühleis ungerührt. „Aber vielleicht nicht ganz realistisch.“

Bessere Übertragungsraten beruflich erforderlich 

Beruflich könnte sie bessere Übertragungsraten gut brauchen. Die Frau hat einen Heimarbeitsplatz und vereinbart Termine für eine Tierarztpraxis. Mit dem schnellen Internet gibt es jedoch ein zentrales Problem: Ihr Zuhause liegt in einer kleinen Gehöfteansammlung namens Allewinden, einige Kilometer nördlich der Stadt Wangen. Die hügelige, von Wald durchzogene Gegend gehört zum württembergischen Allgäu. Vielfach verstreut liegende Mini-Siedlungen prägen diesen sehr ländlichen Raum. Mühleis fragt: „Wie sollen wir hier draußen in absehbarer Zeit trotz aller politischer Versprechen ein schnelles Internet bekommen?“ Für Privatunternehmen lohne sich das Verlegen der Leitungen wirtschaftlich nicht, glaubt sie.

In der fernen Hauptstadt Stuttgart herrscht hingegen Optimismus. „Das schnelle Internet ist der Schlüssel zur digitalen Welt“, tönt Thomas Strobl. Der CDU-Landeschef ist als Innenminister auch für die Digitalisierung zuständig. Erst jüngst hat er erklärt, die grün-schwarze Landesregierung habe alleine im vergangenen Jahr rund 134 Millionen Euro in den Ausbau des schnellen Internets investiert. Von Mitte 2016 bis Mitte 2017 seien weitere 250 000 Haushalte entsprechend angeschlossen worden, sagt Strobl stolz.

Euphorie in München 

Fast schon euphorische Töne schallen aus dem bayerischen Regierungszentrum München. Finanzstaatssekretär Albert Füracker von der CSU berichtet: „Der Freistaat Bayern verfügt über ein deutschlandweit einmaliges Förderprogramm und stellt 1,5 Milliarden Euro für schnelles Internet bereit.“ Das klingt vielversprechend, ist aber kompliziert. Die Frage lautet nämlich, wann schnelles Internet wirklich schnell ist. Hier gerät man rasch ins Nebulöse.

Die Wortkombination schnelles Internet ist eine bloße Erfindung politischer Marketing-Fachleute. Sie steht für das Schaffen von Breitband-Internetzugängen mit einer verhältnismäßig hohen Datenübertragungsrate. Begriffe wie Breitband-ausbau lassen jedoch das Gros der Bevölkerung eher ratlos zurück. Schnelles Internet klingt griffiger. Um es wirklich zukunftsträchtig auszubauen, sind Glasfaserleitungen nötig. Leider kostet das Verlegen viel Geld. Bis zu 70 000 Euro pro Kilometer, rechnen Telekommunikationsunternehmen.

Dümpeln im Datennetz

Aber nur durch Glasfaserkabel sind Übertragungsmöglichkeiten im Gigabit-Bereich möglich. Wobei ein Gigabit das Übertragen von einer Milliarde Informationsgehalten pro Sekunde bedeutet. Zum Vergleich: Ein von jeglichem Ausbau übergangener Bürger ringt bisher oft mit den alten Übertragungsmöglichkeiten im ganz unteren Megabit-Bereich. Mit etwas Glück sind es vielleicht ein Dutzend Megabit. Dies wären gerade mal zwölf Millionen Informationsgehalte pro Sekunde. Unglücklicherweise hinkt Deutschland bei den Glasfaseranschlüssen international extrem hinterher. Laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vom Juni 2017 sind nur 2,1 Prozent versorgt. Japan freut sich über 76,2 Prozent.


Abgehängt im Hinterland: Georgia Mühleis kann in ihrem Weiler Allewinden hinter Wangen im Allgäu von einer guten Datenleitung n
Abgehängt im Hinterland: Georgia Mühleis kann in ihrem Weiler Allewinden hinter Wangen im Allgäu von einer guten Datenleitung nur träumen. (Foto: Uwe Jauß)

Es gibt aber einen Trick, um Bürger rascher am schnellen Internet teilhaben zu lassen – wenn auch mit Einschränkung. Die Bayern beschreiten seit Jahren den Weg des Vectoring. Sie verlegen Glasfaserleitungen bis zu den Verteilerkästen. Von dort aus führt die Verbindung über die alten Telefon-Kupferkabel ins Haus. Der Anspruch in diesem Zusammenhang: eine Beschleunigung der Übertragung auf möglichst 50 Megabits pro Sekunde.

Und dann gibt es noch einen Pferdefuß: An den Kupferleitungen hängen meist mehrere Bürger. Der erste vom Verteilerkasten aus gerechnet, kann sich noch erfreuen. Ist er am Netz, wird aber die Verbindung der weiter entfernt wohnenden Nutzer spürbar langsamer. Bayerns Staatsregierung feiert sich trotzdem: „Der Ausbau von schnellem Internet läuft in Bayern auf Hochtouren. Wir sind in Deutschland führend“, sagt Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Markus Ganserer, Abgeordneter der Grünen im bayerischen Landtag, spottet über „den schnellen Ausbau des langsamen Internets“.

