Winnender Eltern nehmen Abschied von toten Kindern

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Angehörige haben am Donnerstagabend Abschied von den beim Amoklauf in Winnenden getöteten Kindern und ihren Lehrerinnen genommen. Die Leichen wurden in offenen Särgen in einem Krankenhaus aufgebahrt.

Zugang bekämen aber nur unmittelbar betroffene Eltern und Verwandte, sagte Wolfgang Schiele vom Regierungspräsidium Stuttgart. Jeder Familie stehe ein Team aus zwei Psychologen zur Seite. Das Land will an diesem Freitag von 11.00 Uhr an im Rathaus von Winnenden Kondolenzbücher für die Bevölkerung auslegen. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) werde sich als einer der ersten eintragen, teilte das Staatsministerium mit.

Kultusminister Helmut Rau (CDU) versprach der Albertville-Realschule 50 Prozent mehr Lehrer. Dies entspreche 13 Stellen. Das Land sehe sich zudem in der Pflicht, Kosten für die Sanierung der Schule zu übernehmen. Auch werde es flexible Regelungen für die Schüler geben, die in diesem Jahr ihren Abschluss ablegen. Das gelte auch für die Schüler des benachbarten Gymnasiums und die Referendare an der Realschule.

Rau lobte, dass sich Schüler des in Erfurt 2002 von einem Amoklauf betroffenen Gymnasiums angeboten hätten, den Schülern in Winnenden beizustehen. „Dass die Jugendlichen von sich aus eine solche Initiative ergreifen, ist bei all dem Erschlagenden, was wir gestern erleben mussten, auch ein Zeichen der Hoffnung.“ Ob die Albertville-Realschule jemals wieder für regulären Unterricht genutzt werden kann, ließen Rau und die Leiterin der Schule, Astrid Hahn, offen. „Schnelle Festlegungen würden zu neuen Verletzungen führen“, sagte Rau. Eine Perspektive für eine neu entstehende Schulgemeinschaft könne nur entwickelt werden, wenn alle - Eltern, Schüler, Lehrer, Schulträger - beteiligt würden. Die psychologische Unterstützung werde „noch einige Zeit“ aufrechterhalten.

Nach den Worten von Schulleiterin Hahn wird den Eltern an diesem Freitag von Psychologen erläutert, wie sie mit ihren traumatisierten Kindern umgehen sollten. Am Wochenende stehe weiterhin psychologische Betreuung für Schüler, Eltern und Lehrer bereit. In der nächsten Woche bestehe noch keine Schulpflicht, aber ein Betreuungsangebot in anderen Schulen mit den Lehrern der Albertville-Realschule. Auch in den Nachtstunden sei eine Hotline geschaltet.

Den Täter, Tim K., kenne sie nicht näher, habe ihm aber im vergangenen Jahr in eben der Halle, in der die Pressekonferenz stattfand, sein Abschlusszeugnis für die Mittlere Reife ausgehändigt. „Als Schulleiterin wird man ja eher mit den Schülern konfrontiert, die sich nicht an die Schulordnung halten.“ Sie habe keine Hinweise, dass Tim K. von seinen Mitschülern gemobbt worden sei. Soziales Miteinander werde in der Schule groß geschrieben: Bereits in der fünften Klasse stehe Sozialtraining auf dem Stundenplan. Gewaltprävention sei ebenfalls im Angebot, erzählte die mit den Tränen ringende Pädagogin. Hahn war von einer Lehrerin per Handy über den Amoklauf informiert worden: „Hier schießt einer. Ich bin getroffen.“ Die Lehrerin überlebte den Anschlag verwundet.

Über die Sicherheit an der Schule werde man sich Gedanken machen müssen. „Sie dürfen aber dort nicht eingesperrt werden. Das wollen unsere Kinder nicht.“ Schulpsychologe Dieter Glatzer sagte, die Wahrnehmung der Schule durch die Schüler als ein Ort der Bedrohung müsse verändert werden. „Sie müssen wieder das Gefühl bekommen, dass sie in der Schule zu Hause sind.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen