Wintertrainings - Mehr Spaß als Sicherheitsgewinn?

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Deutsche Presse-Agentur

Kein Geräusch verrät, dass der Autofahrer gerade die Kontrolle über den BMW verloren hat. Lautlos, ohne quietschende Reifen, dreht der Wagen schnelle Pirouetten, bis er in einer Schneewand einschlägt.

Doch statt sich zu ärgern, schüttelt der Bruchpilot kurz den Kopf, lässt den Motor wieder an und nimmt einen neuen Anlauf für die Fahrt über den Handling-Parcours. Aus dem Funkgerät sagt eine Stimme gelassen: „Macht nichts, ganz ruhig bleiben. Das probieren wir jetzt noch mal.“

Der Unfall gehört schließlich zum Programm. Denn der Wagen ist nicht auf öffentlichen Straßen unterwegs, sondern auf einem abgesperrten Übungsgelände auf einem zugefrorenen Waldsee in Arjeplog (Schweden). Und am Steuer sitzt kein unvernünftiger Heißsporn, sondern jemand, der etwas lernen möchte und dafür tief in die Tasche gegriffen hat. Der Eistänzer ist Teilnehmer eines Wintertrainings, mit dem die Autohersteller ihre Kunden jede Saison in den Alpen oder entlang des Polarkreises auf das Fahren bei Eis und Schnee vorbereiten wollen.

„Es ist immer wieder das gleiche“, sagt Instruktorin Claudia Hürtgen. „Sobald die ersten Schneeflocken fallen, werden viele Autofahrer nervös. Und wenn es tatsächlich einmal glatt wird, reagieren sie panisch, machen Fahrfehler - und landen im Graben.“ Um das zu vermeiden, führen sie und ihre Kollegen die Teilnehmer immer wieder aufs Glatteis, lassen sie mit Tempo enge Kreisbahnen fahren oder durch Slalomgassen wedeln. „Es geht darum, ein Gefühl für das Verhalten des Autos zu bekommen und darauf richtig zu reagieren“, erläutert Hürtgen. „Solche Übungen nehmen den Fahrern die Angst. Sie trainieren die Reflexe und schaffen eine gewisse Routine. Das gibt einem in brenzligen Situationen die nötige Sicherheit.“

Entsprechende Kurse bieten mittlerweile fast alle deutschen und viele internationale Hersteller an. Die Veranstaltungen führen Teilnehmer unter anderem nach Oberbayern, Österreich, Schweden, Finnland oder Norwegen. Zwar gibt es Tagestrainings in den Alpen schon für ein paar Hundert Euro. Die Polar-Kurse sind mit Preisen bis knapp 5000 Euro ohne Anreise jedoch oft teurer als ein Skiurlaub oder eine Winterkreuzfahrt. Immerhin sind dann im Programm oft Touren mit dem Hundeschlitten, Ski-Ausflüge oder Skibob-Fahrten inbegriffen.

„Natürlich sind diese Trainings auch eine Marketingveranstaltung“, sagt Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics im hessischen Limburg. Die Hersteller könnten sich dort besonders sportlich geben, ihr Image polieren und Kunden fester an ihre Marken binden. Zwar müssten Teilnehmer dafür tief in die Tasche greifen, „aber dafür gibt es ja auch viel Spaß, Erfahrung und ein paar neue Handschuhe, Strickmützen oder Winterjacken, mit denen man im nächsten Winterurlaub beim Apres-Ski protzen kann“, sagt Margetts.

Ob die Trainings tatsächlich etwas für die Fahrsicherheit im Straßenverkehr bewirken, stellen unabhängige Experten allerdings infrage. „Solche Trainings sprechen ausschließlich sportliche Autofahrer an, für die der Spaßeffekt im Vordergrund steht“, sagt Siegfried Brockmann, der die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in Berlin leitet. Ein möglicher Sicherheitsgewinn werde dadurch kompensiert, dass die Fahrer im Alltag näher an die physikalischen Grenzen heranfahren. „Aus dem Sicherheitsaspekt heraus halten wir daher nichts von solchen Angeboten.“ Auch wissenschaftlich sei die Wirksamkeit der Trainings nicht belegt, sagt Brockmann. Deshalb können Teilnehmer auch nicht mit einem generellen Rabatt bei der Versicherung rechnen.

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