Für Urlauber ist schnelles Internet selbstverständlich 

Mancher wäre froh, wenn sich überhaupt etwas tun würde. Dazu gehört Wolfgang Kutter. In der Nähe der bayerischen Bodenseestadt Lindau ist er Betriebsleiter des Gitzenweiler Hofs, einem der bekanntesten Campingplätze im Bodenseeraum. „Gäste sehen modernste Internetverbindungen inzwischen als selbstverständlich an“, sagt er. Ihr Fehlen sei ein Wettbewerbsnachteil. Wann es für den Gitzenweiler Hof einen Schritt nach vorne gibt, ist unklar. Es wird aber wohl auch nur um das Aufwerten der kupfernen Altleitungen gehen. Auf diesen Weg setzt auch die Deutsche Telekom. Bis jeder eine Glasfaserverbindung bis zu seinem Computer habe, dauere es einfach zu lange und verursache hohe Kosten. Telekom-Sprecher Markus Jodl sagt: „Wir bauen schnelles Internet für Millionen statt Topspeed für wenige.“

Digitalisierungsexperten gehen davon aus, dass bereits im Jahr 2025 drei Viertel der Bevölkerung einen Bedarf von 500 oder mehr Megabits haben wird. Weshalb Peter Stöferle von der Industrie- und Handelskammer Schwaben mit Sitz in Augsburg meint: „Das in Bayern ausgegebene Ziel von 50 Megabits kann natürlich nur ein Zwischenschritt auf dem Weg in die Gigabit-Technologie sein.“ Im Moment existiert im Freistaat lediglich ein Glasfaser-Förderprogramm: der „Höfebonus“, für den bayernweit 400 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Er betrifft abgelegene Landeswinkel, die auf diese Art anders als viele Kommunen modernste Kommunikationsmöglichkeiten erhalten sollen.

"Höfebonus" gibt es im Land nicht 

Baden-Württemberg kennt einen solchen „Höfebonus“ nicht. Das Land verficht eine andere Strategie als der bayerische Nachbar. „Unser Ziel ist klar: Gigabit fürs ganze Land“, betont Digitalisierungsminister Strobl. Das bedeutet eine Konzentration auf Glasfaserverbindungen bis zum Kunden. Natürlich gibt es in Baden-Württemberg auch den Mix mit Kupferleitungen. Wenn es aber irgendwie geht, will Strobl diesen Umweg vermeiden.

Das Problem dabei zeigt eine vom Strobl-Ministerium in Auftrag gegebene Studie des TÜV Rheinland. Demnach haben gegenwärtig in Baden-Württemberg 2,3 Millionen Anschlüsse weder eine Glasfaser- noch eine Glasfaser-Kupferleitungsverbindung. Bliebe es bei einer durchschnittlichen Landesförderung von rund 100 Millionen Euro pro Jahr, „würde das Ziel einer flächendeckenden Breitbandversorgung erst 2039 erreicht“, hat der TÜV berechnet. Die Gesamtinvestitionssumme wird auf sechs Milliarden Euro geschätzt.

So wie Georgia Mühleis geht es vielen - sie warten schon lange auf schnelles Internet. (Foto: Uwe Jauß)

Den Löwenanteil müssten kommerzielle Unternehmen wie Telekom oder Vodafone tragen. Sie rechnen knallhart, auf welcher Strecke am meisten herausspringt. Die heimische Wirtschaft reagiert teils frustriert. „Uns erreichen regelmäßig Mitteilungen von Unternehmen, wonach deren Versorgungssituation vollkommen unzureichend ist“, teilt Peter Jany, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben mit. „Dass auf politischer Ebene über Zeithorizonte bis zum Jahr 2030 und darüber hinaus debattiert wird, ist unakzeptabel und geht an den realen Bedürfnissen vorbei.“

Satelliten nur bedingt tauglich

Manch abgehängte Betriebe haben längst eine eigene Leitung verlegen lassen. Eine Lösung, die Privatpersonen überfordert. „Nicht mal im Traum wäre dies möglich“, meint Georgia Mühleis an ihrem Heimarbeitsplatz im Weiler Allewinden. Bis zu ihr müssten fünf Kilometer Glasfaserkabel verlegt werden. Dabei kann sie sich in ihrer Abgeschiedenheit noch glücklich schätzen: „Ich habe zumindest eine Internetverbindung über Kupferkabel. Mein Nachbar hat überhaupt nichts. Wie will sein Kind später als Schüler mal lernen, wenn alles übers Internet geht?“

Einen Ausweg gäbe es für den Nachbarn noch: jenen direkt via Satellit. An Glasfaserlösungen reicht dieser aber nicht heran. Er ist für den Kunden teurer, die Qualität der Verbindungen kann schwanken, Übertragungsverzögerungen sind möglich. Und wer im Funkloch sitzt, tut sich mit der Satellitenverbindung sowieso schwer.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen